Die Kinder-Uni hat sich in vielen Ländern etabliert. Doch nach all den Erfolgsjahren schien ihr plötzlich die Luft auszugehen: Ein Virus leerte die Hörsäle. Nach 18 Jahren fiel die Tübinger Kinder-Uni, die als erste der Welt im Sommersemester 2002 auf Initiative unserer Partnerzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ geboren wurde, vor eineinhalb Jahren erstmals aus. Der Unibetrieb hatte genug damit zu tun, all die regulär immatrikulierten Student/innen mit Material zu versorgen. Für eine Online-Kinder-Uni gab es keine Kapazitäten. Und wie sollte sich eine Uni für Kinder überhaupt in ein langweiliges Bildschirmformat pressen lassen? Warum sollten Kinder, deren Augen und Ohren an technisch brillante, raffiniert und aufwändig gemachte Filme gewöhnt sind, ihre Aufmerksamkeit auf ein ruhiges Vorlesungsvideo richten? Das ist doch laaaaaangweilig!
Trotzdem startet am Donnerstag, 30. September mit einer Vorlesung über Viren eine neue aufwändig produzierte Kinder-Uni-Reihe: Zwölf Vorlesungen, die nur im Internet zu sehen sind. Jeden Monat geht eine Vorlesung ins Netz, alle zwölf sind weltweit kostenlos abrufbar. Mit dabei sind renommierte Wissenschaftler wie die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, der Experte für Verschwörungstheorien Michael Butter oder die Tübinger KI-Legende Bernhard Schölkopf. Das Themenspektrum reicht von Viren über Verschwörungstheorien, die Entstehung von Kriegen bis hin zum Stress von Schnecken.

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Den Auftakt macht der Tübinger Virologie-Professor Thomas Iftner, der erklärt, warum manche Viren krank machen. Abrufbar ab 17 Uhr.
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Youtube Warum machen manche Viren krank? Mit Prof. Thomas Iftner

Verantwortlich für den Sprung der Kinder-Uni ins Netz ist ein Tübinger Professor. Der Bildungsforscher Ulrich Trautwein beschäftigt sich seit langem mit der Frage, wie Kinder lernen, was Schule ausmacht und wie Kinder zum Wissenwollen angestiftet werden. Trautwein leitet zugleich das Team der Wissenschaftlichen Begleitung der Hector Kinderakademien, die in ganz Baden-Württemberg außerschulische Kurse für derzeit 23 000 hochbegabte Kinder anbieten. Hinter den Kinderakademien steht als kapitalkräftiger Geldgeber die Weinheimer Hector Stiftung, die mit 100 Millionen Euro auch das KI-Zentrum in Tübingen fördert. Trautwein konnte sie als Förderer der Kinder-Uni gewinnen. Er selber hatte die Kinder-Uni auf CDs kennengelernt. Bei Autofahrten einigte sich die fünfköpfige Familie immer wieder auf diese CDs: „Es war die Medienform, auf die sich alle einlassen konnten.“ Die beiden größeren Söhne hörten interessiert zu, der kleinen Tochter fielen beim Klang der Stimmen die Augen zu: „Es gab keinen Streit im Auto“, freute sich der Bildungsforscher.

Wissen soll Spaß machen

Doch die schöne Harmonie im Auto war nicht der Grund, warum ihn die Kinder-Uni überzeugte und er an ihre digitale Ausweitung dachte. „Die Kinder-Uni vermittelt Wissen und Kompetenzen und macht zugleich Spaß.“ Mit digitalen Animationen könnte sie ihr Erscheinungsbild und ihren Erklärcharakter sogar noch verbessern, glaubte Trautwein, und zu einem didaktisch gut gemachten, überdauernden Format werden. Die Kinder sollten in der Digitalfassung auch mehr über die Forscher selber erfahren, wie diese als Kinder tickten und wie ihr Interesse an Wissenschaft entstand. Dass Frauen die gleiche Begabung für Naturwissenschaften haben wie Männer soll ein weiterer Lerneffekt der Reihe sein. Und noch ein Pluspunkt: Das Internet reicht weit über das Einzugsgebiet jeder Universität hinaus. „Es sorgt für mehr Chancengerechtigkeit“, so der Bildungsforscher.
Wie aber wird verhindert, dass Kinder ihren Wissensdurst nicht gleich nach kürzester Zeit gestillt sehen und sich dann lieber im Netz von Minecraft oder FIFA verfangen? Dafür sorgte ein Kinospezialist. Carsten Schuffert hat mit seiner Tübinger Firma „Bewegte Bilder“ wertvolle Erfahrungen in Produktionen und Postproduktionen von Filmen gesammelt (zuletzt: „Sophie Scholl - die letzten Tage“ oder „Und morgen die ganze Welt“). Mit Einfallsreichtum und Spaß stellten sich seine Leute der Aufgabe.
„Die Transformation von wissenschaftlichem Vortrag in ein visuelles Medium“, so Schuffert, wurde zu einer aufwendigen Sache. Im analogen Hörsaal mögen schlichte Folien zur Illustration eines Themas reichen, das Netz muss schon mehr bieten: Animationen, Überraschungen und lustige Einsprengsel lockern den Vortrag auf. Ein alter Fernsehapparat aus Urgroßvaterzeiten saust mit Düsenantrieb über den Bildschirm. Manche Erscheinung scheint aus Harry Potters Welt entwendet worden, und die Professor/innen können sogar richtig abheben – jedenfalls vom Boden.
Jeden Monat gibt es eine neue Vorlesung per Video.
Jeden Monat gibt es eine neue Vorlesung per Video.
© Foto: Hector Kinderakademien
Im virtuellen Raum fehlt die Atmosphäre eines vollen Hörsaals. In der neuen digitalen Kinder-Uni wird diese Leerstelle durch ein Comedy-Duo gefüllt. Helge Thun, der Tübinger Allround-Künstler, Comedian und Zauberer, und sein Kollege Udo Zepezauer, ebenfalls Comedian, Impro-Künstler und Schauspieler, sind in den Rollen eines übereifrigen akademischen Assistenten und eines bodenständigen, mitunter blitzgescheiten Hausmeisters zu sehen. Ein komisches Paar, das die wissenschaftlichen Informationen auf eigenwillige Art verarbeitet und kommentiert.
Die erste Folge der Kinder-Akademie heißt "Warum machen manche Viren krank?" und wird von Professor Thomas Iftner, Virologe und Biologe, bestritten.
Die erste Folge der Kinder-Akademie heißt „Warum machen manche Viren krank?“ und wird von Professor Thomas Iftner, Virologe und Biologe, bestritten.
© Foto: Hector Kinderakademien
In den frühen Kinder-Uni-Jahren mussten die Erwachsenen immer draußen bleiben. Die Kinder hatten ein absolutes Vorrecht auf die knappen Plätze. Die digitalen Vorlesungen kennen diese Altersbeschränkungen nicht. Auch Erwachsene sind willkommen. Zum Start der Reihe erklärt ab heute der Tübinger Virologie-Professor Thomas Iftner, warum manche Viren krank machen. Abrufbar ab 17 Uhr unter diesem Link.