Poetry-Slamer sind Sprach-Akrobaten: Sie spielen mit Worten, setzen sie gerne zu verqueren Sätzen zusammen – durchaus witzig und gereimt, oftmals ist’s Nonsens pur. Und dann sind die maximal sieben Minuten langen Texte aber auch sentimental, berührend, aufwühlend und anregend. Gesellschaftskritik wird knallhart formuliert oder blitzt ganz leise durch, wird indirekt angesprochen und von den Zuhörern unter Umständen erst im Nachgang verstanden. Dem Kulturach-Publikum hat diese junge Form der Schreib- und Erzählkunst jedenfalls bestens gefallen: Man hätte Hank M. Flemming und Lena Stokoff ewig zuhören können.
Poetry-Slamer sind eigentlich den Wettbewerb gewohnt, sie tragen ihre Texte vor und werden vom Publikum bewertet: „Ich fahre manchmal Stunden lang mit dem Zug irgendwo hin, lese meine Texte und das war’s“, berichtete Flemming aus der Szene. Anders am Freitag in der Realschule, da durften die beiden Texter mehr preisgeben als üblich und in entspannter Wohnzimmer-Atmosphäre ihre Werke vortragen: „Wir spielen diese Show zum ersten Mal“, gab Flemming zu. „Mal sehen, was dabei rauskommt.“
Ein Abend der Extraklasse, darüber waren sich die rund 40 Zuschauer am Ende einig: Neulinge hatten einen Eindruck davon bekommen, was Poetry-Slam ist und waren begeistert. Von den Inhalten und der Tatsache, dass junge Menschen sprachlich immer noch auf hohem Niveau unterwegs sind und nicht nur in abgehackter Form Kurznachrichten hin- und herschicken.
Kenner der Szene konnten eintauchen in eine Auswahl an Texten, die schon längst nicht mehr als slamtauglich gelten – weil mit ihnen nicht mehr gepunktet werden kann. Aber viele der vorgetragenen Texte, zum Teil in ihrer Anfangszeit geschrieben, liegen den beiden Jung-Autoren regelrecht am Herzen und kommen an: „Ich war selten einmal so berührt von einem Abend“, meinte eine Besucherin am Ende der Veranstaltung, bei der einerseits viel und laut gelacht wurde, beispielsweise wenn Hank M. Flemming in der „Ode an eine Amphibie“ über eine ganz ungewöhnliche Liebe philosophiert. Der Abend hatte aber auch viele sinnliche und aufwühlende Momente – Lena Stokoff erzählt von einer Freundschaft in drei Szenen.
Und Hank M. Flemming, geboren und aufgewachsen im Erzgebirge, sorgt mit einem Text über die Situation in der ehemaligen DDR für mehr Verständnis für die desillusionierten „Ossies“ als so mancher Artikel in renommierten Polit-Magazinen – von „Zukunftsperspektiven noch schwärzer als die Nacht“ ist da die Rede. Gleichwohl fasst der promovierte Psychologe in einem anderen Text seine Kindheit kurz und knapp zusammen: „Ich lauf“. Und zwar ganz weit weg von „schlecht gelaunten Rechten“, deren „Frustpotenzial“ so hoch ist, dass es schnell „was auf die Fresse gibt“ und er nur noch eines möchte: „Mein Weg führt hinaus aus dem Plattenbau“.
Aber, auch das ist Poetry-Slam, nimmt er sich in einem seiner ersten Texte als modernen Dichter selbst auf die Schippe: „Ich bin Sachse und verhüte mit meinem Dialekt.“
Poetry-Slam ist im Grunde eine ganz spezielle Form der Selbstinszenierung, am Freitag konnten Lena Stokoff und Hank M. Flemming eine ganz andere Seite zeigen – die entspannte, lesen ohne Druck und einer Bewertung im Nacken. Sie haben ihr Ziel erreicht, Lust auf diese Form des Schreibens und Zuhörens zu machen. „Wir machen hier eigentlich nichts anderes als zu Hause, wenn wir zusammen sind: Quatsch eben“, gab Lena Stokoff zu. Zum kreativ-sympathischen Freundeskreis gehört auch die Singer-Songwriterin Maike Köncke: Die war im vom gesprochenen Wort geprägten Programm für den musikalischen Part verantwortlich und sorgte ebenfalls für Begeisterung mit ihrer klaren, hellen Stimme und ihren eigenen Songs.

Nächster Kulturach-Termin am 9. November

Mit der Kulturach-Veranstaltungsreihe geht es am Freitag, 9. November, 19.30 Uhr, weiter. Dann tritt in einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Kurverwaltung das regional bekannte Frauen-Quintett „lesRoulettes“ im Bad Uracher Kursaal auf.