"Dort drinnen im Kassenhäusle war die Befehlsstelle", sagt Manfred Emele. Der 87-Jährige steht am Zwinger, und deutet auf den Neubau-Eingang am Pechnasenturm. "Dort war ich, als der Anruf kam." Vermutlich sei die Meldung vom Anflug der US-Bomber von einem Luftbeobachter am Einkorn gekommen, "zwei Minuten später hat's gerumpelt". Gerade 17 Jahre alt, war Emele bei der Feuerwehr als Melder und immer wieder bei Brandwachen eingeteilt. Bei Fliegeralarm ging es ins Gerätehaus zur Mannschaft im Hospital. Als er beim Alarm am 23. Februar kurz vor Mittag aus der Befehlsstelle kam, traf er auf eine alte Frau vom Rosenbühl: "Sie war über 90 und klapperdürr." Sie sollte zum Luftschutzstollen an der Stuttgarter Straße, sei vor Angst aber wie gelähmt gewesen, erinnert sich Emele: "Ich habe sie einfach gepackt und drüben am Stolleneingang abgegeben." Dann lief er zum Gerätehaus, um sich dort einteilen zu lassen.

Manfred Emele hat auf einer Hall-Karte die Pumpstationen eingezeichnet und wo die Feuerwehrfahrzeuge stationiert waren. Die Ausstattung: das LF 20, ein Großfahrzeug mit Vollgummireifen aus den 20er-Jahren, das LF 15 aus den 30ern, das LF 8, eine "Pappendeckelspritze mit einer Karosserie aus Pressspan", und die Drehleiter DL 25. Emele ist Experte, viele Jahre war er Haller Stadtbrandmeister sowie stellvertretender Kreisbrandmeister. Als studierter Ingenieur für Vermessungswesen und ehemaliger Leiter der Vermessungsabteilung bei der Stadt hat er ein Faible für Pläne und Karten.

Im März 1943 war Emele mit 15 Jahren der Jugendfeuerwehr beigetreten, die sich damals unter dem Dach der Hitler-Jugend (HJ) befand. "Wir waren jung und begeisterungsfähig", erzählt er offen. Nur noch ein Bruchteil der aktiven Haller Feuerwehrmänner - zwischen 50 und 70 Jahre alt - sei überhaupt noch in der Stadt gewesen. Die anderen waren im Krieg. Die Jugendfeuerwehr in ihrer HJ-Uniform sei von den Feuerleuten aber durchaus beäugt worden.

Eher Abenteuer als Angst

Angst habe er nicht gekannt, vieles habe sich eher nach Abenteuer angefühlt. Für seine Eltern - sein Vater arbeitete als Schriftsetzer beim Haller Tagblatt und war Sozialdemokrat - seien die jugendlichen Umtriebe des Sohnes ein Problem gewesen. "Wir führten in diesem Alter ein Eigenleben, und wir sind rotzfrech geworden." Es habe die Einstellung geherrscht, "wir leben eh nicht lange". Emele hatte allerhand gesehen: Bilder von menschlichem Leid, die sich ihm beim Einsatz zusammen mit den Haller Feuerwehrmännern nach dem Bombenangriff am 4. Dezember 1944 auf Heilbronn tief einprägten.

Kurz vor Mittag am 23. Februar 1945 bombardierten 24 viermotorige Maschinen, so genannte "fliegende Festungen" im Zuge der amerikanischen Luftoffensive "Clarion" gegen deutsche Verkehrseinrichtungen den Haller Bahnhof: Zwei Schwadrone mit je zwölf B-17-Bombern. Sie trugen die Namen "94th B" und "94th C" hat der Geschichtsforscher und Buchautor Michael Sylvester Koziol herausgefunden. Die Maschinen sollen sich von dem Angriff auf Crailsheim gelöst haben. Emele hat auf seiner Karte die Linie des vermutlichen Bomberanflugs eingezeichnet: Sie verläuft in einer südlichen Parallele zur Startbahn des Hessentaler Fliegerhorstes. "Wären sie direkt über die Startbahn geflogen, hätte es die Haller Altstadt getroffen - nicht auszudenken", schlussfolgert er.

