Zwei Jahrzehnte, bevor sie in Deutschland wählen durften, haben sich Frauen das Recht auf Sport erstritten. Um 1900 legten sie erst die langen Röcke ab, dann das Korsett. Davor galten Leibesübungen als unschicklich, danach, um 1920, wurden sportliche Frauen zum Schönheitsideal. Das erfährt man in der Ausstellung „Fertig? Los! Die Geschichte von Sport und Technik“ im Mannheimer Technoseum (bis 10. Juni 2019, täglich 9 bis 17 Uhr).
Die große Sonderausstellung beleuchtet die Wechselwirkungen von Sport, Technik, Gesellschaft und Kultur. Im Sport entwickelte sich eine Welt von Helden und Mythen, die auch politisch instrumentalisiert wurden. Und pervertiert: Sowohl der Preußenkönig als auch die Nazis missbrauchten Sport als Hinführung zum Militärdienst, als Vorbereitung auf den Krieg.
Der moderne Sport ist eng verknüpft mit der Industrialisierung, sagt Kurator Alexander Sigelen. Die Fitness-Bewegung nahm vor 200 Jahren in England ihren Anfang mit Rudern oder Boxkampf. 1811 eröffnete Friedrich Ludwig Jahn Deutschlands ersten Sportplatz in Berlin. Anfangs wurden Sportler mit Argwohn betrachtet, sie galten als aufsässig. Bald wurden die Möglichkeiten gestählter Muskeln erkannt. Auch für Jahn hatte die Körperertüchtigung einen militärischen Hintergrund. Die antike olympische Idee wurde 1896 aufgegriffen, 1900 traten erstmals Frauen bei den Olympischen Spielen der Neuzeit an mit Sportarten wie Croquet, Golf, Segeln und Tennis. „Die Olympiaden der Neuzeit haben eine erfundene Tradition“, sagt Kurator Alexander Sigelen, und mit den Olympischen Spielen der Antike wenig zu tun.
Die politische Seite des Sports fand Eingang in die Schau wie die kommerzielle oder die gesellschaftliche. Englands Wettkampf-Sport konkurrierte anfangs mit dem deutschen Turngedanken, die Turner lehnten Kräftemessen lange ab. Beide Bewegungen waren Männern aus gehobenen Schichten vorbehalten. Frauen wie Arbeiter konnten sich davon befreien, letztere brachten eine lebendige Kultur des Arbeitersportvereins hervor. Massen- und Profisport entwickelten sich. Dann schafften es medizinische Geräte wie Heimtrainer und Pulsuhren in die Privatsphäre. „Der Sport hat die Sportstätten verlassen“, sagt Sigelen, „es gibt keinen Bereich, in dem er nicht vorkommt.“