Im Blaubeurer Teilort Wennenden entsteht ein außergewöhnliches Projekt: Sieben Frauen im Alter zwischen 60 und 77 Jahren haben sich zusammengeschlossen, um einen Beginenhof aufzubauen. Sie wollen damit ein zukunftsweisendes Modell ins Leben rufen, das ein Altwerden in Gemeinschaft, Würde und mit gegenseitiger Unterstützung ermöglicht.
Die Frauen nennen sich Beginen, nach ihren Vorbildern, die im Mittelalter als Frauen ein selbstbestimmtes Leben in Gemeinschaft geführt haben. Der Beginenhof – organisiert als gemeinnützige GmbH – entsteht in Kooperation mit dem Seminarhaus „Frauenheilehaus Wennenden“ und der Beginenstiftung in Tübingen. Gebaut wird im Garten des Seminarhauses. Hier entstehen vier kleine Einzelhäuser in Holzständer-Bauweise und mit ökologisch hohem Standard. Jedes hat eine Wohnfläche von rund 45 Quadratmetern. Entworfen wurden die Häuser vom Architekturbüro Gebhardt in Blaubeuren, gebaut werden sie vom Baugeschäft Rolf Bucher aus Suppingen. Vor kurzem war Spatenstich.
Der Kostenrahmen liegt bei rund 800 000 Euro. Die Frauen beteiligen sich mit einem vergleichsweise niedrigen Geldanteil und einer regelmäßigen Pacht an der gemeinnützigen Gesellschaft, die wiederum die wichtigsten Projektziele absichert: Nachhaltigkeit und Selbstorganisation.
„Frauen sind im Alter besonders von Vereinsamung und Armut betroffen. Deshalb haben wir ein genossenschaftliches Modell entworfen, das bezahlbaren und sozialverträglichen Wohnraum schafft“, sagt Sirilya von Gagern, eine der sieben Frauen. Der Beginenhof ermögliche auch finanzschwachen Frauen ein Leben in Gemeinschaft, erklärt die 68-Jährige. In dem gemeinschaftlichen Modell sei man füreinander da. „Wir gehören nicht zum alten Eisen. Wir wollen auch im Alter ein aktives freudiges Leben führen.“ Europaweit gibt es viele historische Beginenhöfe. Neu gegründete sind vor allem in Holland und Norddeutschland zu finden.
Ursa Illgen ist Gründerin des Wennender Frauenheilehauses und lebt seit fast 30 Jahren darin. Mit dem Spatenstich ist ein lang gehegter Herzenswunsch für sie in Erfüllung gegangen. „Ich wollte schon seit Anfang der 90er Jahre eine spirituelle Frauengemeinschaft gründen.“ Sie bildet mit vier Baufrauen die Beginen-Gemeinschaft. Zwei weitere Frauen, die im Frauenheilehaus leben, fühlen sich mit ihr verbunden.

„Gemeinschaft ist mir wichtig“

Beatrix Hassert ist eine der Frauen, die ein Häuschen bauen will. Die ehemalige Grundschullehrerin kommt aus Ulm. Sie liebe das Leben in der Stadt, „aber ich lebe als Single in einer Single-Wohnung. Die Gemeinschaft ist mir sehr wichtig. Wir sind tolerant, haben einen weiten Horizont“, sagt die 66-Jährige.
„Bist Du verrückt“, so habe es in ihrem Freundeskreis geheißen, als sie sich für den Umzug vom Ammersee auf die Schwäbische Alb entschlossen habe, berichtet Sirilya von Gagern. „Das Erstaunen war groß und der Wechsel ist krass, aber das Projekt ist mir so wichtig. Dort, wo ich herkomme, hätte ich es nicht verwirklichen können“, erzählt die ehemalige Münchnerin.
Der Wennender Ortschaftsrat Hans-Georg Steeb findet, dass das Modell Vorbildcharakter hat. „Ältere Frauen, die sich gegenseitig unterstützen, das ist nur zu befürworten.“ Froh sei er, dass nicht das ursprünglich geplante Mehrparteienhaus gebaut wird. „Die kleinen Häuser passen einfach besser ins Dorf.“ Architekt Markus Gebhardt spricht von einem „entschleunigten Projekt mit netten Bauherrinnen“. Der Baugrund wurde von den Frauen mit einigen Unterstützerinnen selbst gerodet. Nachbarin Renate Wirth ist beeindruckt. „Alle Achtung, die haben die Bäume mit der Kettensäge umgemacht.“

Beginen prägten auch die Ulmer Stadtgeschichte

Gemeinschaften Als Beginen wurden im Mittelalter Angehörige von christlichen Gemeinschaften bezeichnet. Die Frauen lebten ehelos und unabhängig, legten jedoch kein Ordensgelübde ab. Sie führten ein religiöses Leben in sogenannten Beginenhöfen.
Ulm Mehr als 600 Jahre lang gestalteten Beginen – die Ulmer Sammlungsfrauen – die Stadtgesellschaft und Wirtschaft mit. Von 1387 bis 1812 residierten die Frauen der Sammlung in der Frauenstraße 22/24. Mit Barbara Kluntz erlangte die Sammlung im 18. Jahrhundert neue Bedeutung. Die Kirchenmusikerin und Komponistin war bei ihrer Aufnahme 1704 bereits eine angesehene Musikpädagogin. Sie blieb sie bis zu ihrem Tode 1730 berufstätig und machte die Sammlung zum Treffpunkt literarisch gebildeter Frauen.