70 Tonnen Sprengbomben fielen kurz vor Mittag in einem Gebiet zwischen Seifferheldstraße und Hangkante zum Reifenhof hin. Am schwersten getroffen waren die Ackeranlagen, der Lindach, die Bahnhofstraße und der Bahnhof. Dorthin wurde Emele mit seinen Kameraden beordert. Im Bahnhof brannte es. "Dort gab es beim Gepäckraum einen Ofen und brennbares Material", vermutet Emele. Gelöscht wurde mit Wasser aus dem Kocher. Vom Fluss aus am "Kronprinz" vorbei hoch zum Bahnhof legten die Feuerwehrleute Schläuche. Die Hitze-Entwicklung am Bahnhof sei so groß gewesen, dass die drei Männer am Strahlrohr hinter dem Stamm einer der Kastanien Schutz suchen mussten. Sie zielten mit dem Wasser quasi hinterm Baum hervor. Nach einiger Zeit war der Brand unter Kontrolle.

Emele erinnert sich, dass er später heimging in die Rippergstraße - zum Mittagessen und zum Gratulieren, denn seine Mutter hatte Geburtstag. Danach ging er zurück, um sich fürs Aufräumen und zur Nachtwache wieder einteilen zu lassen. Auf der Gottwollshäuser Steige traf er einen Jugendlichen aus Gailenkirchen: "Der war komplett weiß." Emele fragte, was los sei. "Wir waren verschüttet", antwortete der Junge - noch so eine Szene, die sich Emele einbrannte.

Startbahn wenige Tage später wieder benutzt

"Mit dem Bahnhof wurden 16 Gebäude in der Katharinenvorstadt, der Ringstraße und den Ackeranlagen zerstört, weitere 73 beschädigt, zwischen 48 und 53 Menschen getötet", schreiben Andreas Maisch und Daniel Stihler in ihrem Buch "Schwäbisch Hall - Geschichte einer Stadt" über den Angriff am 23. Februar 1945. Zwei Tage später wurde der Fliegerhorst Hessental getroffen. "Die Startbahn wurde aber wenige Tage später schon wieder benutzt", berichtet Koziol. Auch mit Hilfe der Häftlinge aus dem Konzentrationslager Hessental wurde das Rollfeld wieder hergestellt.


Thema Kriegsende: Das Haller Tagblatt sucht Zeitzeugen

Deutschland 1945 Der Zweite Weltkrieg endete am 8. Mai 1945. Als an diesem Tag endlich die Waffen schwiegen, waren mehr als 50 Millionen Menschen tot: gefallen an der Front, ermordet in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, verbrannt in den Bombennächten, gestorben an Hunger, Kälte und Gewalt auf der großen Flucht. Der verstorbene Bundespräsident Richard von Weizsäcker nannte den 8. Mai auch einen „Tag der Befreiung“ von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das Datum steht auch für den schwierigen Neuanfang in Deutschland, dessen Wirtschaft, dessen Städte und Dörfer in Trümmern lagen.

70 Jahre danach Sowohl das Haller Tagblatt als auch die Südwest-Presse wollen an das Frühjahr und den Sommer 1945 erinnern: an die letzten Kriegswochen, als Kinder und Greise noch zum Volkssturm herangezogen und verheizt wurden, sowie an die ersten Wochen und Monate nach dem Einmarsch der Amerikaner. Für diese Serie suchen wir Zeitzeugen, die mit Fotos von ihren Erlebnissen berichten.

Kontakt Zeitzeugen, die uns ihre Geschichte schildern möchten, können sich bei uns melden per E-Mail unter redaktion@hallertagblatt.de oder unter Telefon 0791 / 404410.