Eine ziemlich große schwarze Arbeitsfläche, darauf ziemlich wenige Dinge, und dahinter in seinem Stuhl ein ziemlich gut gelaunter Gerhard Semler. „Ordnung ist einfach sexy“, sagt er und grinst.
Der Leiter der städtischen Abteilung Bildung und Sport bezeichnet sich als sehr strukturierten Menschen. Ordnunghalten sei ihm in Fleisch und Blut übergegangen, und die dunkle Arbeitsfläche spiegelt das wider. „Es würde mich gruseln, wenn ich morgens an einen überquellenden Schreibtisch käme.“ Der Grund ist ein einfacher:  „Ich bin zu faul zum Suchen. Daher ist der Schreibtisch lieber aufgeräumt.“
Semler ist 63, seit 1980 arbeitet er bei der Stadt Ulm. Als Persönlicher Referent und Büroleiter von OB Hans Lorenser habe er seinerzeit Organisation gelernt. Von Lorenser und dessen Nachfolger Ernst Ludwig habe er das System mit Wiedervorlagen „abgekupfert“, erzählt er.
Heute gilt Semlers Wiedervorlage-System in der Verwaltung als „berüchtigt“. Denn natürlich hat er Akten. Doch die befinden sich entweder bei den Fachschaften oder in seinem Wiedervorlage-Wandschrank in einem anderen Büro: mit einem Fach für jeden Tag des Monats. Aber sie befinden sich eben nicht auf seinem Schreibtisch. Dort liegt nur das, was gerade anliegt. Also derzeit zum Beispiel: Ukraine und Gasmangellage.
Schule und Sport, Bäder und Stadion, Corona und andere Krisen: Semler hat extrem viele Themen und wechselt im Laufe eines Tages mehrfach zwischen ihnen hin und her, da brauche er einen roten Faden. Und ein nahezu „steriles Umfeld“.

Kaum Persönliches

Auf dem Schreibtisch stehen ein Laptop und ein iPad. Den Rechner nutzt er mit zwei Bildschirmen: „Einen zum Schreiben, einen zum Recherchieren.“ Das Pad bevorzugt er für Videokonferenzen und als Kalender. Viel Persönliches ist auf der Arbeitsfläche nicht zu sehen, lediglich ein paar kleine Ulmer Spatzen.
Sein großzügiges Eckbüro in der Zeitblomstraße, mit Blick auf Neutorstraße und Michelsberg, macht insgesamt einen sehr aufgeräumten Eindruck. An der Wand hängt eine grafische Arbeit von Herbert Volz, Leihgabe des Museums Ulm. Eine kleine Freiheitsstatue und Oldtimermodelle stehen auf dem Sims. Und an der Wand hängt ein New-York-Kalender: „Meine Lieblingsstadt“. Mehr brauche er nicht, „wir sind ja zum Arbeiten hier“.
Papierfrei geht es bei Gerhard Semler aber nicht zu, er räumt ein: „Ich bin schon ein haptischer Mensch.“ Und er gibt zu: Auf dem Desktop, also dem Schreibtisch seines Computers, sieht es nicht so ordentlich aus.
Zeig‘ mir deinen Schreibtisch, und ich sag‘ dir, was für ein Mensch du bist? Auch Christos „Kalle“ Kalokerinos spricht gern von Struktur, wenn er seinen Arbeitsplatz zeigt im Stadthaus-Büro. Doch wenn des Besuchers erster Blick über die vielen Papiere und Notizzettel auf seinem Schreibtisch schweift, sieht man diese Struktur so nicht. Er nickt: „Zuweilen entsteht hier strukturiertes Chaos.“
Der 53-Jährige ist im Stadthaus für Organisation zuständig und als Teamleiter für die Mitarbeiter im Veranstaltungs- und Ausstellungsbereich. Er habe Schulungen für Struktur und Arbeitsorganisation besucht, alles schön und gut, aber er müsse viele Sachen gleichzeitig im Auge behalten und erledigen, als Ansprechpartner nach innen und außen, „und dann häuft es sich eben an“.

„Morning has broken“

Er habe durchaus ein System, „aber das ist schwierig zu erklären und für andere nicht zu durchschauen“, das weiß Kalokerinos. Am wichtigsten sind für ihn die Dispo-Bücher: Das sind Wochen-­Über­sichten für das Programm im Stadthaus, dazu kommen die Tageszettel mit detaillierten Angaben zu allen anfallenden Aufgaben des Teams. Im Rücken hat er eine Wand voller Leitz-Ordner: einen für jeden Monat seit 2020. Und zwar nicht nur bis heute, sondern bis ins Jahr 2025, so weit wird vorausgeplant.
Die Stadt Ulm will die Digitalisierung vorantreiben, das findet Kalokerinos durchaus gut, er sagt aber sogleich: „Papier hat immer noch Vorteile.“ Man habe es stets griffbereit – also, wenn man es denn findet –, und man könnte ja auch nie sicher sein, ob die Technik nicht doch streikt.
Kalokerinos hat etliche persönliche Dinge an seinem Arbeitsplatz, etwa ein Foto seiner Kinder. Auf dem Schreibtisch steht seine liebste Kaffeetasse, sie stammt von dem Auftritt eines Klavier-Duos im Stadthaus, darauf ein Cat-Stevens-Text: „Morning has broken“.
Noch mehr Stadthaus-Geschichte zum Anfassen: Figuren von Wum und Wendelin auf dem Sofa sind ein Relikt aus der Berblinger-Ausstellung im Stadthaus. Und ein Parfümflakon? „Das brauche ich bei Kundenkontakt ab und zu.“ Allerdings gehe, wenn er den Duft versprüht, zuweilen der CO2-Alarm los, erzählt Kalokerinos lachend. Er hegt und pflegt auch eine Pflanze, aber „die ist gerade nicht so schön“.
Freitagnachmittags räume er den Platz stets auf, erzählt er, denn am Wochenende kommen die Reinigungskräfte. Und vor dem Urlaub hinterlasse er immer alles „richtig sauber und geordnet“. Sogar mit einer Anleitung für Andere, wenn noch was erledigt werden muss. Das wiederum würde Gerhard Semler schätzen und vielleicht sogar sexy finden.

Machen Sie mit und zeigen Sie Ihren Schreibtisch!

Leseraktion: Am Arbeitsplatz verbringen wir die meiste Zeit des Tages. Oft genug ist der Arbeitsplatz ein Schreibtisch. Manche von ihnen sind ordentlich und fast papierlos, auf anderen türmen sich neben Unterlagen noch Bilder der Liebsten, Urlaubsandenken und Pflanzen. Dem bekanntesten Ulmer Albert Einstein wird dieses Zitat zugeschrieben: „Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was sagt dann ein leerer Schreibtisch über den Menschen, der ihn benutzt aus?“ Ob es von Einstein stammt, sei dahingestellt, aber das ist doch eine allerschönste Berechtigung für einen nicht wahnsinnig aufgeräumten Schreibtisch.
Zum Mitmachen: Uns interessieren, wo Sie arbeiten, wie es dort aussieht und warum es dort so aussieht. Wenn Sie uns Einblicke auf Ihren Schreibtisch gewähren wollen, dann schicken Sie uns ein paar Zeilen plus Bild, möglichst im Querformat, per Mail an leseraktion@swp.de unter dem Betreff „Mein Schreibtisch und ich“. ate