Mir tut das jedes Mal weh“, sagt Max Kühnhöfer, „das lässt einen nicht mehr los.“ Es geht um die Trennung von Kuh und Kalb kurz nach der Geburt, die Alltag ist auf vielen Milchviehbetrieben. Das hat seine Gründe: die betrieblichen Arbeitsabläufe werden dadurch vereinfacht, Ernährung und Wachstum der Kälber sind stets unter Kontrolle und nicht zuletzt bleibt mehr Milch für die Vermarktung übrig. Manche Landwirte sagen, es sei auch für Kuh und Kalb so am Besten, weil die Beziehung so kurz nach der Geburt noch nicht intensiv entwickelt ist. Kühn­höfer aber erlebt es anders, und deshalb ist der angestellte Landwirt vom Sonnenhof in Bad Bolll am vergangenen Mittwoch einer Einladung der Bio-Musterregion Hohenlohe auf den Völkleswaldhof bei Oberrot gefolgt.
In dem Demeterbetrieb von Anja und Pius Frey bleiben die Kälber während der gesamten Stillzeit von drei Monaten bei der Mutter. Die Kuhkälber wachsen dann mit Gleichaltrigen auf und verstärken, wenn sie ausgewachsen sind, als Nachzucht die Milchviehherde. Die Bullenkälber gehen zur Mast in den Demeterbetrieb Braun bei Mainhardt, wo sie auch vermarktet werden.
Die Bullenkälber sind das eigentliche Thema dieser Veranstaltung, bei der auch Fachvorträge von Wissenschaftlerinnen der Universität Kassel-Witzenhausen zu hören sind. In der Milchwirtschaft sind Bullenkälber nämlich Ausschuss, nutzlose Fresser wie die Hähnchenbrut der Legehennen, mit deren Schicksal sich kürzlich das Bundesverwaltungsgericht befasst hat. Zumal bei Hochleistungsrassen, die sensationell viel Milch geben, aber kaum Fleisch ansetzen, sind Bruderkälber, also etwa 50 Prozent der Nachzucht, ein ernstzunehmendes wirtschaftliches Problem.

Viele essen kein Kalbfleisch

Die Alternative wären Zweinutzungsrassen wie das Braun- und das Fleckvieh, das für die Milch- und Fleischproduktion verwendet werden kann, aber jeweils geringere Erträge bringt, die über den Preis ausgeglichen werden müssten. Selbstvermarkter haben’s da relativ leicht. Ihr Geschäft funktioniert über die unmittelbare Kommunikation mit den Kunden. „Wenn man die Zusammenhänge erklärt“, sagt Anja Frey, „werden auch höhere Preise akzeptiert“. In Sachen Kalbfleisch müsse man allerdings auch noch Überzeugungsarbeit leisten: „viele Bio-Konsumenten essen das nicht“.

Stillschweigend ignoriert

Das soll sich nun ändern, und gleichzeitig soll auch ein Missstand behoben werden, der bisher eher stillschweigend ignoriert wurde. Viele Bio-Milcherzeuger geben ihre Bruderkälber an konventionelle Mastbetriebe weiter, teilweise auch ins europäische Ausland, und zwar, wie es in der Einladung heißt, „mit weiten Transportwegen und mit Haltungsbedingungen, wie wir sie uns nicht wünschen“. Anja Frey, die auch Vorstandsmitglied von Demeter Baden-Württemberg ist, sieht Handlungsbedarf: es geht ums Tierwohl, um die Glaubwürdigkeit der Bio-Produzenten, ums Image.
Ziel der Veranstaltung, zu der bundesweit eingeladen wurde, ist es deshalb, die Akteure an einen Tisch zu bringen. Weil am Mittwoch bestes Heuwetter herrscht, sind allerdings nur wenige Bauern vertreten. Die Richtung, die man einschlagen möchte, ist dennoch klar: das Projekt Bruderkälbervermarktung und Mast soll im regionalen Netzwerk angegangen werden, Biomilch- und Mutterkuhbetriebe, Fleischverarbeiter und Vermarkter sollen gemeinsam einen Markt schaffen, den es so bisher noch nicht gibt.

Kreis Ludwigsburg

Die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft sei interessiert, ist zu erfahren, dort könnte auch geschlachtet werden. Auch Kaufland und Edeka hätten die Potenziale erkannt, die sich im wachsenden Bio-Segment ergeben. Die Mutter- oder Ammenkuhaufzucht, die bei den Verbrauchern ohnehin eine hohe Akzeptanz genießt, bleibt dabei im Fokus. Bestenfalls wird sie eine tragende Säule im angestrebten Kälbermastmarkt.

Franziska Frey stellt sich vor

Konkret vereinbart ist noch nichts. Es wird vorgeschlagen, das Hofgut St. Leonhard bei Rottweil einzubinden, das derzeit zum größten Demeter-Mastbetrieb Deutschlands mit 500 Mastplätzen aufgebaut wird. Allerdings muss auch dort gerechnet werden. Aktuell gäbe es zur Aufzucht mit Milchpulver keine Alternative, an Ammen- oder Mutterkuhaufzucht ist nicht zu denken. „Den Rest wird die Entwicklung zeigen“, sagt Johannes Simons, Demeter-Berater für den Bereich Schwarzwald.
Vorerst aber will man nachholen, was das Heuwetter am Mittwoch verhindert hat. Die regionalen Akteure, Mutterkuhhalter, Milchviehbetriebe, Verarbeiter, Vermarkter werden direkt auf die Möglichkeit der Zusammenarbeit angesprochen. Die Koordination übernimmt die neue Regionalmanagerin Franziska Frey (wir haben berichtet), die ihre Stelle am 1. Juli antreten wird, sich auf dem Völkleswaldhof aber bereits vorstellen konnte. Ihre Stelle wird vom Land zu 70 Prozent gefördert, den Rest übernehmen die Verbände Demeter, Bioland, Ecoland und die gemeinnützige Stiftung Haus der Bauern.

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