Sie schneidert ein Kleid, das sie nie tragen wird. Sarah Schrimpf, freie Künstlerin mit Schwerpunkt Film und Fotografie und außerdem 22. Gaildorfer Stadtmalerin, bereitet ein Bild vor. Ihr Material besteht aus FFP2-Masken, und wenn das Modell, für das sie gerade ziemlich viel Zeit aufwendet, fertig ist, wird sie es fotografieren. Diese Fotografie ist, was man dann zu sehen bekommt, bestaunen, berätseln und begrübeln kann: Kunst als Prozess der Transformation. Was es damit auf sich hat, erzählt die 31-Jährige für unsere Aktion „Hier sind wir zu Hause“.

In Gaildorf aufgewachsen, nach Gaildorf zurückgekehrt

Sarah Schrimpf ist wie alle ihre Vorgängerinnen und Vorgänger nur auf Zeit in Gaildorf zu Hause – wobei man anmerken muss, dass einige der früheren Stipendiaten sich auch in der Schenkenstadt oder in der näheren Umgebung eingewurzelt haben. Die 31-Jährige ist gleichwohl eine Ausnahmeerscheinung. Denn sie ist in Gaildorf aufgewachsen. 2012 ging sie zum Studium nach München an die Akademie der Bildenden Künste, seit 2020 ist sie diplomierte freie Künstlerin.
Sie ist rumgekommen während ihres Studiums, für das sie auch ein Stipendium des Cusanus-Werkes erhalten hat. Auslandsaufenthalte führten sie an renommierte Hochschulen in Paris und Marseille, Lodz und Krakau, zuletzt nach London, wo sie sich für den „Master of Research“ mit Wahrnehmungsphänomenen befasste. Sie gewann den „Sony Student Grant“, und entdeckte die Lyrik der im Konzentrationslager umgekommenen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942), begann zu recherchieren, suchte, interviewte und filmte Zeitzeugen. Ihre Materialsammlung dürfte einmalig sein und hat das Potenzial, ein zentrales Werk zu werden.
Sarah Schrimpfs „Zuhause“ ist derzeit das Alte Schloss, die Stadtmalerwohnung im Torturm, das Atelier im Westflügel, das Elternhaus am Stadtrand, ihre Wohnung in München. Gaildorf ist zwar ihr Ursprung, im Grunde aber versteht sich Schrimpf eher als international, eine Weltbürgerin.
„Man nimmt, man bringt“, sokönnte ihre Devise lauten: Als Stadtmalerin tritt sie an mit einer Fülle von Eindrücken, die sie im Lauf der Jahre gesammelt hat und die sich nun in ihrer Arbeit in der neuen, alten Umgebung entfalten werden. Und umgekehrt wird sie, wenn ihr Stadtmalerjahr zu Ende ist, Gaildorf-Eindrücke und Erfahrungen mitnehmen, wo immer es sie dann hinträgt. Die Schenkenstadt, von der aus ihr Werdegang wohlwollend verfolgt, bisweilen auch unterstützt wurde, bleibt Bestandteil ihrer Biografie.

Wahrnehmungsphänomene: „Was kriege ich mit von Gaildorf?“

Wahrnehmungsphänomene sind auch hier ihr Thema. Sie habe einen Text begonnen, der an ihre Master-Studien anknüpft, sagt Sarah Schrimpf. Im Grunde gehe es um eine Änderung der Perspektive, die Konzentration auf das kaum bewusst einsickernde Nebengeräusch, Geruch, Geschmack, flüchtige Eindrücke und Typografie: „Was kriege ich eigentlich mit von Gaildorf und wie kann man das notieren?“
Die Stadtmalerei ist, wie das Gaildorfer Bluesfest und das Open-Air-Kino im Hof des Alten Schlosses, Leuchtturm und Alleinstellungsmerkmal im Kulturleben der Stadt Gaildorf. Die von dem mittlerweile verstorbenen Künstler Diethelm Reichart entwickelte Idee ist einfach, aber effektiv, weil sie lediglich Wohnung, Atelier und ein monatliches Salär vorsieht und keine Erwartungen formuliert. Die Möglichkeit, bedingungslos kreativ zu sein, hat viele Stipendiaten inspiriert, Neues zu erproben; manche bogen nach ihrem Jahr im Alten Schloss in völlig unerwartete Richtungen ab.

