Neue Töne in altem Gemäuer

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Michael Hagemann, Andrea Offenhäusser und der Reutlinger Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele präsentieren das neue Programm der städtischen Reihe Musica Nova.  Foto: 

Die städtische Reihe Musica Nova feiert in zwei Jahren ihren 50. Geburtstag und ist damit wohl eine der ältesten Konzertreihen für zeitgenössische Musik in Deutschland. Vom 13. Oktober an bietet die Klassikreihe sieben Konzerte im Spendhaus, im Spitalhofsaal und erstmals in der Kreuzkirche – auch ein Sonderkonzert zum 50. Todestag des Reutlinger Komponisten Hugo Herrmann ist dabei.

Ist es ein Indiz des viel berufenen Alterns der Neuen Musik, dass eine ihr gewidmete Konzertreihe Kompositionen zweier Jahrhunderte einschließt? Jedenfalls präsentiert der künstlerische Leiter Michael Hagemann eine große Bandbreite zeitgenössischer Musik, wobei einige der Kompositionen ihre Anregung noch im vergangenen Jahrhundert gefunden haben. Neue und unerhörte Klangwelten in ihrer ganzen Vielfalt und Vitalität zum Klingen zu bringen und als inspirierenden Genuss dem Publikum näher zu bringen, war seit 1969 das spürbare Anliegen von Karl Michael Komma, dem Gründer der Konzertreihe. Seit 1989 von Veit Erdmann maßgeblich gestaltet, hat sein Nachfolger Michael Hagemann, der die Musica Nova seit 2014 leitet, das Profil für Liebhaber neuer und ungewöhnlicher Musik im Sinne Kommas fortgeführt.

Eine fest etablierte Reihe

Unter seiner Regie hat sich die Klassikreihe zu einer Veranstaltung weiterentwickelt, die sich fest im Kulturleben der Stadt etabliert hat. Hier spielten bekannte Künstler vor dem Start in die ganz große Karriere ebenso wie Talente, die erst noch entdeckt werden wollen.

Auch in dieser Saison gibt es eine große Bandbreite von Kompositionen, von der klassischen Moderne bis zur Avantgarde, vom Liederabend bis zum Solokonzert, von der Elektronik über experimentelle Musik bis zur Vertonung eines Märchenklassikers. Einige der Komponisten stammen aus der Achalmstadt oder haben hier gelebt, „man kann sagen, Reutlingen zieht sich wie ein roter Faden durch die Konzerte“, betont Michael Hagemann. Für die kommende Saison kann man sogar ein Abonnement erwerben. Ein Schmankerl hält der 48. Zyklus auch für Schüler und Studenten bereit, die ein ermäßigtes Abo bekommen.

Mit der britisch-israelischen Pianistin und Autorin Heloise Ph. Palmer startet die Reihe am 13. Oktober im Spitalhofsaal in ihre 48. Saison: Palmer sieht sich als ganzheitliche Künstlerin und erweitert die Rolle der Pianistin „zu einem kleinen Gesamtkunstwerk“, wie Hagemann erläutert. Die seit 1992 in Europa, Israel und den USA auftretende Künstlerin geht mit der von ihr geschaffenen Aufführungspraxis ganz neue Wege und versucht durch Kontextualisierung allgemein bekannte Themengebiete mit Werken klassischer Klaviermusik, elektronischen Klängen und visueller Kunst zu verknüpfen. In ihrer Komposition „frei sein: durch leben“ legt sie großen Wert auf Grenzaufweichung in ihrer Kunst, „die schon fast in Richtung Musiktheater geht“, so Michael Hagemann.

Höhepunkt: eine Hommage

Der Höhepunkt der Reihe steigt am 8. November in der Kreuzkirche, mit einem Sonderkonzert, einer Hommage an den Reutlinger Komponisten Hugo Hermann zu seinem 50. Todestag. Kolja Lessing (Violine und Moderation) und Andreas Kersten (Klavier) widmen sich mehreren Kompositionen von Hugo Hermann, der seine musikalisch fruchtbarste Schaffensperiode zwischen 1925 und 1935 in Reutlingen erlebte. Herrmann war ein anerkannter, dem Donaueschinger Kreis um Paul Hindemith verbundener und mit namhaften Kulturpreisen ausgezeichneter Komponist. In der Kreuzkirche kommt sein Violinkonzert von 1931 zur Aufführung, eine von Hans Ferdinand Redlich erstellte Fassung des rekonstruierten und erstmals 1953 in Reutlingen aufgeführten Werkes.

Weiter geht es am 8. Dezember mit der Uraufführung von Friedemann Dähns Streichquartett Nr. 1 „Anonyme Dinge“ mit dem Reutlinger Yellow String Quartet. Der Abend wird komplettiert durch Kompositionen unterschiedlicher Epochen, von Nikodemus Gollnau, Fazil Say, Aulis Sallinen über Erwin Schulhoff bis zu dem amerikanischen Rockmusiker und Enfant terrible Frank Zappa. Experimentell umgesetzt werden dessen Stücke „G-Spot Tornado“ und „Uncle Meat“ vor allem durch den Einsatz von Dähns E-Cello. Im neuen Jahr geht es am 24. Januar im Spendhaus weiter mit dem Liederabend „Herzgedanken“, präsentiert von dem Dresdner Tenor Marcus Ullmann und dem Pianisten Alexander Schmalcz. Zur Aufführung kommen Werke von Igor Strawinsky, Veit Erdmann-Abele, Hans Werner Henze und der Märchenklassiker „Das hässliche junge Entlein“ von Prokofiew.

Komplette Bandbreite

Am 21. Februar gibt es ein Solokonzert des Klarinettisten Zoltán Kovács, unter anderen mit Kompositionen von Robert Delanoff, Jörg Widmann und Helmut Lachenmann, dessen Stück „Dal Niente“ das Motto des Abends vorgibt. Am 23. März präsentiert das Ensemble Zeitklang aus Köln zeitgenössische Musik mit minimalen und meditativen Elementen und zum Abschluss am 13. April kommt das junge, aus Trossingen stammende Sinfonietta Ensemble in den Spitalhofsaal und interpretiert mehrere Werke aus ihrem Programm „next generation“ in Verbindung mit Video und Film. Klassikfreunde können sich auf ein anspruchsvolles Programm freuen, das die ganze Bandbreite der Neuen Musik umfasst.

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