Über Wiesen und Felder, durch den Wald, an Flüssen und Bächen entlang, Steigungen hoch und Hügel hinab – Hauptsache raus in die Natur und ganz tief die frische Luft einatmen. Das Draußen-sein genießen viele Hohenloher in ihrer Freizeit. Wenn es dabei plötzlich noch raschelt und sich ein Wildtier scheu im Dickicht verschlupft, schlägt das Herz vieler Menschen höher – mal aus purer Freude, mal eher aus Furcht.
„Die benötigt es aber meist auf keinen Fall“, beruhigt Julia Winterfeldt, Kreisjägermeisterin der Jägervereinigung Schwäbisch Hall, und gibt auch gleich einen Tipp, um ungewollte Begegnungen zu vermeiden: „Wenn man das Gefühl hat, da ist ein Tier in der Nähe, ist es gut, zum Beispiel ein Lied zu summen oder sich zu unterhalten.“ Dann merken Wildschwein, Reh und Co., dass da jemand unterwegs ist und suchen meist von alleine das Weite. „Gefährlich wird es für den Menschen erst, wenn sich das Wildtier bedroht fühlt. Dann setzt es sich durchaus zur Wehr, insbesondere dann, wenn Jungtiere im Spiel sind.“
So kam es in der Region in den vergangenen Jahren rund um den Monat Mai hin und wieder zu Angriffen von Greifvögeln auf Jogger, die sich durch die querenden Läufer beim Brüten gestört fühlten. Hinweisschilder wie etwa in einem Waldstück am Einkorn bei Schwäbisch Hall machen inzwischen darauf aufmerksam und sollen Verständnis für das vermeintlich aggressive Verhalten der Bussarde schaffen. Und auch Julia Winterfeldt bemerkt: „Wenn wir Menschen uns in der Natur aufhalten, stapfen wir quasi durchs Wohnzimmer der Wildtiere.“ Rücksicht sei da das oberste Gebot. „Es ist super wichtig, sich vor allem im Frühling und Sommer ausschließlich auf den Wegen aufzuhalten und nicht etwa mit dem Mountainbike mitten durch Wald, Wiesen und Felder zu fahren. Bei den Bodenbrütern können so unbeabsichtigt Gelege zerstört werden“, macht die Jägerin deutlich. Das gelte auch für des Menschen besten Freund. „Hunde sollten in dieser Zeit unbedingt angeleint werden, damit die Wildtiere ihre Jungtiere in Ruhe aufziehen können.“
Und was, wenn plötzlich doch ein kleiner Hase ganz alleine und schutzlos aufgefunden wird? „Bloß nicht anfassen!“, macht Julia Winterfeldt deutlich. „Das ist das Todesurteil für das Jungtier.“ Sobald das Hasenkind einen menschlichen Geruch annimmt, verstößt die Mutter es. „Bei Feldhasen ist es ganz normal, dass die Jungtiere in der sogenannten Sasse, also einer kleinen Kuhle auf offener Fläche, abgelegt werden. Ein- bis zweimal täglich kommt die Häsin zum Säugen. Den Rest des Tages ist das Junge alleine.“ Einen so „prominenten Platz“, den insbesondere Menschen gut sehen können, wählen die Feldhasen, damit sie auch selbst einen guten Rundum-Blick über ihre Umgebung behalten können. „Daher werden die kleinen Hasen auch so oft gefunden“, erklärt Julia Winterfeldt. Ein Rehkitz, das von seiner Mutter im hohen Gras „geparkt“ werde, sei hingegen sogar mit geübten Blick nahezu unsichtbar und müsse wiederum ganz anders vor Gefahren wie dem Mähdrescher geschützt werden (mehr dazu auf Seite 12).
Diese Aufklärungsarbeit über die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Wildtiere leistet die 52-Jährige immer wieder. „Die Menschen sind durch die vorhandene Infrastruktur und das Leben in Städten teilweise sehr naturfremd geworden und vermuten ein wildes Tier immer wieder in einer Notsituation, die keine ist“, erläutert sie ihre Erfahrungen. Daher sei es umso wichtiger, die richtigen Ansprechpartner zu kennen.

Wer hilft bei Wildtier-Fragen weiter?

