Get up, twins. It‘s six o‘clock!“ Fünf Mädchen führen vor ihren Mitschülern ein Rollenspiel zum Thema „Tagesablauf“ auf – selbstverständlich auf Englisch. Nach einer Aufsteh- und einer Frühstückszene spielen sie eine Englischstunde mit Diktat durch. Diese endet abrupt, als die Lehrerin statt des Diktattextes ihre Scheidungspapiere aus der Tasche zieht und völlig aufgelöst die Kinder heimschickt. Es ist beeindruckend, wie gut die Kinder nach gerade mal sechs Monaten Englisch diese Gruppenarbeit bewältigt haben.
Ihre Lehrerin Barbara Ruf spricht im Unterricht ausschließlich Englisch, einfaches Englisch. Bei den Kindern klappt das nicht immer. Aber wenn ein Junge für das Rollenspiel seiner Gruppe auf Deutsch etwa nach einem weiteren Tisch fragt, wiederholt sie einfach die Frage: „You need a table?“  „In den zusätzlichen zwei Englischstunden am Donnerstag üben die Kinder oft in Dialogen das Sprechen. „Obwohl das am Nachmittag ist, machen sie das sehr gut“, lobt Ruf ihre Schüler.
Die 30 Kinder des bilingualen – also zweisprachigen – Zugs sind auf die Klassen 5 a und 5 b aufgeteilt. Zum bilingualen Englischunterricht, der zeitgleich mit den normalen Englischstunden stattfindet, trifft sich die Lerngruppe in einem eigenen Raum. Danach gehen die Schüler wieder zurück in ihre Klasse. „Wenn ein Kind überfordert wäre, könnte es in den ‚normalen’ Englischzug wechseln und trotzdem in seiner Klasse bleiben“, erklärt Schulleiter Frank Nagel. Genauso würde eines der Kinder, das keinen Platz im bilingualen Zug ergattert habe, ohne Klassenwechsel nachrücken. Allerdings sei bisher kein Platz frei geworden.
„Ich war erfreut, dass zum Halbjahr für alle 30 Kinder klar war, dass sie dabei bleiben“, meint Elisabeth Matthes, Abteilungsleiterin für Fremdsprachen am „Michele“. Die Fünftklässler hätten aber auch genau das richtige Alter für den Einstieg. „Sie wollen lernen und sind total motiviert“, findet sie. Für Eltern mit Viertklässlern hat sie diesen Tipp parat: Ein Kind ist dann für den  bilingualen Zug geeignet, wenn es – nicht nur im sprachlichen Bereich – gern lernt und in der Grundschule „mit den Füßen scharrt“, weil es sich unterfordert fühlt.

Strukturiert und verbindlich

Am Gymnasium bei St. Michael ist das Konzept für den bilingualen Zug klar strukturiert und  verbindlich. „Es ist keine AG, sondern eine feste Lerngruppe“, betont Matthes. „Und es ist auf einen Abschluss ausgerichtet.“ Sozusagen als Bonbon könnten die Schüler später einmal zusätzlich zur allgemeinen Hochschulreife das internationale Abitur  Baden-Württemberg ablegen oder – etwas darunter angesiedelt – das bilinguale Zertifikat Kursstufe erhalten.
Die zusätzlichen Englischstunden in Klasse 5 (plus zwei) und Klasse 6 (plus eine) bereiten die Schüler auf den englischsprachigen Unterricht in Sachfächern vor. In der 7. Klasse ist dies Geografie. „Die Themen wie der tropische Regenwald, Globalisierung oder Verstädterung sind greifbar und lassen sich gut auf Englisch unterrichten. Außerdem knüpft Geografie an die Landeskunde aus dem Englischunterricht an“, erläutert Ruf, die bereits jetzt die Klassen 5 a und 5 b in Geografie unterrichtet. In Klasse 8 werde neben Geografie auch Geschichte bilingual. Das heißt, es wird nicht nur, aber überwiegend auf Englisch unterrichtet. Die Schüler sollen sowohl die englischen wie auch die deutschen Fachbegriffe beherrschen. „Da das mehr Zeit benötigt, als rein deutschsprachiger Unterricht, haben sie jeweils eine Wochenstunde zusätzlich“, führt Nagel aus.
Ab Klasse 9 wird Biologie bilingual unterrichtet. Der Schulleiter ist deshalb froh, dass zum Herbst 2019 zwei junge Lehrer mit der Fächerkombination Englisch und Biologie das Haller Kollegium verstärken werden. Sie befänden sich derzeit noch im Referendariat und könnten eine bilinguale Zusatzausbildung vorweisen.

Ein überfälliges Angebot

„Unser bilinguales Angebot ist ein echter Standortvorteil für Schwäbisch Hall. Es war überfällig. Die große Nachfrage über unser klassisches Einzugsgebiet hinaus zeigt das. Auch für die hier ansässigen, weltweit agierenden Firmen ist das langfristig ein Vorteil“, unterstreicht Nagel. Wichtig ist ihm auch der Hinweis, dass dem bilingualen Zug ab Klasse 8 sowohl das sprachliche als auch das naturwissenschaftliche Profil offen stehen.

Info Am Dienstag, 26. Februar, gibt es um 17.30 Uhr im Schülerhaus (Mensa) des Gymnasiums bei St. Michael eine Infoveranstaltung zum bilingualen Zug.