Aus Prag waren sie mit dem Auto gekommen, der Cellist am Steuer. Über Pilsen, Nürnberg, gut fünf Stunden Fahrt. Dann eine längere Probe auf der Stadthaus-Bühne, und um acht das Konzert in der Kammermusik-Reihe „klassisch!“ der SÜDWEST PRESSE: Also eine gute Kondition haben sie auch, die vier Musiker des Bennewitz Quartetts. Aber es war der begeisternde, bejubelte Auftritt eines internationalen Top-Ensembles: so ausgeschlafen, so konzentriert, so virtuos, so kraftvoll und gleichzeitig so nuancenreich, als hätten die Tschechen sich seit Tagen auf diesen Abend in Ulm fokussiert.
„Diskothek“ heißt eine Sendung im Schweizer Kulturradio SRF, namhafte  Experten vergleichen regelmäßig im Blindtest verschiedene Aufnahmen eines Werks. Das Bennewitz Quartett war zum Beispiel im Frühjahr der Sieger gewesen in einer Runde mit dem Streichquartett „Intime Briefe“ von Leos Janacek. Man hätte jetzt am Mittwoch im Stadthaus die Augen schließen können und danach viel über diese Interpretation des Streichquartetts Nr. 13 op. 106 von Antonin Dvorak reden können, das die Prager auch auf CD (SWR Music) eingespielt haben: Lässt sich dieses wunderbar spätromantische Werk klangvoller, durchdachter, packender aufführen?
Und das Beste: Es war live – in Corona-Zeiten vor beachtlichen 200 Zuhörerinnen und Zuhörern. Und, ja, man schaute auch gerne hin. Man hörte dann nicht nur, man sah ebenso eine besondere Qualität des Bennewitz Quartetts. Es ist absolut eingespielt, auf allen Positionen sehr gut besetzt,  gleichwertig, ein Team aus vier Individualisten, die genau aufeinander achten: Jakub Fišer, der als Primarius anfangs im Streichquartett op 54,2 von Joseph Haydn besonders gefordert war; Stepan  Jezek (2. Violine), Jiri Pinkas (Bratsche) und Stepan Dolezal.

Verfemte Komponisten

Anfangs also ein Haydn aus den „Tost-Quartetten“: gleich mal sehr spannend, angreifend, heutig dargeboten. Dann zwei herrlich mit populären Melodien und Stilen der Zwischenkriegszeit changierende Werke von Prager Komponisten, deren Musik die Nazis nicht nur verfemten: Die Komponisten starben in Konzentrationslagern. Von Hans Krása „Thema und Variationen für Streichquartett“ und die mitreißenden, ironisch-tänzerischen „Fünf Stücke für Streichquartett“ von Erwin Schulhoff. Da fiel eine weitere Stärke des Bennewitz Quartetts auf: der lange Atem, das so organisch durchgezogene, pulsierende Agieren. 
Man konnte das so wehmütige Adagio aus Dvoraks Streichquartett op. 106 – ein Satz in einer Tiefendimension fast wie das Adagio aus Schuberts Streichquintett – geradezu als Trauergesang auf die Schicksale Krásas und Schulhoffs hören. Unglaublich, wie intensiv, emotional das Bennewitz Quartett sich ins Zeug legte, um  sofort wieder filigran noch das kleinste kompositorische Detail auszudrücken. Riesenbeifall. Und als Zugabe eine Rondo-Attacke des 1962 geborenen sizilianischen Cellisten und Komponisten Giovanni Sollima.