„Die meisten sind eher enttäuscht, wenn sie mich live sehen“, behauptet Ingo Zamperoni am Beginn des „Treffpunkt Forum“-­Abends im Künzelsauer Carmen-Würth-Forum. Und das ist wohl der einzige unter ungezählten Sätzen, die er in den kommenden eineinhalb Stunden sprechen wird, den ihm kaum einer glauben mag.
Der „Tagesthemen“-Moderator redet am Dienstagabend wie ein Wasserfall – und so, wie man beim Anblick eines Wasserfalls in einen Sog der Faszination geraten kann und die Augen kaum mehr abwenden mag, so reißt einen der Strom von Zamperonis Worten und Gedanken mit von der großen Politik zur Kindererziehung und zurück.
Ingo Zamperoni habe bereits mit 16 Jahren für die Schülerzeitung „Mülltonne“ in Wiesbaden über das „Pulverfass im Nahen Osten“ geschrieben und so seine Liebe zum Journalismus entdeckt, berichtet Norbert Heckmann, Sprecher der Würth-Geschäftsleitung, bei seiner Begrüßung. Er bewundert an Zamperoni, wie dieser die Balance schaffe zwischen Lässigkeit, der Illusion, dass er seinen Job aus der Hüfte heraus mache, und der Seriosität, die er ausstrahle.
Und genau diese Mischung an Persönlichkeitsmerkmalen verströmt Zamperoni auch im Reinhold-Würth-Saal. Er plaudert locker drauflos, erzählt von seinem italienischen Vater, der nach 40 Jahren ganz passabel Deutsch spreche, aber mit deutlichem Akzent, „wie Trappatoni“. Das habe zum Beispiel dazu geführt, dass ein Freund des Vaters geglaubt habe, Zamperoni moderiere im Fernsehen das „Nacktmagazin“ statt des „Nachtmagazins“.
Tagesthemen-Moderator spricht im Carmen-Würth-Forum

Ingo Zamperoni in Künzelsau Tagesthemen-Moderator spricht im Carmen-Würth-Forum

Damit erntet der groß gewachsene Hamburger natürlich einen Lacher, aber mehr noch erheitert er mit seinen deutlichen Worten über Donald Trump. Dieser nutze Twitter geschickt für Ablenkungsmanöver, lasse immer wieder eine Sau laufen, und alle folgen ihr, statt dem Präsidenten auf die Finger zu schauen. „Wir als Medien mussten erst mal lernen, auch mal auf Durchzug zu schalten und nicht jedes Twitter-Gewitter zu durchlaufen“, meint er.
Seine Gesprächspartnerin Bernadette Schoog, die Zamperoni schon sehr lange kennt und deshalb duzt, ruft völlig überrascht aus: „Würdest du denken, er kalkuliert intelligent? Das kann man sich doch gar nicht vorstellen!“ Und Zamperoni antwortet: „Er ist sicher nicht auf einer intellektuellen Flughöhe unterwegs, wie es Barack Obama war. Er denkt manchmal nicht vom Baum bis zur Borke und findet es toll, wenn Putin mit nacktem Oberkörper durch die Tundra reitet.“ Aber die Ablenkungsmanöver mache er sehr geschickt. Während zum Beispiel die Öffentlichkeit da­rüber rede, weshalb Trump Dänemark Grönland abkaufen will (Zamperoni: „Das ist doch absurd!“), könne Trump ganz unbemerkt das nächste Naturschutzgesetz kippen.
Und dann kommt ein erstaunlicher Satz: „Trump ist einer der ehrlichsten Politiker aller Zeiten.“ Zamperoni fügt gleich an: „Das klingt natürlich seltsam, wenn man sein Verhältnis zur Wahrheit kennt.“ Doch Trump versuche sehr erfolgreich, alle seine Wahlversprechen umzusetzen. Deshalb blieben ihm seine Wähler treu. Der Journalist, dessen Frau Amerikanerin ist, kennt Beispiele: „Mein Schwiegervater würde mit Trump kein Bier trinken gehen, aber er würde ihn wieder wählen.“ Später im Gespräch berichtet Zamperoni, sein Schwiegervater erinnere sich noch gut an Zeiten, in denen er als Schwarzer sein Essen im Restaurant am Lieferanteneingang abholen musste. „Und so einer wählt Trump?“, fragt Schoog ungläubig. Doch Zamperoni stellt klar: „Nein, ich habe zwei Schwiegerväter.“ Die Mutter seiner Frau ist in zweiter Ehe verheiratet.

