Ein Plätzchen findet man normalerweise immer, wenn man rechtzeitig zu einem Vortrag kommt. Bei der Ankunft am Freitagabend im Geißelhardter Sportstreff ahnte der Besucher allerdings, dass es eng werden würde. Die Garderobe mit Jacken und Mänteln stand vor der Tür, hinter dem Eingang stauten sich die Interessierten. Da blieb nur der Weg in die Küche mit dem Blick über die Theke zu Else Nägele, die von Gerhard Walter zu den Tagen und Stunden interviewt wurde, als die Amerikaner im April 1945 in Geißelhardt einmarschierten.
Die etwas über 100 Besucher erlebten eine ergreifende Stunde mit der Zeitzeugin. Die inzwischen 92-Jährige konnte sich an viele Details der damaligen Tage erinnern. Darüber hinaus ergänzten Zuschauer, die entweder ebenfalls den Einmarsch der US-Soldaten erlebt hatten oder davon gehört hatten, ihre Erlebnisse. „Um den 15. herum waren plötzlich viele Soldaten da“, sagte Else Nägele. In ihrem elterlichen Haus war ein deutscher Offizier einquartiert worden. Er hatte einen großen Koffer mitgebracht. „Wir wussten nicht genau, was er tat. Tagsüber war es ruhig, nachts wurde gefunkt.“
Wahrscheinlich kam letztlich durch diesen Soldaten ihr Haus ins Visier der anrückenden Alliierten. Es wurde später durch eine Phosphorgranate in Brand geschossen und völlig zerstört. Doch davon ahnten sie damals noch nichts.

Soldaten auf dem Rückzug

„Der Offizier hat uns am 16. April ein Glas Sekt angeboten, außerdem gab es eine belanglose Unterhaltung.“ Den Tag darauf zeigte sich der Morgen ruhig. „In der Feldküche gegenüber waren die Soldaten plötzlich weg, auch unser Wohnzimmer war leer. Im ersten Moment dachte ich, ist das normal? Im zweiten Moment wusste ich, es geht zu Ende.“ Bevor sie sich schützend im Keller verschanzten, sahen sie viele abgekämpfte deutsche Soldaten auf dem Rückzug. Kurz darauf schlugen nach einem deutlich vernehmbaren Summton fünf bis sechs Granaten ein. „Brodbecks Opa rettete noch die Rinder aus dem Stall, bevor er abbrannte.“ Danach wurde es extrem: „Es sah so aus, als ob ganz Geißelhardt brennt.“ Amerikaner rannten im Ort herum.
Nägele hatte Angst, dass ihr rückenkranker Vater, der im Pfarrhaus Schutz gesucht hatte, nicht mehr sicher ist. „Dann sahen wir die ersten Schwarzen, die uns anlächelten.“ Für einen Moment schwand ihre Angst. Doch die anschließenden Herausforderungen waren groß. Niemand durfte mehr zurück in seine Häuser, die die US-Soldaten besetzten. Nägele kam mit ihren drei Geschwistern im Pfarrhaus unter. „Das war totale Ohnmacht“, ergänzte Moderator Walter. „Heute können wir kaum nachvollziehen, was diese Menschen alles aushalten mussten.“ Seine Familie betrieb damals das Gasthaus Ochsen. „Nach der Singstunde berichteten die Männer nach dem Krieg von ihren Erlebnissen. Das war sehr eindringlich.“ Nägeles hatten keinen Topf zum Kochen und keine Toilette mehr. „Der Vater grub deshalb ein Loch im Stall. Hygiene gab es keine.“ Zu essen hatten sie, die US-Soldaten bedrängten die jungen Frauen auch nicht.

Bittere Not

Die Zeit vor dem Krieg sei von Freundschaft und Kameradschaft geprägt gewesen. Am Einkorn seien Segelflieger von Hand in den Himmel gezogen worden. Der folgende Zweite Weltkrieg änderte alles. „Mein Onkel Ernst sagte nach dem Krieg zu mir: Wenn wir Deutschen für all das büßen müssen, was wir angestellt haben, dann wird es furchtbar“, berichtete Walter. Sein Vater musste in einem Bergwerk in Sibirien Zwangsarbeit leisten. „Es war bittere Not.“ Walter warnte vor Kriegstreiberei: „Wenn sich das Rad einmal dreht, kann es nicht mehr angehalten werden. Solchen Entwicklungen müssen wir entgegenwirken, so ein Blödsinn darf sich nicht wiederholen.“ Else Nägeles Vater starb 1948 an Entkräftung. Aber ihre Mutter schaffte es trotzdem, ein neues Haus zu bauen und ihre vier Töchter in eine sichere Zukunft zu führen.