Jazzig und cool interpretiert

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Kein Hausfrauenglück mehr, dafür ein glücklicher Musiker: Curtis Stigers frönt in der mit 750 Besuchern gut gefüllten Stadthalle dem Jazz anstatt dem Schmusepop – und die 17-köpfige SWR Big Band aus Stuttgart frönt auf hohem Niveau mit.

Wie hat sich dieser Mann nur verändert! Es ist ungefähr 25 Jahre her, da sang Curtis Stigers aus dem amerikanischen Idaho auf den großen Bühnen dieser Popwelt und schoss mit Hits wie „I wonder why“ an die Spitzen der internationalen Hitparaden. Wie ein Engel in Fransenlederjacke und Cowboystiefeln stand er da und nicht nur Liebhaberinnen der gepflegten Langhaarfrisur lagen ihm zu Füßen.

Wenn er Songs wie „You‘re all that matters to me“, „Peace, Love and Understanding“ oder „I wonder why“ ins Mikrofon säuselte, öffnete sich der Schmusepop-Himmel. Michael Bolton und Richard Marx standen Spalier, ihn aufzunehmen im Club der Hausfrauenbeglücker.

Heute spielt Curtis Stigers vor vergleichbar kleinerem Kreis, und es ist kaum zu glauben, dass der elegante schlanke Hering mit der strubbeligen Samuel-Beckett-Frisur der gleiche Mann ist, der einst einen Millionenerfolg mit dem Soundtrack des Whitney-Houston-Films „Bodyguard“ feierte.

Heute macht er Jazz, und man merkt sofort, dass hier wohl der wahre Curtis Stigers auf der Bühne steht. Einer, der mit dem Soul-Pop-Sänger von früher kaum noch etwas gemein hat außer seinen Entertainment-Qualitäten, der wirklich außergewöhnlichen Stimme und den beachtlichen Songs, die auch damals schon ziemlich gut waren.

Die alten Hits sind auch heute noch im Repertoire, klingen jetzt aber von einem jazzigen Standpunkt aus interpretiert. Songs, die man in einem Luxusnachtclub in New York oder einer schicken Hotellobby irgendwo im Amerika der 60er Jahre von einem gewissen Frank Sinatra hörte.

Zusammen mit der 17-köpfigen SWR Big Band zelebriert der Sänger und Saxofonist den guten alten Swing, als hätte es nie eine andere Spielart des Jazz gegeben. Das ehemalige Südfunk-Tanzorchester unter der Leitung von Klaus Wagenleiter, 1951 von Erwin Lehn gegründet, präsentiert sich in gewohnt guter Verfassung. Rhythmisch präzise, voller Kraft und durchschlagender Intensität im solistischen Spiel. Dazu zieht der 51-jährige Sänger alle Stilregister. Vom Schmachten und Croonen bis zum Scatgesang zeigt sich die mächtige vokale Bandbreite, die mal an Frank Sinatra, mal an James Taylor, oft gar an Elton John erinnert. Dabei erhebt sich die Stimme nie über den Rest der Musik, Stigers‘ Gesang ist stets gleichberechtigter Teil des Liedes, Teil der Band, die eben viel mehr als nur Begleitung ist.

Doch welche Songs spielt so eine Combo? Andere als man vermutet, eben nicht nur die klassischen Standards. Hier gibt es keinen Nat King Cole, keinen Chet Baker, keinen Miles Davis. In einer seiner zahlreichen gutgelaunten Ansprachen geht Stigers darauf ein, dass man als Jazzmusiker auch Evergreens wie Cole Porters „I‘ve got you under my skin“, Bart Howards „Fly me to the moon“ oder Victor Youngs „My foolish heart“ spielen dürfe, die man allesamt aus dem Repertoire von Frank Sinatra kennt.

Zudem gibt er Songs von Emmylou Harris oder Bob Dylan zum Besten und in diesem musikalischen Kontext auch Unerwartetes wie etwa „Summerwind“ des deutschen Komponisten Henry Mayer. Niemand käme auf die Idee, dass diese Stücke jemals anders klangen als diese Jazznummern, zu denen der Charmeur aus Idaho sie hier macht.

Curtis Stigers, der mit dem Jazz aufwuchs und als Jugendlicher schon an Saxofon und Klarinette Sessions mit Blue-Note-Legende Gene Harris spielte, hat seinen musikalischen Platz gefunden. Weit abseits von Whitney Houston und Kuschelrock-CDs, weit abseits der großen Bühnen und lautstarker Fanhysterie. Was also ist aus ihm geworden? Wohl nichts anderes als ein glücklicher Musiker.

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