Seit 18 Jahren führt Ercan Sahin das Kleidergeschäft Phoenix am Rand der Ulmer Innenstadt in der Frauenstraße. Zunächst gemeinsam mit einem Geschäftspartner, seit acht Jahren inzwischen allein. Jetzt schließt er den Laden. „Ich muss.“ Rückläufige Verkaufszahlen und mehrere Mieterhöhungen in kurzer Zeit haben dem 40-Jährigen keine andere Wahl gelassen, wie er sagt. Mit dem Umbau der Frauenstraße vor vier Jahren sei die Situation schwieriger geworden. „Durch die Baustelle kamen viel weniger Kunden und nach dem Umbau hat der Verkauf nicht mehr im gleichen Maße wieder angezogen“, berichtet Sahin, der sein Ladengeschäft auf der östlichen Seite der Frauenstraße auf Höhe der ehemaligen Postfiliale führt. Die Kunden, die während der Baustellenphase neue Wege durch die Stadt genommen hätten, seien nicht alle zurückgekommen. „Und in der selben Zeit haben sich zudem die Kaufgewohnheiten vieler geändert“, sagt Sahin. Die Konkurrenz aus dem Internet habe immer weiter zugenommen.

Mehrere Mieterhöhungen in den vergangenen vier Jahre

Mit dem Gewinnrückgang hätte er leben kann, ist der Geschäftsmann überzeugt. „Meine Familie und ich hätten uns einschränken müssen, aber es wäre möglich gewesen.“ Mehrere Mieterhöhungen für die knapp 130 Quadratmeter große Ladenfläche binnen der vergangenen vier Jahre seien schließlich jedoch zu viel gewesen. „Anfang 2015 lag die Miete noch bei sieben Euro pro Quadratmeter“, berichtet Sahin. Zuletzt sollte er elf Euro, von 2022 an dann 15 Euro pro Quadratmeter zahlen. „Das geht nicht, ich habe auch eine Verantwortung gegenüber meiner Frau und meinen vier Kinder“, sagt Sahin.
15 Euro für den Quadratmeter sind eigentlich nicht viel für Ulm, erklärt IHK-Handelsexperte Josef Röll. „Aber für diese Lage ist es viel und für den Handel obendrein.“ Das Dilemma des Handels sei, dass mit Verkauf kaum mehr Gewinn erwirtschaftet werden könne. „Dadurch stehen die Mieter unter Druck und es findet sich immer jemand, der die höheren Mieten bezahlt.“ Das sei zwar oft nicht nachhaltig, aber der Besitzer der Immobilie bekomme sein Geld. Diese Entwicklung schwäche den Branchenmix in der Innenstadt. Zurzeit eröffne ein Shi­sha-Laden nach dem anderen. „Vor zehn Jahren waren es die Geschäfte für Wohnaccessoires, aber irgendwann ist der Bogen überspannt“, weiß Röll. Dann könnten die Betreiber ihre Läden nicht mehr halten.

Auf Laufkundschaft angewiesen

Es sei jedoch schwer, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. „Ich kann beide Seiten verstehen.“ Mieter und Vermieter wollten letztlich Gewinne erzielen. Die Situation in der Frauenstraße sei zudem speziell. Zwar sei die Baustelle abgebaut, „dafür staut sich der Verkehr aber jeden Nachmittag vor den Ladentüren.“ Das vertrage sich nicht mit dem Handel, der auf Laufkundschaft angewiesen sei. „Da will doch keiner zum Einkaufen hin.“ Das hat Sahin zu spüren bekommen. Wie es für ihn beruflich weitergeht, kann er noch nicht sagen. „Geld zum Investieren habe ich keines mehr.“ Insgesamt habe er über 100 000 Euro in seinen Laden gesteckt. Ob er sich nochmal selbstständig macht, müsse er sich daher gut überlegen. „Heute muss man dafür sehr viel Risiko eingehen.“

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Lagen unterscheidet die IHK für den Ulmer Handel: Die 1A-Lage umfasst die Hirsch- und Bahnhofstraße, die B-Lage den Münsterplatz und die Platzgasse bis zum Parkhaus Salzstadel, der Rest zählt zur C-Lage.