Bei allen tierischen Angelegenheiten außerhalb von Stadt und Dorf ist üblicherweise der örtliche Jagdpächter der erste Ansprechpartner. „Wir Jäger sind für unsere jeweiligen Reviere zuständig und damit auch für die Hege und den Schutz der dort vorkommenden ‚jagbaren‘ Tiere“, erklärt die Haller Kreisjägermeisterin. Aber auch für alle anderen Tiere haben die Jägerin und ihre Jagdkollegen etwas übrig. Immerhin kommt es auch sehr häufig vor, dass neben Autofahrern, die mit einem Tier kollidiert sind, auch andere Privatpersonen mit einem „tierischen Problem“ bei ihr anrufen. Dann hilft ihnen Julia Winterfeldt immer gerne weiter. „Handelt es sich beispielsweise um einen verletzten Greifvogel, vermittle ich den Kontakt zu Spezialisten wie der Falknerei Bielriet.“ Befindet sich das Wildtier innerorts, kommt der Wildtierbeauftragte des Landkreises zum Zuge. „Denn in der Stadt ruht die Jagd. Das ist befriedetes Gebiet, wo wir Jäger ohne Genehmigung keinerlei Befugnisse haben.“

Was passiert, wenn Wildtiere die Stadt erkunden?

Im Hohenlohekreis schlägt dann die Stunde vom Wildtierbeauftragten Martin Hans. Zwischen 2005 und 2016 war der Revierleiter im Forstamt bereits als zentraler Ansprechpartner für Wildtier-Fragen im Landkreis verantwortlich. „Das war zunächst von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg (FVA) initiiert. Seit 2016 sieht das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz (JWMG) sogar gesetzlich vor, dass jeder Landkreis einen Wildtierbeauftragten haben muss. Diesen offiziellen Titel habe ich seit 2020 inne, nachdem es zuvor einem Kollegen aus einem anderen Aufgabenbereich zugeordnet war“, berichtet der Forchtenberger. Dass er nun seine Arbeit als Förster auch noch mit seinem Interesse an der heimischen Tierwelt verbinden kann, macht Martin Hans großen Spaß. „Wenn ich als Förster den Wald im Blick habe, klammere ich die Tiere natürlich nicht aus – so kann ich nun die Synergieeffekte nutzen und Mensch und Tier helfen.“ Dafür werden den Wildtierbeauftragten der Landkreise, die oftmals nur einen gewissen Prozentsatz ihrer Arbeitszeit mit diesen Aufgaben zugange sind und meist der Unteren Jagdbehörde angehören, umfassende Information von der FVA zur Verfügung gestellt. „Und wir können dort jederzeit nachfragen, wenn wir bei einem Fall nicht weiterkommen“, so Martin Hans.

Was tun, bei Waschbären in Schuppen oder Dachboden?

Doch wann klingelt das Telefon bei Martin Hans? „Am häufigsten, wenn Privatpersonen ungewollten Besuch in Schuppen, Dachboden oder Gebäude haben.“ Größtenteils haben sich dann Marder oder Waschbären niedergelassen. Die Zahl dieser Fälle ist dem Experten zufolge in den vergangenen zwei Jahren in der Region deutlich angestiegen. Insbesondere die sogenannten Kulturfolger sind vermehrt in der Umgebung der Menschen zu finden. Darunter fallen etwa Fuchs, Marder und Waschbär, aber auch die Amsel, die ehemals ein scheuer Waldvogel war. „Diese Tiere profitieren von den guten Lebensbedingungen in Menschennähe, finden dort leichter Nahrung und Schutz und können ihre Jungen leichter hochziehen“, erklärt Julia Winterfeldt. „Das ist mitunter auch ein Grund für die hohe Waschbär-Population. Die sehen zwar putzig aus, machen aber vieles kaputt.“ Die schwarz-weißen Gesellen haben nur wenig Scheu vor dem Menschen, wodurch sie äußerst erfolgreich im städtischen Umfeld überleben können.
Und was hilft gegen Waschbär im Garten oder Marder in der Garage? „Ich versuche dann zunächst, den Betroffenen Tipps zu geben, wie die Tiere wieder vergrämt werden können. Das ist die erste Maßnahme. Einfangen und anderswo aussetzen ist immer die allerletzte Option“, so Martin Hans. Das oder sogar das – nett formuliert – „endgültige Beseitigen“ der Wildtiere, wird dennoch manchmal von den Anrufern verlangt. „Wir agieren aber im Sinne des Naturschutzes. Solange keine Gefahr in Verzug ist, schalten wir natürlich keinen Jäger ein“, macht er deutlich.
Das Wichtigste sei es, selbst dafür zu sorgen, dass Haus und Grundstück gesichert sind. „Dafür müssen alle Schlupflöcher am Haus geschlossen sowie Gitter an Fallrohre montiert werden und es dürfen auf keinen Fall Essensreste auf dem Kompost landen“, rät der Wildtierbeauftragte. Außerdem gilt es, das gesamte Umfeld zu sensibilisieren. „Tiere bewegen sich. Sie können sich also auch leicht auf dem Nachbargrundstück einnisten und weiterhin ihr Unwesen treiben.“

