Für die Zeitung bist Du ein Glücksfall. Es gibt wenig Kollegen und Kolleginnen, die sich mit solcher Hartnäckigkeit in Themen und deren Umsetzung verbeißen.“ Sagte er mal über einen langjährigen Wegbegleiter. Und es hörte sich an, als habe er sich selber beschrieben. Hartnäckigkeit bis hin zum Getriebensein waren zwei Wesenszüge dieses Mannes. Und ja, wie auf keinen anderen in der Redaktion der SÜDWEST PRESSE traf auf Willi Böhmer zu: Ihm wurde nie etwas zu viel.
Ganz egal, auf welchem Feld: morgens im Gericht; über Mittag beim Hintergrundgespräch mit dem Uni-Professor; nachmittags im Gemeinderat; abends auf der Versammlung einer Partei; am eigentlich freien Wochenende auf Reportage im Rettungshubschrauber; und weil es sich nun mal grade mit ein paar Urlaubstagen überschnitt, dann halt im Urlaub ab nach Afghanistan, um über den Einsatz dort stationierter Soldaten aus der Ulmer Region zu berichten.

Immer hinter der Geschichte hinter der Nachricht her

Nichts und niemand, über das und den Willi Böhmer in einem langen Journalistenleben nicht berichtet hätte. Doch was heißt schon berichtet: Böhmer war über die journalistische Chronistenpflicht und die bisweilen drückende Notwendigkeit der Aktualität hinaus immer hinter der hinter der Nachricht steckenden Geschichte her. Wenn er dabei merkte, dass sein ausgeprägter journalistischer Ehrgeiz doch mal nicht ausreichte, um alle Hintergründe zu erfahren, dann wurde der Übergang zur Besessenheit fließend. Und wenn dann mal Konflikte mit ihm auftraten, dem zwar Streitbaren, aber niemals Streitsüchtigen, dann höchstens darüber, dass Willi Böhmer sich einfach nicht bremsen lassen wollte.
Diese atemlose Schaffenskraft, dieses: „Kein Problem, das ist locker zu schaffen“, das immer in exzessives Hineinhauen in die Tasten mündete, war die eine Seite des Willi Böhmer. Sie füllte die Zeitungsseiten mit mancher Exklusivität, die der SÜDWEST PRESSE nur beschert wurde, weil sie diesen Vollblut-Journalisten 1994 der Konkurrenz aus Bayern abgeworben hatte. Mit guten Storys in der Neu-Ulmer Zeitung hatte Böhmer den Ulmer Lokalchef immer wieder mal geärgert, so dass dieser nach dem in Bayern durchaus gängigen Prinzip handelte und der Konkurrenz deren bestes Pferd im Stall abspenstig machte.

Den Kollegen zugewandt

Wie gesagt: Das war die eine Seite des langjährigen Vize-Lokalchefs und späteren Ressortleiters der Regionalredaktion. Die andere Seite der Führungskraft Willi Böhmer war die einer nicht zu überbietenden Zugewandtheit zu den Kollegen und Kolleginnen. Wer immer einen Schmerz hatte, sei es ein persönlicher oder ein geschäftlicher, wer immer eine Frage hatte, ob freie Mitarbeiterin, Sekretärin oder Chefredakteur: Willi Böhmer legte den Griffel von der einen zur anderen Sekunde beiseite, wandte sich vom Bildschirm ab und den Fragenden zu. Mit einer Eselsgeduld, auch wenn der Redaktionsschluss ihm im Nacken saß. „Kein Problem“ auch dann. Dieses Zuhörenkönnen schätzte die Kollegenschaft sehr an ihm, dafür mochten wir „unseren Willi“ alle ganz besonders.

Leidenschaft für Jazz

Das Loslassen fiel dem Berufs-Quereinsteiger – der aus der Gegend von Passau stammende Niederbayer Böhmer hatte in Ulm ein Ingenieurstudium absolviert – schwer. Seine musikalische Leidenschaft für den Jazz – er gehörte zu den Gründungsinitiatoren des Ulmer Jazzkellers Sauschdall – führte ihn zum Journalismus, dem er sich auch im Ruhestand mit Hingabe widmete. Nicht mehr immer mit Vollgas, aber weiterhin hochtourig.
Jetzt, nach schwerer Erkrankung, hat das Herz dieses unermüdlichen Mannes aufgehört zu schlagen. Willi Böhmer wurde 73 Jahre alt. Um ihn trauern nicht nur Ehefrau Renate, drei Kinder und fünf Enkel.

Abschied nehmen

Trauerfeier Gelegenheit, Abschied zu nehmen von Willi Böhmer, gibt es am Freitag, 5. November, um 15 Uhr im Restaurant „Adler“ in Rammingen.