An dem Verputz der Hausmauer des schönen Bürgerhauses in der Mitte der Stadt Zamosc klafft ein Loch. Die Tafel, die seit 1979 auf Rosa Luxemburg hinweist, fehlt. „Die nationalistische PiS-Regierung hat angeordnet, dass alles, was im öffentlichen Raum an den Kommunismus erinnert, entfernt werden muss“, schreibt Professor Dr. Ernst Piper aus Berlin auf Nachfrage. „Dem ist die Tafel am vermeintlichen Geburtshaus im März 2018 zum Opfer gefallen. Das war das Einzige, was in Polen an Rosa Luxemburg erinnert hat. Ansonsten ist Luxemburg in Polen eine Unperson, die totgeschwiegen wird.“ Piper veröffentlichte vor Kurzem seine Rosa-Luxemburg-Biografie, die 832 Seiten umfasst.
„Die Korrespondenz über die Entfernung der Tafel von Rosa Luxemburg begann im Jahr 2016“, steht in dem polnischen Medium „Strajk“, das auch online erscheint. Ein Bewohner der Stadt Zamosc wollte sie nicht mehr an der Hauswand sehen.
Die Behörden vor Ort wollten die Tafel zunächst erhalten. „Der Stadtpräsident hat 2016 noch dafür plädiert – wegen der Touristen“, schreibt die Berliner Zeitung. Als sie dann doch entfernt wurde, löste das Proteste aus. Der Verein „Zamosc – unsere gemeinsame Heimat“ dachte sogar darüber nach, gerichtlich gegen die Aktion vorzugehen.
Die Haller Fotografin Eva Maria Kraiss, die sich für die polnische Geschichte interessiert, empört sich: „Ich konnte mir allerdings nie vorstellen, dass diese Tafel einmal weggerissen wird, und dass da ein Stück des Hauses auch weggerissen wurde. Das ist eigentlich unvorstellbar, denn das gehört ja zu dem Altstadtensemble um den Marktplatz.“
Das Elternhaus von Rozalia Luksenburg befand sich allerdings gar nicht dort, wo die Tafel hing. Die heutige Ikone der Linken wurde am 5. März 1871 als Tochter einer der reichsten Familien der Stadt nicht am Marktplatz, sondern zwei Straßen südlicher geboren. Im Alter von zweieinhalb siedelte die Familie nach Warschau um. Luxemburg promovierte in Zürich, erlangte später durch eine Scheinehe die deutsche Staatsbürgerschaft, um in der SPD in Berlin und in der Sozialistischen Internationalen eine wichtige Rolle zu spielen.
In den 1960er-Jahren sollte sogar ein Luxemburg-Museum in Zamosc eingerichtet werden. Doch die Bemühungen scheiterten, steht im Buch „Rosa Luxemburg – Ein Leben“ von Ernst Piper. Der Grund: „Den meisten Polen gilt sie als Verräterin.“ Sie lehnte die nationale Befreiung Polens von der russischen Fremdherrschaft ab, da sie ein größeres Ziel anstrebte: die internationale Befreiung des Proletariats aus den Fesseln des Kapitalismus.
Wie soll man ihrer gedenken? „Endgültig sagte der Bürgermeister, dass die Tafel künftig am wahren Geburtshaus in der Kosciuszko-Straße einen Platz finden kann. Alles hängt vom Besitzer dieses Gebäudes ab. Die Renovierung von diesem Haus hat jedenfalls noch nicht begonnen“, berichtet ein polnischer Bekannter von Eva Maria Kraiss. Die Tafel des lokalen Künstlers Stanislaw Pasieczny liegt derzeit in einem Magazin des städtischen Museums.
Die Linken-Politikerin Heidi Scharf gehört in Schwäbisch Hall dem Rosa-Luxemburg-Club an, der Teil der gleichnamigen Stiftung in Stuttgart ist. Auf Nachfrage schreibt sie: „Rosa Luxemburg durch Streichung aus den Geschichtsbüchern oder durch Demontage von Denkmalen oder Gedenktafeln zur Unperson zu machen, halte ich für falsch. Geschichte sollte nicht verfälscht werden, sondern positive wie auch negative Entwicklungen aufzeigen, damit wir aus unserer Geschichte auch lernen können.“
Über den Bezug über die Partnerstadt hinaus gibt es eine weitere Verbindung zu der „bedeutenden Denkerin in der Nachfolge von Marx“. Hermann Souchon, der laut einer Zeugenaussage als Luxemburg-Mörder infrage kommt, lebte in den 1950er-Jahren in Crailsheim.

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