Ungünstiger Krähen-Brutplatz sorgt für Ärger

Neben Privatpersonen sind es auch Gemeinden, die auf das Expertenwissen der Wildtierbeauftragten zurückgreifen. So hat Martin Hans auch schon gemeinsam mit Naturschutz-Experten und einigen Zuständigen der Stadt Öhringen nach einer Lösung für folgendes Problem gesucht: In den Bäumen einer Straße hatten sich eine Gruppe Krähen zum Brüten niedergelassen. Das sorgte für Dreck, Lärm und verärgerte Anwohner. Nach gemeinsamer Recherche wurde klar, dass sich die Krähen den neuen Brutplatz nur gesucht hatten, weil die Brachfläche, auf der sie vorher gebrütet hatten, kultiviert wurde. „Die haben sich dann einfach andere Bäume gesucht“, schafft Martin Hans Verständnis für die Vögel. Ein entsprechender Baumschnitt habe den Platz für die Nester eingeschränkt und die Krähen vergrämt.

Unter den Gleisen: Dachs muss vergrämt werden

Ebenfalls musste ein Dachs im Frühjahr zum Gehen animiert werden. „Der hatte bereits seit einigen Jahren seinen Bau im Bahndamm bei Scheppach gebaut. Das ging so lange gut, bis sich die Gleise allmählich absenkten“, erzählt der Förster. Mit einer Kamera wurde der Bau zunächst genau untersucht. „Ein Dachsbau besteht aus vielen unterschiedlichen Höhlen und Gängen und immer auch aus einem ‚Notausgang‘.“ Röhre für Röhre wurde innerhalb mehrerer Tage mit Beton verschlossen – immer so, dass der Dachs genügend Zeit hatte, den Notausgang zu nutzen. „Es ist natürlich schade, wenn wir das Tier vergrämen müssen. Aber es muss Kompromisse geben, damit das Zusammenleben in den Dörfern und Städten funktioniert“, macht Martin Hans deutlich. „Wildtiere sind anpassungsfähiger, als man denkt“, unterstreicht auch Julia Winterfeldt. Sie arrangieren sich meist ganz gut und so sollten es auch die Menschen handhaben, sagen die beiden Experten unisono. „Die Wildtiere gehören zu unserem Leben einfach dazu. Wer will schon in einer sterilen Welt ohne unsere ‚wilden Nachbarn‘ leben?“, schließt Martin Hans.
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Umfassendes Online-Portal

Das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz sieht vor, dass jeder Landkreis einen Wildtierbeauftragten als Ansprechpartner für die nicht-jagende Bevölkerung benennen muss. Wer in welchem Gebiet zuständig ist, kann im Wildtierportal BWnachgeschaut werden. Dort gibt’s außerdem Infos zu mehr als 40 heimischen Wildtierarten, der Jagd, Wildtieren in der Stadt sowie zu Forschung und Monitoring.

Mehr über die Einordnung von Wildtieren

Die dem Jagd- und Wildtiermanagementgesetz unterstellten Tierarten werden drei Managementstufen zugeordnet – dem Nutzungsmanagement (hierunter fallen Arten, die aufgrund ihres Bestandes eine nachhaltige jagdliche Nutzung möglich machen wie etwa Reh oder Stockente sowie invasive gebietsfremde Arten wie Waschbär, Nilgans und Nutria), dem Entwicklungsmanagement (erfordern unter anderem besondere Beobachtung, Beispiele: Feldhase, Baummarder, Waldschnepfe oder Krickente) oder dem Schutzmanagement (Arten, die in ihren Beständen gefährdet sind oder nach den Vorschriften des Bundesnaturschutzgesetzes streng geschützt sind, Beispiele: Wildkatze, Luchs, Habicht, Wanderfalke). Alle drei Jahre wird diese Zuordnung überprüft und gegebenenfalls geändert. Quelle: Wildtierportal BaWü