Ohne Vertrauensbasis geht nichts

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Sie kümmern sich haupt- und ehrenamtlich um abhängige Menschen, die den Weg in die Beratungsstellen nicht allein finden (von links): Hartmut Nicklau, Fabian Sikeler, Kathrin Mühleck, Renhold Kiegelmann, Andreas Kiemle, Peter Klaes, Werner Adam und Günther Sauter.  Foto: 

Manche Menschen kommen aus ihren Wohnungen nicht mehr heraus. Manche verwahrlosen, weil sie keinen Sinn mehr im Leben sehen. „Manches Mal kommt bei unseren Klienten einiges zusammen wie latente Depressionen, Medikamenten- und Alkoholabhängigkeit“, betont Hartmut Nicklau. Aber jeder einzelne „Fall“ sei anders, grundsätzlich kümmern sich die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der „Aufsuchenden Suchthilfe“ in den Landkreisen Reutlingen und Tübingen vor allem um Menschen in den ländlichen Regionen, die den Weg zu Hilfs- und Beratungsstellen nicht schaffen, wie der Leiter der Suchtberatung beim Diakonieverband Reutlingenberichtet.

Der feine Unterschied im Landkreis Tübingen ist der, dass sich Kathrin Mühleck und Andreas Kiemle als hauptamtliche Mitarbeiter des Diakonieverbands in der Tübinger Region um ältere Abhängige kümmern, während Fabian Sikeler im Kreis Reutlingen auch für Jüngere zuständig ist. Der Kontakt zu den Hilfebedürftigen kommt laut Andreas Kiemle durch die Suchtstationen der Kliniken zustande: „Die rufen bei uns an, wir gehen in die Klinik, klären ab, ob die Abhängigen unsere Hilfe annehmen wollen“, so der Sozialarbeiter. Aber es melden sich auch Angehörige, Nachbarn oder Pflegedienste bei den Hauptamtlichen der Aufsuchenden Suchthilfe. „Natürlich müssen die Betroffenen bereit sein, mit uns zu sprechen“, betont Mühleck. Grundsätzlich sei das Wichtigste zunächst, Vertrauen aufzubauen. Was nicht ganz einfach sei, wenn etwa der Pflegedienst schon den Rückzug angetreten hat, weil die Situation mit der betreffenden Person untragbar wurde.

„Manches Mal leben die Kinder der Abhängigen weit weg, wenn sie dann an Weihnachten mal kommen und merken, dass da was nicht stimmt –  dann melden sie sich bei uns“, so Kiemle. „Manche der Klienten haben eine psychiatrische Diagnose, sie sind oft misstrauisch und wir müssen erst mal abklären, was bei der Hilfe im Vordergrund stehen soll – die Lebensbewältigung oder die Sucht“, ergänzt Mühleck. Oder auch beides. Wenn der Vertrauensaufbau gelingt, „dann sind die Menschen meist sehr herzlich und dankbar“. Erste Schritte werden organisiert, Hartz IV, Rentenansprüche, die Versorgung durch einen Pflegedienst und vieles mehr können da anstehen. Und, wenn möglich, die Entgiftung und Therapie.

Aufgegriffen wurde im Kreis Tübingen mit der „Aufsuchenden Suchthilfe im Alter“ eine Initiative des baden-württembergischen Sozialministeriums – „in dem Bereich hat der Diakonieverband seit 2003 Pionierarbeit betrieben“, betont Nicklau. Es gebe ein spezielles Programm für 65- bis 80-Jährige, „denn auch bei denen ist noch nicht Hopfen und Malz verloren“, so Hartmut Nicklau. „Auch sie können wieder am Leben teilnehmen, wieder Freude und Freunde finden.“

Ähnlich sieht die Aufgabe von Fabian Sikeler im Kreis Reutlingen aus – mit dem einzigen Unterschied, dass seine Klienten auch ein paar Jahre jünger sein können. Aber genauso wie im Landkreis Tübingen übernehmen auch in der Reutlinger Region die Ehrenamtlichen eine gewichtige Rolle – „sie haben einen ganz anderen Zugang zu den Klienten“, betont der Sozialarbeiter Sikeler. Alle freiwilligen Helfer in beiden Landkreisen sind selbst „trockene Alkoholiker“ – sie wissen also, worum es bei der ganzen Angelegenheit geht. Sie können die Klienten nicht nur verstehen, sondern auch anders motivieren, damit sie Hilfe annehmen – sie haben die Situationen ja selbst schon erlebt. So wie Peter Klaes: „Ich war damals in einer Lebenskrise“, sagt er. „Ich habe selber viel Hilfe erfahren und will was zurückgeben“, betont Reinhold Kiegelmann. „Die Leute, die wir aufsuchen, sind oft sehr isoliert und wir sind der einzige normale Kontakt, dadurch entstehen Beziehungen.“ Werner Adam „war selbst Gruppenleiter einer Selbsthilfegruppe und ich will den Abhängigen noch weiter helfen“. Ähnliche Erfahrungen hat Günther Sauter gemacht, auch er fand in einer Selbsthilfegruppe Unterstützung.

Die Erfahrungen der Ehrenamtlichen sind alle gleich: „Wir begleiten die Leute, auch wenn sie nicht in Therapie gehen“, sagt Kiegelmann. „Wir haben den längeren Atem als die Hauptamtlichen, die ja auch nur begrenzt Zeit mitbringen.“ Die freiwilligen Helfer „geben die Hoffnung nicht auf, dass sich bei den Klienten irgendwann doch mal was tut“. Und wenn die Vertrauensbasis zwischen Helfern und Hilfebedürftigen gelegt ist, „dann klappt das auch“, so Sauter.

Das momentane Verhältnis von Frauen und Männern, die Hilfe in der Suchtberatung des Diakonieverbands suchen, liegt laut Hartmut Nicklau bei ungefähr 50:50. „Bestimmte Ereignisse wie der Verlust von geliebten Menschen können sich zu einer manifesten Sucht entwickeln“, betont der Leiter der Suchtberatung. Während laut Reinhold Kiegelmann „bei Männern das Saufen viel eher dazugehört, ist die Scham bei alkoholabhängigen Frauen viel größer“. Das bestätigt Nicklau: „Frauen verheimlichen eine Sucht eher, während Männer eher Druck von außen kriegen und dann bereit sind, was zu ändern.“ nol

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