Ein halbes Jahr nach der Inbetriebnahme der IC-2-Züge auf der IC-Strecke 61 Karlsruhe-Stuttgart-Nürnberg über Crailsheim fällt die Bilanz durchwachsen aus. Bis Mitte der vergangenen Woche sind von 1827 geplanten Fahrten 83 Verbindungen ausgefallen, von den gefahrenen 1744 Zügen hatten 69 mehr als 30 Minuten Verspätung. Das geht aus einer Antwort des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) auf eine Anfrage von Matthias Gastel, Sprecher für Bahnpolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, hervor. Laut Gastel fallen also rund 4,5 Prozent der Züge auf der Strecke komplett aus. Zum Vergleich: Deutschlandweit lag der Anteil von Zugausfällen ohne vollständigen Ersatz im April bei 0,6 Prozent. Im März waren es 1,1, im Februar und im Januar 1,3 Prozent. Auch diese Zahlen hatte Gastel abgefragt.

Stürme, Schnee und Unfälle

„Nach Auskunft der Bahn sind für den Ausfall und die Verspätungen der Züge Ursachen enthalten, die auf externe sowie auf technische und betriebliche Gründe zurückzuführen sind“, schreibt Enak Ferlemann (CDU), parlamentarischer Staatssekretär im BMVI, dem grünen Politiker. Unter „externen Gründen“ verstehe das Unternehmen Stürme, Schnee oder Personenunfälle. Genauer erklärt der Staatssekretär die Ausfälle auf der Strecke 61 nicht.
Deutschlandweit setze sich ein „rückläufiger Trend der Zugausfälle“ fort, ergänzt Ferlemann. Das komme durch zusätzliches Fahrzeugmaterial, das die Bahn angeschafft habe oder noch anschaffe. Mit über 225 täglich eingesetzten Zügen seien seit April mehr ICE als je zuvor auf dem deutschen Schienennetz unterwegs. Außerdem habe die Bahn 127 neue ICE 4 bestellt – 25 davon seien bereits im Bestand –, 69 zusätzliche IC 2 und 23 EC.

Vier Jahre nach der Einführung: Immer noch Kinderkrankheiten

Die Antwort stellt den grünen Verkehrspolitiker aber nicht zufrieden. „Fast vier Jahre nach dem Start der ersten IC-2-Linie bekommt die Bahn die ‚Kinderkrankheiten‘ an ihren fabrikneuen Fahrzeugen nicht in den Griff. Auch das Debüt auf der Strecke zwischen Franken und Schwaben war ein klassischer Fehlstart“, kritisiert Gastel.
Der Vergleich mit den bundesweiten Zahlen zeige, dass die Probleme massiv seien. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass der Inter­city 2, der eine Variante der sehr verlässlichen Nahverkehrs-Doppelstockwagen ist, bis heute immer wieder solche Probleme bereitet“, so Gastel. Er fordert die Deutsche Bahn und den Zugbauer Bombardier auf, „die technischen Unzulänglichkeiten ein für alle Mal abzustellen“.

Auf der Strecke fallen vier Mal mehr Fahrten aus als sonst wo

Der Kirchberger Grünen-Bundestagsabgeordnete Harald Ebner hatte die Anfrage bei seinem Fraktionskollegen initiiert. „Ich nutze die Strecke regelmäßig und man merkt einfach, dass da was nicht stimmt“, erklärt er auf Nachfrage. „Auch das Personal ist regelmäßig am Fluchen.“ Er könne nicht sagen, ob die Fahrzeuge technisch unausgereift seien oder warum es gerade auf der IC-Strecke 61 so hake. Die Bahnkunden hätten auf jeden Fall ein Recht auf verlässliche Verbindungen. Zwischen Nürnberg und Stuttgart glänze der Schienenverkehr außerdem nicht gerade mit besonders attraktiven Fahrzeiten, so Ebner.
„Umso wichtiger sind die Faktoren Service, Verlässlichkeit und Pünktlichkeit, um Menschen vom Auto in die Züge des Fernverkehrs zu locken.“ Wenn auf der genannten Strecke viermal so viele Fahrten ausfallen wie andernorts und im Durchschnitt jeden dritten Tag ein Zug mehr als eine halbe Stunde verspätet ist, sei das nicht akzeptabel und für die Fahrgäste nicht kalkulierbar. „Ich habe auf der Strecke schon öfters wichtige Anschlusszüge verpasst. Dieser Abschreckungsfaktor muss beendet werden“, stellt der Abgeordnete klar.

Unhaltbarer Zustand

Auch für Landrat Gerhard Bauer sind die aktuellen Zahlen ein Unding. „Für eine der wirtschaftsstärksten Regionen im Land ist eine gute und verlässliche Anbindung an den Schienenpersonenfernverkehr sehr wichtig“, betont er auf Nachfrage. Nachdem der Landkreis nur sehr spärlich – mit zweistündlichen IC-Verbindungen in Crailsheim – an den Fernverkehr angebunden ist, seien Zugausfälle besonders schmerzlich. „Diesen unhaltbaren Zustand beklage ich schon seit Jahren, allerdings mit sehr mäßigem Erfolg“, ergänzt der Landrat. Mit Blick auf die angestrebte Verkehrswende halte er es für zwingend geboten, dem Fahrgast ein attraktives und stabiles Angebot auf der Schiene bereitzustellen: „Davon sind wir leider noch ein großes Stück entfernt.“

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