Blut soll geflossen sein, vor vielen Jahren. „Von einem Ausflug kommend wurde hier am 3.9.1965 Karl Engelhardt erschossen“, steht auf einem kleinen grünen Schild an einem zersplitterten, kahlen Baumstammrest, kaum noch lesbar. Mord? Blut?

Der Rote Berg hat seinen Namen wohl eher von den dort wachsenden Rotbuchen. Was fließt, ist Schweiß – in Strömen und täglich, winters wie sommers. Der Rote Berg ist Ulms Läufer-Eldorado.

Böse Zungen behaupten, es fehle nur noch ein Parkhaus im Wald. Jedenfalls ist das schmale Sträßchen an der Schönstatt Kapelle vorbei steil hinauf zum Wanderparkplatz mittlerweile asphaltiert. Dicke Geschäfts- und teure Zweitwagen mit Namensinitial-Nummernschildern oder UL-M-Kombination stehen dicht an dicht, zumindest am Wochenende. Allein die Söflinger sind am Roten Berg dreimal die Woche mit vier bis fünf Leistungsgruppen unterwegs. Start ist stets am Parkplatz, an dem der Waldkindergarten seine zwei Bauwagen eingerichtet hat und auf der anderen Seite eine Grillstelle angelegt ist. Vermutlich waren es auch Lauftreff-Teilnehmer, die das Gedicht vom Doc Wald an einem Baum befestigt haben. Und es stimmt ja: Dort im Wald kann man sich gesund laufen.

Verlaufen kann man sich auch, unzählige Wege durchziehen das Gebiet zwischen Söflingen und Ermingen, ständig trifft man auf Abzweigungen oder Kreuzungen. Gerade das macht den Reiz aus: „Es gibt relativ leichte Strecken für Anfänger genauso wie bergige für Trainierte, und die Wege sind breit, also auch für Nordic Walking-Gruppen ideal“, sagt Hanni Zehender, die bereits zweieinhalbmal um den Erdball gelaufen ist. Am Roten Berg fühlt sich die Triathlon-Europameisterin von 1984 sozusagen zuhause. Dort hat sie vor gut vier Jahrzehnten mit dem Laufen angefangen, sich oft zwischen den Bäumen versteckt, wenn Spaziergänger kamen, „weil die sonst erschrocken wären. Laufen war damals noch nicht üblich, für Frauen ohnehin nicht“, erzählt die drahtige 66-Jährige.

Zu vielen der Kalkschotter-Wege gibt es Lauf-Geschichten: Der Schinderweg heißt so, weil er sehr steil ist und dem Sportler alles abverlangt, auf dem Romantikweg wurde vor Jahren ein Pärchen unliebsam von einer Läufergruppe gestört und auf dem Schicksalsweg hat sich ein stadtbekannter Professor die Hand gebrochen, als er beim Laufen ausrutschte. Vor allem der Hauptweg mit dem „Gymnastikplatz“ bei der Schutzhütte wird von Läufern, Walkern, Bikern, Spaziergängern und Reitern genutzt. Er liegt sehr hoch, trennt Blau- und Donautal und ist, weiß Hanni Zehender aus Erfahrung, äußerst blitzgefährdet.

Biegt man irgendwann vom Hauptweg rechts ab, kommt man zu zwei ganz besonderen Bäumen: Sequoiadendron giganteum. Wie aber kommen die über 30 Meter hohen Mammutbäume aus ihrer Heimat Kalifornien nach Söflingen? König Wilhelm der I. soll um 1870 für die königlichen Parks Samen aus Übersee geordert und die Sämlinge auf die Forstreviere des Landes verteilt haben. Ihre rotbraune, schwammige Borke ist angenehm weich, doch umarmen lassen sich die dickstämmigen Mammutbäume nicht.

Es sind aber nicht nur die beiden exotischen Exemplare, die sich am Roten Berg bestaunen lassen. Unter die Rotbuchen haben sich Fichten, Tannen, Linden, Eschen, Ahorn, Eichen, Birken und riesige Lärchen gemischt. Die Kinder des Waldkindergartens dürften mehr Bäume kennen als ihre spätere Grundschullehrerin. An einer Kreuzung steht eine Kastanie, und am Wegrand wachsen wilde Himbeeren, Brombeeren und an feuchten Stellen sogar Rohrputzer, die in den 60er Jahren gerne in Bodenvasen gestellt wurden, mittlerweile aber geschützt sind.

Ob die Läufer die Vielfalt der Natur überhaupt wahrnehmen? Kommen sie einem in Scharen entgegen, lauthals Kochrezepte oder Beziehungsprobleme diskutierend, ist das nur schwer vorstellbar. Dass aber kein falscher Eindruck entsteht: Man kann am Roten Berg durchaus die sprichwörtliche Waldesruh’ genießen. Das Gebiet ist groß und die Wege sind verzweigt genug, dass einem nicht ständig ein schnaufender Sportler entgegenkommt. Am schönsten ist es ohnehin, nicht die Hauptwege zu nehmen und höchstens zu zweit unterwegs zu sein. Dann kann man auch noch wahrnehmen, dass sich auf dem Weg vor einem gerade ein prächtiges Pfauenauge niedergelassen hat.