Schnäpschen? Muss sein. „Wir haben alles da. Will jemand einen Obstler?“, fragt Dominik Roll in die Runde. Er wohnt seit acht Monaten in der Breiteich-Siedlung.
Der erste von neun Auftritten am Samstag ist beendet. Die 15 Bläser und Chorleiter Thomas Braun freuen sich über die Stärkung. Der Posaunenchor Gailenkirchen absolviert seit seinem Bestehen die Kurrende, was so viel wie „Laufchor“ heißt und sich Lateinischen „currere“ für „laufen“ herleitet.

Kein Mensch zu sehen

Rein in die Autos. Wendemanöver in der Dunkelheit. Die nächste Station liegt im hintersten Winkel der Breiteich. „Zack raus aus dem Auto“, sagt Musiker Bernd Roll. „Wir haben die Termine eng gesetzt.“ Eine Viertelstunde ist jeweils Zeit.
Nieselregen setzt ein. „Leise pieselt das Reh“, witzelt ein Trompeter. Kurzes Kichern. Notenblätter werden auf den Ständern befestigt. Kein einziger Zuhörer taucht am Ende der Heinrich-Böll-Straße auf. Wind, Regen, Kälte, Dunkelheit: Nur das Licht der Scheinwerfer von Autos, das über den nassen Asphalt tanzt, lässt darauf schließen, dass es da draußen noch Lebewesen gibt. Doch Thomas Braun bringt nichts aus dem Konzept. „Leise rieselt der Schnee“, gibt er vor.
Die Klänge verhallen ungehört in der Nacht. Wohlige warme Töne sind es, die irgendetwas tief im Innern der Menschen ansprechen und ein inneres Geborgenheitsgefühl hervorrufen. Fehlt nur noch ein Weihnachtsmann, der mit einem Rentierschlitten herbei fährt. Stattdessen dringt von außen Wasser in die Jacke.
„Schließt mal die Lücke“, sagt Chorleiter Thomas Braun. Der Chor hat sich in zwei Hälften geteilt. Es schaut immer noch keiner zu. Egal. Ordnung muss sein. „Oh Tannenbaum“ erklingt. Der Chorleiterinstinkt wird nicht getrübt.
An einem Fenster wackelt eine Gardine, hinter einer Terrassentür tauchen Köpfe auf, ein Spaziergänger bleibt stehen. Als die Musiker die Instrumente absetzen ertönt Applaus. Es gibt doch noch Leben hier draußen.
Regen tröpfelt auf den Feuerwehrhelm von Marcus Leyrer (43). Der schütze vor Tropfen, die Taschenlampe daran sorge für Licht, sagt er. Lukas Kraft (23) hat seine Posaune mit einer Lichterkette und einer roten Weihnachtsmannnmütze geschmückt. „Die Deko erzeugt weihnachtliches Flair“, begründet er.
„Attacke“, ruft ein Musiker. „Das nächste Stück: ,Oh du fröhliche’“, kündigt Chorleiter Braun an. Es hat drei Strophen. „Durch?“, fragt Trompeter Jan Klwer (27). „Nein. Medium“, kontert Chorleiter Thomas Braun. Gespielt werden jeweils nur ein oder zwei Strophen.
Und schon geht es wieder weiter durch die Nacht. An der dritten Station in Gottwollshausen bleibt der Mond hinter Wolken und keine Straßenlaterne beleuchtet die Szenerie. Chorleiter Thomas Braun streift sich leuchtende Armringe über. So können die Bläser sehen, wie er dirigiert. „Flugzeug landet“, kommentiert Jan Klewer, weil die leuchtenden Armbänder so aussehen, als würde ein Lotse auf dem Rollfeld einem Piloten Zeichen geben.
Und schon wird weitergespielt: „Es ist ein Ros’ entsprungen“. Die Blätter auf Jan Klewers Notenständer flattern im Wind. Er befestigt sie eilig mit Magneten.
Die Auftritte laufen an den neun Stationen ähnlich ab. Bis auf eine Ausnahme, auf die sich die Bläser schon vor dem Start freuen. Die Wackershofener machen ein kleines Adventsfest aus dem Kurrendeblasen. Mehr als 50 Dorfbewohner haben sich vor einer Scheune versammelt. „Ich habe heute Mittag schon Glühmost zubereitet“, berichtet Jutta Sperling. Der bestehe aus herkömmlichen Most, der mit Zucker versehen aufgewärmt wird. Sie sagt: „Es ist schön, dass sie kommen. Das gehört einfach dazu.“
Die Kurrendespieler erfüllen einen Musikwunsch der Wackershofener, der seit Jahren auch einfach dazu gehört. Die Titelmusik des Films „Fluch der Karibik“ ertönt.
Nach einer Stärkung mit Plätzchen, Stollen, Trockenfrüchten und Kuchen sowie einer Auswahl aus zwölf verschiedenen Schnapssorten geht es weiter. Noch vier Stationen stehen auf dem Plan, um den Bewohnern vor Weihnachten einen wohligen, musikalischen Gruß zu spielen.

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