Die rund zwanzig Zuhörer, die ins Untermünkheimer Gemeindehaus gekommen sind, gehören wohl eher nicht zur Zielgruppe, die Manfred Reich vom Kreisseniorenrat  wachrütteln möchte. Der Senior und ehemalige Leiter des Pflegezentrums Wolfgangstift in Crailsheim warnt: Das Alter und der Ruhestand könnten sowohl Höhepunkt des Lebens sein, aber auch eine Falle. Die Menschen, die dem gut gelaunten Rentner zuhören, der auf seinen federnden Turnschuhen Lebensenergie versprüht, zeigen schon durch ihre Anwesenheit, dass sie unternehmungslustig, kontaktfreudig und lernbegierig sind. Das sind Voraussetzungen für ein gutes Reifen, so der Referent, der vom Verein für Diakonie und Seelsorge eingeladen wurde. Die männlichen Zuhörer sind leicht in der Überzahl, das Alter der meisten dürfte das Renteneintrittsalter überschritten haben.

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„80 Prozent der Menschen freuen sich auf ihren Ruhestand. 20 Prozent graut es davor“, erklärt Reich. Vor allem die Frauen hätten gewisse Ängste, wie es wohl werden würde, wenn der Mann plötzlich den ganzen Tag daheim ist und möglicherweise seine Fähigkeiten unpassend im Haushalt einzubringen versucht. Man denke nur an Loriots „Pappa ante portas“.
Laut einer Studie der Stiftung für Zukunftsforschung nehmen sich zwar viele Menschen vor, im Ruhestand zu reisen, aber nur 70 Prozent verwirklichen diese Träume. „Der Feind Nummer eins ist die Altersträgheit!“, warnt Reich.

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Hannes Andraschko und seine Lebensgefährtin Liane Schwaderer haben gut grinsen. Die beiden haben sich kurz vor seinem Ruhestand kennengelernt und seither die Kontinente bereist – mit dem Rucksack und durchaus offen für Abenteuer. Der Eintritt in den Ruhestand, das „langsame Ausschleichen“, wie Andraschko es nennt, sei langwierig gewesen. Das Loslassen von der Firma Bosch, wo er in leitender Stellung gearbeitet hat, fiel schwer. Oft hat er von der Arbeit geträumt und seine Angewohnheit, nachts um vier Beschlüsse zu fassen, hat sich auch im Ruhestand zuerst nicht geändert. Noch heute hat er Stapel von Arbeitsmaterial auf der Bühne und jährlich trifft er sich mit ehemaligen Kollegen.
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„Frauen haben Freundinnen, Männer haben Arbeitskollegen“, behauptet Manfred Reich. Um im Ruhestand nicht einsam zu sein, sollte man frühzeitig für seine sozialen Kontakte sorgen. Denn: „Im Alter macht man keine neuen Beziehungen mehr“, so der agile 75-Jährige, der in Crailsheim den Stadtseniorenrat mitaufgebaut hat. Zu den sozialen Kontakten gehören Berührungen, auch erotischer Art. Und Umarmungen – „die Bärennummer“ nennt er sie. „Dreimal täglich bitte!“ und fragt sogleich eine Zuhörerin, die er, wie alle anderen duzt, ob er sie umarmen dürfe. Generell brauche es für erfolgreiches Altwerden: Aufgaben für andere zu erledigen, lebenslanges Lernen (er selbst lerne Balladen auswendig), körperlich aktiv zu sein, Familie und Beziehungen, ein guter Lebensstil (gesunde Ernährung), außerdem Träume zu haben und sich Ziele zu setzen. „Habt ihr noch Ziele?“, fragt er ganz direkt.
In der ersten Reihe sitzt ein Paar aus Untermünkheim. Er ist seit Mai dieses Jahres im Ruhestand. Es sei schon in Richtung Schock gegangen, die Vorstellung nicht mehr zu arbeiten, sagt der pensionierte Vermessungstechniker. Aber dann kam alles anders. Die Tochter hat in Niedersachsen ein renovierungsbedürftiges Bauernhaus gekauft und ein Baby bekommen. Die Eltern haben sich eine Wohnung in der Nähe genommen und haben nun neue Aufgaben als Großeltern und Handwerker.
Wenn die beiden in Untermünkheim zu Besuch sind, genießt der 64-Jährige es, nicht mehr so durchgetaktet zu sein und dass er selbst über seinen Tagesablauf bestimmen kann. „Ich habe mehr Lebensqualität.“ Seine Frau hatte Angst vor dem Ruhestand ihres Mannes. Irgendwann hat sie sich verboten, darüber nachzugrübeln und heute sagt sie: „Ich merke, wie viel besser es ihm jetzt geht und das tut uns beiden gut.“