Was nun? Mehr Sohn als Ehemann

geht Beziehungsfragen auf den Grund Otto Lapp
geht Beziehungsfragen auf den Grund Otto Lapp © Foto: d
OTTO LAPP 08.10.2016

Viele Erwartungen. Eine Beziehung besteht aus mehr als einem Paar. Würden alle, die rein-, mit- und dazwischenreden möchten, an einem Tisch sitzen, wäre dieser so lang wie früher in den Schlössern, wo die Adligen tafelten. Eltern, Kinder, Verwandte, Freunde, Kollegen, die Chefs – ein Paar geht glatt unter in dem Gewirr von Meinungen, Forderungen und Erwartungen.

Markus (58) und seine Frau Julia (53) haben ein solches Mengenproblem, bei dem sie merken, wie schnell eine Person von außerhalb die Grundpfeiler ihrer Ehe ins Wanken bringt. Markus kümmert sich nämlich liebevoll um seine nicht mehr ganz gesunde Mutter. Wie es seiner Frau Julia geht, scheint Nebensache. Sie ist eifersüchtig und fühlt sich zurückgesetzt.

Man kann sie gut verstehen. Sie hat einen Mann geheiratet, der sich hauptsächlich um seine Familie und seine Beziehung kümmern sollte, der aber mehr Kraft, Zeit und Aufmerksamkeit auf die Pflege seiner Mutter verwendet. Ist Julia herzlos? Oder schafft er es nicht, klare Grenzen zu ziehen?

Wenn Julia ihrem Ehemann das ankreidet, ist das kein Angriff auf ihn persönlich. Wie immer hat die Sache zwei Seiten. Natürlich braucht sie ein gewisses Maß an Verständnis. Schließlich geht es um eine alte Frau, die sich nicht mehr selbst versorgen kann. Aber es geht auch um ihren Ehemann, der in seiner Aufgabe aufzugehen scheint. Julia erlebt täglich, wie stark sein – außereheliches – Engagement ist. Und wie sie dabei zu kurz kommt.

Er ist sich dessen gar nicht bewusst, sagt die Beziehungs-Expertin Nora Nägele aus Stuttgart. Und sie bricht eine Lanze für Markus und dessen aufopfernde Pflege seiner Mutter.

Auch als Erwachsene laufen wir Gefahr, in die Kinderrolle abzurutschen. Kinder fühlen sich dafür verantwortlich, dass es ihren Eltern gut geht. Aber in dieser Erkenntnis liegt auch die Lösung des Problems. Denn der erwachsene Mann ist eben kein Kind mehr. Wenn er sich um seine Mutter kümmert, ist dies zu loben. Dennoch sollte er dies mit emotionalem Abstand tun. Im Idealfall prüft er, was hilfreich und was notwendig ist. Nur dann hat er auch seine Frau im Blick.

Wenn er aber nur in der Rolle des Sohnes aufgeht, hat er nicht mehr den nötigen Abstand. Die Gefahr besteht, dass er übers Ziel hinausschießt und seine Ehe aufs Spiel setzt.

Wie es seiner Frau gelingt, ihm das bewusst zu machen, ist nicht einfach. Es ihm unverblümt ins Gesicht zu sagen, wird nicht funktionieren. Vielleicht geht es nur dann, wenn sie ihm keine Vorwürfe macht, sondern sein Bemühen um das Wohlergehen seiner Mutter würdigt. Und wenn er sich anerkannt fühlt, ist die Ausgangsbasis für das eheliche Gespräch erfolgversprechender. Hier könnte Julia deutlich machen, dass es auch noch eine Ehefrau gibt, die seiner Aufmerksamkeit bedarf. Und die darf sie einfordern.

Denn es ist seine Aufgabe, zwischen seiner Familie und seiner Mutter den richtigen Weg zu finden. Mit der Ehe hat Markus das Ende seiner Ursprungsfamilie besiegelt. Er ist an diesem langen Tisch mehr Ehemann als Sohn.

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