Ja, es fließen Tränen. Aber noch mehr als geweint wird gelacht. Und wenn Sarah Krämer und Klaus Hönig von der „Ulmer Schatzkiste“ erzählen, strahlen sie. Sie beschäftigen sich mit dem Sterben, und dabei doch viel mehr mit dem Leben.
Krämer macht am Uniklinikum die Facharztausbildung für psychosomatische Medizin, der Psychoonkologe Hönig leitet die Ulmer Krebsberatungsstelle. Vor einem Jahr haben sie ihr Projekt gestartet. Mit geringen finanziellen Mitteln, aber mit Herzblut und vor allem einem einer Idee, die nur wenige Menschen kaltlässt.
Denn ihre Schatzkiste bietet schwer krebskranken Eltern mit kleinen Kindern die Möglichkeit, einen „Film ihres Lebens“ zu drehen. Und daraus wird jetzt eine Erfolgsgeschichte. Beziehungsweise eine Reihe von schönen Geschichten, denn jeder Film erzählt etwas Einzigartiges, Wertvolles.
Bis zum Ende des vierten Lebensjahres können Menschen Erinnerungen nicht dauerhaft speichern. Sterben Eltern früh, behalten Kinder also keine Erlebnisse mit ihren Eltern im Gedächtnis. Die Schatzkiste ermöglicht es den Todkranken, über sich und von sich zu erzählen: Erfahrungen und Anekdoten, Wünsche und Ratschläge, was sie gedacht haben und was sie bewegt hat. Und das alles ganz persönlich, so wie sie eben reden.

Acht Drehtermine im kommenden Jahr

Das Team der Schatzkiste – Interviewer, Kameraleute, Stylisten, Psychologen – ist gewachsen und auch zusammengewachsen. Vier Filme wurden in diesem Jahr gedreht. Für das kommende sind acht Termine geplant, bei dem je zwei Filme gedreht werden können. Dafür ist die Finanzierung gesichert. Und der Bedarf ist da: Etwa eine halbe Million Menschen erkrankt in Deutschland jährlich an Krebs, 37 000 davon haben minderjährige Kinder.
Alle sechs bis acht Wochen kann 2023 die Kamera laufen. Mehr Termine, das bedeutet mehr Gewissheit, dass auch tatsächlich gedreht wird. Denn aufgrund des kritischen Gesundheitszustands der Protagonisten muss es oft rasch gehen. Operationen oder Nebenwirkungen einer Chemotherapie verhindern manchmal Termine kurzfristig. Eine Krebspatientin starb, bevor gedreht werden konnte.
Vier Frauen haben sich bislang in Schatzkisten-Filmen für ihre Nachkommen verewigt: drei waren Mitte/Ende 30, eine um die 50. Alle hatten Kinder im Kita- oder frühen Grundschulalter. Sie alle lebten dann nicht mehr lange, konnten den fertig geschnittenen, mit Fotos angereicherten Film nicht mehr sehen. Oder haben bewusst darauf verzichtet.
Alle vier Filme seien schön geworden und dabei sehr unterschiedlich, sagt Krämer. Der kürzeste dauert 45 Minuten, der längste mehr als zwei Stunden. „Es ist immer wieder ein Abenteuer.“ Gedreht wird im warmen Ambiente der Villa Eberhardt.

„Sie sagte mir, dass sie mir vertraut“

In der Nacht und am Morgen vor dem ersten Interview sei sie enorm nervös gewesen, berichtet Sarah Krämer. „Doch als sich die Patientin hinsetzte, war da das Gefühl einer Verbindung da. Sie sagte mir, dass sie mir vertraut.“ Die Frau habe offen erzählt. Und sie selbst sei am Abend des ersten Drehs dankbar und glücklich gewesen, „welche Geschichten und Gefühle wir auffangen konnten“, erzählt die Ärztin. Die Kamera werde schnell vergessen, „sie erzählen einfach mir“.
Angefangen wird immer mit der Biografie, mit Kindheit und Schulzeit und stets auch mit „unterhaltsamen Jugendsünden“. Dann erzählten die Protagonistinnen, wer und wie sie waren: von ihren Eigenschaften, ihren Hobbys und Vorlieben, von Lieblingsbüchern und -musik. Damit die Kinder einst verstehen, was die Mutter daran geliebt hat.
Es geht in den Gesprächen vor der Kamera auch um die Krankheit, um das Sterben, „wie sie sich den Tod vorstellen und was danach kommen mag“, sagt Sarah Krämer. „Und was sie der Familie wünschen.“ Eine Patientin wollte nicht über das Elend und das Ende sprechen, berichtet Hönig, „aber das war dann natürlich auch in Ordnung.“

„Ich muss mich einlassen“

Am Ende steht der Abschied: an Kinder, Partner, Freunde gerichtete Worte, direkt in die Kamera. Natürlich sei das bewegend, aufwühlend, auch für das Team, sagt Krämer. „Aber ich muss mich darauf einlassen.“ Und die Protagonistinnen werden professionell psychologisch begleitet, betont Hönig. Eine Frau habe erzählt, dass sie sich so furchtbare Sorgen macht, ihr Mann könnte ohne sie nicht zurechtkommen. Auch dafür ist Zeit.
Die Frauen seien nach den Aufnahmen erschöpft gewesen. „Manche sagen, es sei das Schwierigste, was sie je gemacht haben. Aber sie sind stolz darauf.“ Und in all die Trauer mische sich immer wieder Freude, sagt Krämer. „Wir lachen viel.“ Die Krankheit sei am Ende so dominant und verdränge das Gute und Schöne der Jahre zuvor, und das müsse man wieder hervorholen, sagt Honig. „Wir achten auf die Balance.“
In den onkologischen Abteilungen des Universitätsklinikums Ulm spricht sich das Angebot herum. Krämer und Hönig gehen aber auch auf Palliativdienste in der Region zu, können sich ebenso eine Zusammenarbeit mit dem Hospiz vorstellen.
Hönig wünscht sich, dass sich manche Schwerkranke früher entschließen, das Angebot anzunehmen. „Dann hätten sie noch mehr von dem Prozess, von der Begleitung, die wir anbieten.“ Denn die Schatzkiste bietet den Patienten nicht nur die Möglichkeit, etwas zu hinterlassen, sondern auch – für sich selbst und zugleich professionell gestützt – zu reflektieren und abzuschließen.
Künftig soll der Prozess auch wissenschaftlich evaluiert werden. Fragen gibt es viele, sagt Hönig: „Was macht das mit den Leuten, mit den Angehörigen? Über welche Werte und Bedürfnisse wird man sich am Lebensende bewusst? Und wie verändert sich der restliche Weg?“ Klaus Hönig wünscht sich für die Menschen, die diesen letzten Weg gemeinsam mit dem Team der Ulmer Schatzkisten gehen, vor allem eines: „Dass sie angstfrei sind.“

Hier kann man das Projekt verfolgen

Die Finanzierung der Ulmer Schatzkiste ist für ein gutes Jahr durch Sponsoren gesichert. Doch je mehr Unterstützung sie findet, umso mehr Filme können gedreht werden. Denn das Team ist während des ersten Jahres gewachsen, so dass auch mehr Drehtermine organisiert werden können. Online gibt es weitere Informationen und Hintergründe zum Projekt.
Auch auf Instagram kann man den Schatzkisten-Machern folgen:
@ulmer_schatzkiste