Der Hype ums Stadtpalais reißt nicht ab. Erst im April 2018 hat das Stuttgarter Stadtmuseum eröffnet, doch kurz vor Weihnachten war schon die 200 000-Besucher-Marke geknackt. Das Konzept kommt an. „Stuttgart am Meer“, das urbane Sommerfestival, bei dem das Team den sonst ungenutzten Außenbereich bespielt hatte, hatte rund 52 000 Besucher angelockt und damit alle Erwartungen übertroffen.
Zwischen September und Anfang Dezember haben laut Torben Giese, dem Museumsdirektor, nochmal rund 50 000 Menschen den Weg ins Haus an der B 14 gefunden und sich die Dauerschau zur Stadtgeschichte, die Kinderausstellung im Untergeschoss sowie die Sonderausstellungen zu „90 Jahre Speick“ und dem Ex-Tanzclub „Rocker 33“ angeschaut.
Vor allem von der Resonanz auf die Präsentation rund um den hiesigen Naturkosmetikhersteller ist Giese „positiv überrascht, das war ein großer Erfolg“. Dass das Besucherbuch voll mit Kommentaren sei, zeige ihm: Die Stuttgarter identifizieren sich mit dem Seifenproduzenten.
Und Identifikation ist auch der Schlüssel zum Erfolg des Museums. Ein gutes Beispiel sei die Manfred-Rommel-Ausstellung, die vor Kurzem gestartet ist. Giese spricht von „Begeisterung pur“. Und das liege daran, dass der beliebte Alt-OB der „kleinste stadtweite Nenner“ sei. Auf den 2013 gestorbenen Politiker könnten sich die meisten einigen, „und das tut uns gerade gut“. Demnach sieht Giese sein Haus als Identifikations- und Diskussionsplattform, wie er betont.
„Unsere Aufgabe ist auch, in der Gegenwart Position zu beziehen“, sagt er. Dazu gehöre, prompt Aktuelles aufzugreifen. Das einwöchige Sonderthema Oper sei in Kooperation mit der Initiative „Aufbruch Stuttgart“ binnen eines Monats entstanden. „Das war nicht lange geplant. Natürlich fordert das viel von uns“. Auch eine spontane Debatte zum Thema Sperrstunde in Stuttgart haben die Museumsleute ausgerichtet – und gut 150 Teilnehmer angesprochen. „Wir möchten ein Ort sein, an dem die verschiedenen Interessenvertreter und Generationen diskutieren“, stellt Giese klar.
Der Effekt: Die Menschen haben das Palais als ihre gute Stube angenommen. Das Café im Foyer wird auch abseits von Veranstaltungen gut besucht, öffentliche Chorproben etwa locken eine immer neue Klientel ins Haus, machen neugierig und halten den Spannungsbogen. „Das Ziel ist, dass das Haus immer lebendig ist“, erklärt Giese. Er bekennt aber ebenfalls: Der Erfolg erzeugt Druck.
Auch 2019 bleiben die Erwartungen hoch. Im April wird das Stadtpalais seinen ersten Geburtstag feiern. Was die Besucher erwartet, dazu hält sich der Chef bedeckt, schließlich lebt seine Konzeption auch vom Überraschungseffekt. Man wolle noch tagesaktueller arbeiten, sagt er.
Zumindest ein Thema ist gesetzt: die Kommunalwahl, der, so Giese, „wichtigste Tag der städtischen Gesellschaft“. Geplante sei eine Art Lernlabor, in dem vor allem junge Wähler interaktiv ans Thema herangeführt werden sollen. Was macht der Gemeinderat, wie genau wird er gewählt und zusammengesetzt? „Der Plan ist, dass wir uns etwas an den Vorurteilen abarbeiten“, sagt Giese.
Und noch etwas stellt er fürs neue Jahr in Aussicht: „Stuttgart am Meer“ soll eine Fortsetzung finden – mit einem Best-Of der beliebtesten Programmpunkte 2018, also der stehenden Surfwelle oder dem Skatepark. Außerdem wollen der 40-Jähriger und sein Team noch mehr gestalten und den urbanen Raum noch genauer definieren. Giese kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er an den Sommer zurückdenkt. „Das waren die Momente, in denen wir als Haus am lebendigsten waren.“

Diese Ausstellungen laufen gerade

Die Stuttgarter Stadtgeschichte wird im Salon im Erdgeschoss gezeigt. Noch bis zum 27. Januar findet die Ausstellung „Rocker 33 – The Years 2005-2011“ statt – eine Schau, die sich einer beliebten Disco widmet. Im Obergeschoss ist bis zum 12. Mai die Sonderausstellung zu Manfred Rommel zu sehen. Am 24. Dezember 2018 wäre der Stuttgarter Alt-OB 90 Jahre alt geworden. car