Die 100 Jahre muss man sich erkämpfen“, sagt Hermann Frank, Ehrenbürger und früherer Bürgermeister der Stadt Vellberg. Das Geheimrezept des heutigen Jubilars für ein langes Leben: Bewegung und autogenes Training. Letzteres habe ihm eine Ärztin als „junger Mensch“ bei einer ­Wanderung in Südtirol nähergebracht.
Der Altbürgermeister führt sitzend am Tisch in seinem Haus in der Schönblickstraße in Talheim eine Entspannungs- und Konzentrationsübung vor. Augen zu. Die Arme hängen nach unten. „Schwere. Schwere. Ruhe“, murmelt er und verfällt in tiefe Entspannung, die auch in Schlaf münden kann.
Aber nicht nur in Gedanken hält sich der 100-Jährige fit: „Der Mensch ist zur Bewegung geboren.“ Jeden Morgen macht er Frühsport, bewegt zum Beispiel seine Beine in der Luft wie beim Radfahren. Außerdem wandert er bis zu zehn Kilometer mit dem Patensohn seiner verstorbenen Frau. Wer sieht, wie Hermann Frank – ohne Stock – den Hang zu seinem Garten hinaufgeht, um nach seinen Tomaten zu schauen, kommt ins Staunen.

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Hörgerät spielt Streiche

„Bewegung für Körper, Geist und Seele“, so lautet das Credo des Naturburschen. Auch wenn dem gebürtigen Niederstettener mal ein Wort nicht einfällt, das Hörgerät aussetzt oder er mal einen kurzen Moment zum Innehalten braucht, kommt er noch gut bei allem mit. Er verfolgt, was in der Zeitung sowie im Funk und Fernsehen über Wissenschaft und Politik berichtet wird. Beim „Krimi-Käs’“ schalte er aber um.
Hin und wieder müsse er Altes aus seinem Kopf rausschmeißen, um Platz für Neues zu schaffen. Dennoch verfügt sein Gedächtnis noch über detaillierte Kriegsgeschehnisse und zum Beispiel das genaue Datum der Währungsreform. Und der Rausch, der ihn mal während der Wehrdienstzeit in Pilsen überkam, nachdem er „schwarzen Saft“ (tschechisches Bier) getrunken hatte, kann er auch immer noch nachempfinden.
Bei der Frage, wie der Pensionär seine Freizeit verbringt, muss er lachen. „Ich habe doch keine Freizeit.“ Sein Tag beginnt um 6 Uhr in der Früh mit Bewegungsübungen. Haushalt, Essen kochen, Gartenarbeit folgen. Bei seinem Tagesprogramm wundert es nicht, dass der Hausmann, der weitestgehend autark lebt, erst mal in seinen Terminkalender schauen muss, bevor er einem Treffen zustimmen kann. Den täglichen Mittagsschlaf lässt er sich aber nicht nehmen.

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Ganz ohne Hilfe geht es aber nicht. Seine Tochter Johanna Hausotter aus Gaiberg bei Heidelberg schaut regelmäßig nach dem Rechten. Und dann gibt es auch noch Liese Lose. Sie kommt seit 70 Jahren ins Haus und war schon Kindermädchen für Tochter Johanna. „Meine Eltern waren ja oft unterwegs. Sie war wie eine große Schwester für mich“, erzählt die 67-Jährige.
Mutter Johanna Frank starb im September 2016. Hermann Frank kümmerte sich jahrelang zu Hause um seine kranke Ehefrau. Aus dieser Zeit habe er mitunter eines gelernt: „Den Hausfrauen gebührt großer Respekt für das, was sie jeden Tag leisten.“ Als er noch berufstätig war, sei ihm das nie so bewusst gewesen.

Halt im Glauben gefunden

38 Jahre war Hermann Frank Bürgermeister von Vellberg. Die Stadt richtet daher heute eine Geburtstagsfeier für den Jubilar in der Stadthalle in Talheim aus. Bei dem Empfang mit Musik, Essen und rund 60 geladenen Gästen sprechen unter anderem Landrat Gerhard Bauer und Bürgermeisterin Ute Zoll.
Die Feier ist eine „große Ehre“, sagt Frank. Das findet auch seine Tochter. „Ich bewundere meinen Vater, dass er immer Sport getrieben hat und noch so fit ist.“ Er habe sich auch in seiner Funktion als Bürgermeister sehr engagiert, blickt die 67-Jährige auf die Berufsjahre ihres Vaters zurück.
Bei der Frage, was sich Hermann Frank für die Zukunft wünscht, sagt er: „Ich bin jeden Tag bereit zu gehen und hoffe, dass ich einfach umfalle und nicht im Krankenlager lande.“ Im Alter habe er im Glauben Halt gefunden. Erst im Ruhestand sei ihm die Natur und alles, was darin kreucht und fleucht, aufgefallen. „Mir wurde bewusst, wie groß die Schöpfung ist.“

38 Jahre Bürgermeister von Vellberg

Hermann Frank ist 1920 in Niederstetten geboren. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt. Aufgewachsen ist er in Vellberg-Großaltdorf, wo sein Vater mit seiner neuen Frau das Gasthaus zum Schwanen von dessen Eltern übernahm. Franks Stiefbruder starb jung an einer Lungenentzündung. Sein älterer leiblicher Bruder übernahm später den „Schwanen“. Hermann Frank zog nach Kornwestheim zu seinem Onkel und seiner Tante und besuchte die höhere Handelsschule in Ludwigsburg. Danach war er zwei Jahre in Wolpertshausen auf dem Rathaus. 1940 wurde er für den Wehrdienst eingezogen.
Bei einer Debatte über die Stadtgeschichte Vellbergs im „Ochsen“ 1943 reifte in ihm der Wunsch, die Stadt wieder zurück in glücklichere Zeiten zu führen. Nach dem Besuch der Verwaltungsschule in Stuttgart stellte Frank sich 1948 im Alter von 27 Jahren für das Amt des Bürgermeisters zur Wahl und setzte sich klar gegen die anderen Kandidaten durch. Fünf Wahlperioden, 38 Jahre lang, war er der erste Mann der Stadt. Seine wichtigsten Anliegen waren der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und die Denkmalpflege. Auch der Ausbau des Bildungswesens, Gewerbeansiedlung mit Schaffung von Arbeitsplätzen und die Wohnungsbaupolitik waren mitunter Schwerpunkte. Er rief auch das Weinbrunnenfest ins Leben, das 1968 zum ersten Mal stattfand.
Frank wurde mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und der Freiherr-vom-Stein-­Medaille des Gemeindetags ausgezeichnet. Bei der Verabschiedung 1986 bekam er das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen. Außerdem wurde er zum ersten und bisher einzigen Ehrenbürger von Vellberg ernannt. Zum 90. Geburtstag bekam er die goldene Ehrenmedaille. ena