Rund 75 Prozent der über 35-Jährigen leiden an Parodontitis. Mehr als 80 Prozent der Erwachsenen zeigen Symptome einer Zahnfleischentzündung. Parodontale Erkrankungen sind damit der Hauptgrund für den Zahnverlust im Erwachsenenalter. Fast 12 Millionen Erwachsene in Deutschland haben eine schwerwiegende parodontale Erkrankung vorzuweisen.

Frau Dr. Ermler, was sind die Warnsignale?

Zahnfleischbluten ist ein Entzündungszeichen, auf das man achten sollte. Bei einer Parodontitis vermehren sich Bakterien unterhalb des Zahnfleisches. Das Zahnfleisch geht zurück und die Zahnhälse werden allmählich freigelegt. Dadurch färbt sich das Zahnfleisch dunkelrot und blutet. Empfindliche Zähne und Zahnhälse bei Temperaturunterschieden sowie Mundgeruch aufgrund einer gestörten Mundflora sind weitere Signale. Die Zähne können sich außerdem im fortgeschrittenen Verlauf der Erkrankung lockern.

Welche Risikofaktoren gibt es?

Raucher haben ein deutlich höheres Risiko. Und die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Auch Stress begünstigt die Erkrankung.

 Welche Ernährungsformen und Lebensweisen schädigen das Zahnfleisch, respektive wirken unterstützend?

Eine gesunde und ausgewogene Ernährung, bestehend aus reichlich Obst und Gemüse sowie zusätzliche Vitamine und Mineralstoffe, wie etwa Vitamin C, B12, D und Zink, wirken unterstützend. Es gilt dabei, wenig Kohlenhydrate zu sich zu nehmen und auf Haushaltszucker möglichst zu verzichten, da dieser Zahnbelag verursachen kann. Rauchen sollte man reduzieren oder auf Nikotin direkt verzichten. Nikotin führt dazu, dass Mineralstoffe nicht gut verarbeitet werden.

Kann die Erkrankung auch erblichkeitsbedingt auftreten?

Ja. Durch einen bestimmten Gendefekt kann der Körper entzündungsfördernde Botenstoffe produzieren. Wenn eine solche genetische Disposition vorhanden ist, kann man mit regelmäßiger Zahnreinigung und Prophylaxe entgegenwirken.

Einige Erkrankungen stehen im Zusammenhang mit dem Plaque-Biofilm?

Genau. Die Beläge, die auf dem Zahn bleiben, der sogenannte Plaque-Biofilm, kann unter den Zahn rutschen. Diese Bakterien schädigen mit ihrem Stoffwechsel den Knochen und er geht dadurch zurück. Je mehr Plaque wir auf den Zähnen haben, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Bakterien durch die Blutbahn in den Körper geschwemmt werden.

Zum Tag der Zahngesundheit am 26. September wird die Parodontitis als „Zündstoff im Mund“ thematisiert. Wie ist das zu verstehen?

In den letzten Jahren wurden die Auswirkungen der Parodontitis auf Mundhöhle, Zahnbett und Schleimhaut sowie die Wechselwirkungen und Zusammenhänge mit anderen Krankheiten besser erforscht. Die Parodontitis kann nicht nur zum Verlust der Zähne führen, sie steht außerdem im Zusammenhang mit anderen Krankheiten des Gesamtorganismus – so etwa Diabetes mellitus, koronare Herzerkrankungen, Schlaganfall und rheumatoider Arthritis. Der von der Parodontitis versursachte erhöhte Bakterienspiegel kann sogar zu Früh- und Fehlgeburten führen. Wie man sieht: Die Auswirkungen sind immens. An jedem Zahn hängt ein gesunder oder kranker Mensch!

Wie kann es gelingen, in der Bevölkerung mehr Bewusstsein für das Ausmaß dieser Erkrankung zu schaffen?

Zahnärzte leisten bereits viel Aufklärungsarbeit. Dadurch, dass die Erkrankung allerdings sehr schleichend verläuft, kommen Patienten oftmals erst dann in die Praxis, wenn es schon fast zu spät ist.

Die gezielte Gesundheitserziehung im Kindesalter spielt eine wesentliche Rolle, um die Wahrscheinlichkeit für eine Parodontitis stark einzugrenzen. Wie können Eltern auf die Mundhygiene ihrer Kinder einwirken?

Eltern haben eine Vorbildfunktion. Es spielt eine wichtige Rolle, dass man die Zahnpflege als Routine dem Alter entsprechend mitgibt. Eltern sollten auch auf die Ernährung ihrer Kinder achten. Viele Kinderprodukte sind massiv zuckerhaltig. Es gilt: Wenig Zucker für eine zahngesunde Ernährung!

Welche Therapiemethoden gibt es?

Als erstes wird ein Keimtest durchgeführt. Oftmals liegt eine Mischinfektion aus verschiedenen Keimen vor. Dann werden die Bakterien durch eine Antibiotika-Therapie minimiert und die Zahnfleischtaschen gesäubert. Viele Patienten denken, dass nach der Behandlung alles wieder gut ist. Die Antibiotikatherapie verhindert den schwerwiegenden Verlauf einer Parodontitis jedoch nicht. Sie ist lediglich eine unterstützende Therapie. Wenn die Taschen sehr tief sitzen, hilft nur noch eine chirurgische Therapie.

Welche Prophylaxe- und Zahnpflegemaßnahmen sollten Erkrankte einhalten?

Die häusliche Zahnpflege ist das A und O! Zur Gesunderhaltung empfiehlt sich die Reinigung mit Zahnseide und Interdentalbürstchen, sowie regelmäßige Zungenreinigung, weil sich Bakterien auch auf der Zunge befinden. Eine professionelle Zahnreinigung sollten Betroffene mindestens zweimal pro Jahr vornehmen lassen.

Ist eine Parodontitis heilbar?

Die Parodontitis ist eine chronische und unheilbare Erkrankung. Man kann den Verlauf der Parodontitis zwar stoppen. Der Knochen hingegen kommt nicht zurück. Deshalb ist eine Früherkennung sehr wichtig.
Weiterführende Informationen: www.zahnhygiene.de

Zur Person

Dr. Romy Ermler ist Vizepräsidentin der Bundeszahnärztekammer und niedergelassene Zahnärztin in eigener Praxis in Potsdam. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte sind die Prothetik und Parodontologie.