Gefahr durch Waffen in den USA hautnah miterlebt

Auch einen anderen Aspekt der amerikanischen Mentalität, nämlich die Neigung zur Selbstjustiz, hat er während seiner Zeit als Washington-Korrespondent der ARD aus unmittelbarer Nähe kennengelernt: „Da hat jemand im Internet die Verschwörungstheorie gestreut, Hillary Clinton betreibe im Keller einer Pizzeria einen Kinderpornoring. Ein Mann hat das Gerücht ernst genommen, hat seine Waffe gepackt, ist drei Stunden nach Washington gefahren und wollte die Kinder befreien. Und diese Pizzeria war 30 Meter von unserem Haus entfernt. Der Polizeieinsatz fand vor unseren Augen statt. Der Mann konnte festgenommen werden, ohne dass jemand verletzt wurde. Aber das war eine gefährliche Situation“, berichtet er. Schoog fragt, weshalb das Gerücht ausgerechnet dieser Pizzeria zugeschrieben wurde. Zamperoni kennt den Grund: „Sie heißt Comet Ping Pong, weil man dort Tischtennis spielen kann. Doch die Abkürzung CP steht auch für Child Pornography.“
Von Männern, die Tagesthemen-Moderator werden wollen, werde verlangt, dass sie einige Zeit Auslandskorrespondenten waren, hat Schoog beobachtet. Bei den Frauen sei das nicht so. „Sind die immer noch als Dekoration gedacht?“, fragt sie provokant. Die Replik darauf fällt Zamperoni leicht: „Karen Miosga macht so einen tollen Job, da beantwortet sich das von selbst.“ Und er stellt klar, dass er nicht nur der Karriere wegen nach Washington gegangen ist: „Das war immer auch ein Wunsch von mir. Meine Familie ist von amerikanischer Prägung.“
Und wie kam es, dass er so schnell an wichtige Positionen geriet? Zamperoni wirkt bescheiden, wenn er sagt: „Es gibt sicher viele Kollegen, die meine Stelle genauso gut oder besser ausfüllen könnten.“ Er selbst sei halt mehrfach zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen. „Mein erster Tag beim NDR war der 11. September 2001 (an diesem Tag starben durch Terroranschläge in den USA etwa 3000 Menschen). Für Journalisten sind Katastrophen auch Bewährungsproben.“ Er hat in den folgenden Wochen viel gearbeitet und ist Vorgesetzten aufgefallen. Diese hätten ihn gefördert, sagt er, und er sei für die jeweils nächste Aufgabe bereit gewesen. „Es braucht jemanden, der einem die Tür öffnet. Durchgehen muss man dann selber.“
Privat gibt sich Zamperoni als Familienmensch. Er spricht gerne über seine Kinder: Die Zwillinge sind elf, die Kleine ist acht Jahre alt. Da laufen „große Verhandlungen“ darüber, wann das erste eigene Handy fällig ist. „Ich will nicht gestrig wirken“, sagt der Vater, aber er möchte seine Kinder noch eine Weile vor den Gefahren schützen. Und er will ihnen beibringen, dass man auch mal nachgeben muss, großzügig sein, andere vorlassen. Seine Erfahrung: „Das Universum ist immer um Ausgleich bemüht.“ Will heißen: Wer gibt, wird belohnt.
Das Motto der Tagesthemen lautet: „Wir wollen die besten Erklärer des Tages sein.“ Am Dienstagabend im Würth-Forum gibt Zamperoni den etwa 430 Besuchern im ausverkauften Saal viele einleuchtende Erklärungen und anschauliche Bilder für Politisches und Privates. Eine wahre Bereicherung.

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Journalist mit multikultureller Familie

Ingo Zamperoni wurde am 3. Mai 1974 in Wiesbaden geboren. Er war bereits 2012 bis 2014 Moderator der „Tagesthemen“, ging dann für drei Jahre als Korrespondent nach Washington. Seit 2016 moderiert er im wöchentlichen Wechsel mit Karen Miosga die „Tagesthemen“.
Der Sohn eines Italieners und einer Deutschen hat eine amerikanische Frau und spricht mehrere Sprachen. „Die Familiensprache ist Englisch“, sagt er. Er hat drei Kinder im Alter von 8 bis 11 Jahren und lebt in Hamburg. evl