Projekte mit Schülerinnen und Schülern der Bühläckerschule

Auch Sarah Schrimpf ist nicht mit gezückter Kamera in Gaildorf eingeritten. Sie hat zum Thema „Mobilität der Zukunft“ mit Viertklässlern der Bühläckerschule gearbeitet, planlos und dann restlos begeistert: „Die Kinder machen einfach ihren eigenen Plan.“ Nun hofft sie auf weitere Kontakte zu Schulen.
Ihren ersten Auftritt aber hatte sie bei „Gaildorf chillt“, wo sie mit Kindern und Erwachsenen Abdrücke von Pflanzen und anderen Fundstücken aus dem Wald schuf. Für die nächste Runde, die im Oktober stattfinden wird, ist ein Polaroid-Projekt geplant – nicht für die Galerie, sondern für die Leute, die am Kirchberg chillen wollen. Schrimpfs Kunst, die Fotos aus der Sofortkamera, gibt’s dann als Andenken.
Nehmen Sie auch an unserer Umfrage teil und bewerten Sie Gaildorf: https://www.meinerundschaugaildorf.de/gaildorf/
Info „Hier sind wir zu Hause“ geht weiter. Am 11. September ist die Rundschau in Gaildorf anwesend. Los geht es um 11.30 Uhr.

Tag des offenen Ateliers am 8. Oktober

Sie schaut täglich in den Briefkasten der Stadtmalerwohnung am Alten Schloss und würde sich über neugierige Nachrichten freuen. Wer etwas über Sarah Schrimpf wissen möchte, über ihre Arbeit und ihren Werdegang, oder wer Fragen zum Kunststudium hat oder sie einfach mal kennenlernen möchte, kann sich hier melden. Auch Mails sind möglich: sarah.gabriele.schrimpf@gmail.com. Alle Fragen und Briefe würden beantwortet, versichert die Stadtmalerin. Sie plant außerdem für Samstag, 8. Oktober, 12 bis 16 Uhr, einen Tag des offenen Ateliers, bei dem man ihr über die Schulter schauen oder ungezwungen mit ihr ins Gespräch kommen kann.  rif

„Kultur ist wichtig, um Identität zu schaffen“

Dr. Daniel Kuhn leitet die Stabsstelle des Rathauses und das Amt für Kultur, Tourismus und Stadtmarketing. Im Kurzinterview erläutert er, welche Aufgaben er darin wahrnimmt.
Wozu braucht’s beziehungsweise was macht eigentlich ein Kulturamt?
Daniel Kuhn: Es kümmert sich um alle Belange der städtischen Kultur: Kunst, Musik, Literatur. Hier werden das Gaildorfer Stadtmalerstipendium und die Schlosskonzerte betreut. In Gaildorf verantwortet das Kulturamt zusätzlich alle städtischen Veranstaltungen. Auch die Erwachsenenbildung mit der VHS-Außenstelle Gaildorf ist dem Kulturamt zugeordnet. Die Aufgaben sind vielfältig, aber spannend. Kultur ist wichtig, um Identität zu schaffen und sich der Wurzeln zu versichern. Sei es die Geschichte der Schenken zu betonen oder das Herz des Limpurger Landes, Kultur ist wichtig, um zu zeigen, was Gaildorf ausmacht und wie sich die Gaildorferinnen und Gaildorfer definieren.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit anderen Kulturträgern?
Die anderen Kulturträger sind in enger Abstimmung mit dem Kulturamt, beispielsweise über den vierteljährlich erscheinenden Kulturkalender. Gemeinsam – städtisches Kulturamt und private Vereine, aber auch künstlerisch tätige Einzelpersonen – wollen wir Kultur in Gaildorf stärken. Sei es über die Kulturschmiede, die IG Kunst oder ortsansässige Künstler, die örtliche Buchhandlung oder an Kunst Interessierte: Kultur funktioniert nur zusammen.
Welche kulturellen Akzente setzt die Stadt Gaildorf?
Die Stadt Gaildorf versucht Kultur als Träger von Identität zu verankern: Bildende Kunst und Musik sind die zentralen Pfeiler, aber wir sind für alle Stilrichtungen offen, Street-Art kann ebenso Kunst sein wie die gute alte Ölmalerei. Wichtig für uns ist: Wir vermitteln nicht Kunst im Elfenbeinturm, sondern Kunst soll in der Stadt wirken und für jede und jeden da sein. Kunst macht das Leben schöner und bunter und dem fühlen wir uns verpflichtet. rif