Mitten im Stück wird geklatscht, die Hälfte der Zuschauer wippt oder reitet regelrechte Attacken im Sitz. Ein Teenager würde sich die Augen reiben. Die verirren sich selten dorthin. Das Durchschnittsalter von Jazz-Liebhabern beträgt 62 Jahre. Vielleicht sind es die letzten ihrer Art, die einen Sinn für anspruchsvolle Musik haben.
Zeit für einen Teenager, mal reinzuschnuppern. Dem muss gesagt werden, wie er sich zu verhalten hat. Auffallend locker, lautet die erste Regel. Am besten, man macht das, was der Platznachbar tut. Immer zum Taktanfang mit dem Kopf nach vorn. So machen es die einen. Ruckartig schütteln andere das Haupt bei jeder Note. Die lassen sich nur schwer vorausahnen. Jazz lebt von Überraschungen. Man kann nur hoffen, dass der Kopf den Rüttelmarathon übersteht. Andere machen eine verneinende Bewegung. Hin und her, wie Zuschauer eines Tennismatches. Das sind die Connaisseure des Jazz. Mega souverän! Egal, für welche Variante man sich entscheidet, man sollte sich abstimmen.

Jede Bewegung zählt

Wem das jetzt zu viel ist, kann auf subtilere Art mitgehen. Die kleine Körperbewegung ist beim Jazz – die Musikrichtung stammt aus dem letzten Jahrtausend – mega angesagt. Als da wäre der Fußwipper. Den gibt es in zwei Varianten: mit der Sohle auf den Boden geklopft oder als lautloses Wippen bei übereinandergeschlagenen Beinen. Wem das zu grobschlächtig ist, kann aufs zarte Fingerspiel ausweichen. Eine Dame schlägt mit mehreren Fingern an den Hals bis er rot wird, eine Reihe vor ihr klopft ein Mann die Daumen der halbgefaltetenen Hände aneinander. Der Klassiker: mit dem Zeigefinger im Takt leicht aufs Hemd tippen.
Das führt zum nächsten Punkt: Der Jazzer, den man auch „Jatzer“ aussprechen darf, gibt sich locker. Schließlich handelt sich um die Generation, die einst die 68er durchlebte – oder ertrug. Dennoch verschränken viele die Arme, überkreuzen die Beine. Ein Zeichen für Verschlossenheit!

An der richtigen Stelle klatschen

Weitere Fettnäpfchen? Fehlanzeige. Jazz ist etwas für Individualisten, man kann wenig falsch machen. Wer nicht als Anfänger auffallen will, sollte während der Stücke klatschen. Und zwar nach jedem Solo. Mehrzahl Soli. Wie man erkennt, dass eines endet? Wenn alle klatschen. Was ist, wenn nur ich klatsche? Dann war entweder das Solo nicht zu Ende, oder das, was zu Ende war, war kein Solo.
Pause. Wann beginnt die? Wenn der 90-jährige Saxofonist in den Backstageraum krückt. Okay: Das war fies, denn wenn man die 90 überhaupt erreicht, würde man Gott jeden Tag danken, wäre man so fit wie Emil Mangelsdorff (90). Ganz zu schweigen von seinem unerreichbaren Können am Instrument. Also Pause. Smalltalk. „Was hören Sie so?“ Diese Frage wird kommen. Jetzt sollte man einen Namen parat haben. „Francis Fields. Sein Frühwerk.“ Die Bandbreite der Jazzmusiker ist so groß. Ein erfundener Name wird durchgehen. Gerät man an einen wahren Experten, ist man natürlich blamiert. Dann heißt es: Ab an die Bar. Was bestellt man? „Es wird Rotwein getrunken“, antwortet ein Helfer beim Jazz-Art-Festival. Vermeidet man die größten Fehler, dann ist Jazz mehr als nur eine Musikrichtung. Jazz ist ein Lebensstil. Mehr noch: Jazz ist das Leben. Um es mit Elke Heidenreichs Worten zu sagen: zuhören!
Info: Die Glosse wurde im Jahr 2016 nach dem Besuch des Jazz-Art-Festivals in Schwäbisch Hall verfasst. Der geniale Musiker Emil Mangelsdorff, der auch im hohen Alter noch auftrat, ist leider verstorben. Mehr zum Landesjazzfestival auf www.swp.de/sha und www.landesjazzfestival-hall.de