Als nach der Zeremonie die mit dem Bundesverdienstkreuz geehrte Friedlinde Bertsch ihrem Mann Dieter eine rote Rose überreichte, hatte Helma Hinger auch gleich das richtige Lied auf den Lippen:  „Er ist in mein Herz gekommen, ein Teil des Glücks, dessen Gründe ich kenne“. Die Platte von Edith Piafs „La vie en rose“ erschien ein Jahr vor der Geburt von Friedlinde Bertsch.

Am Sonntag erhielt die langjährige Lichtensteiner Gemeinderätin und Vorsitzende des Ortsseniorenrats aus den Händen ihrer Namensvetterin Friedlinde Gurr-Hirsch das Bundesverdienstkreuz. Den Auftrag zur Verleihung hatte die CDU-Staatssekretärin für den ländlichen Raum noch vom Saatsoberhaupt Joachim Gauck erhalten.

Das ist ein Mann, dessen Leben ebenso lange mit der Kirche und dem christlichen, protestantischen Glauben verwoben war und ist, wie das von Friedlinde Bertsch die schon 1964 sehr aktiv in der Kinderkirche mitwirkte, in dem Jahr, in dem der DDR-Bürger Gauck an seiner  theologischen Examensarbeit schrieb. Er wurde 1970 als Pastor in die Trabantenstadt Rostock-Evershagen geschickt, Bertsch wurde da Schriftführerin des CVJM.

„Ich saß in Marbach fest beim Herzog von Württemberg, aber ich sehe, Sie haben hier schon vorgeglüht“, versuchte Gurr-Hirsch ihre fast dreiviertelstündige Verspätung mit Humor zu überspielen. Und weil dies absehbar war, die Dame auf der Vollblutaraberzucht-Feier  Alb erst ausgerufen werden musste,  hatte Bürgermeister Peter Nußbaum die – in jeder Hinsicht geladenen – Gäste zum vorgezogenem Prosecco samt Häppchen gebeten.

Die Staatssekretärin, Gründerin des heute bundesweit rund 50 Damen zählenden „Friedlinde-Treffens“ – auch Bertsch ist seit kurzem dabei – lobte die „Wortführerin und treibenden Kraft in der Seniorenarbeit“, eine Aufgabe, an die sich Friedlinde Bertsch übrigens zu einer Zeit gemacht hatte, als sie selbst noch weit vom Seniorenalter entfernt war. 1989 begann sie in der Evangelischen Kirche mit der Altenarbeit, war dann allein 20 Jahre lang Leiterin des Altenkreises.

Seit 1998 ist Bertsch auch Delegierte des Kirchenbezirks und seit 2004 Mitglied des Kompetenznetzwerks der Evangelischen Landeskirche (Lages), einem Zusammenschluss, in dem es um das geht, was sich Freidklinde bertsch zur lebensaufgabe gemacht hat: Bildung und Teilhabe von Senioren. Ihr im Jahr 2000 initiierter Senioren-Mittagstisch ist zur Institution geworden, selbst jüngere Leute kommen dorthin.

Und weil sie sehr gut weiß, dass sich viele Dinge doch besser anstoßen lassen, wenn die bürgerliche Gemeinde mitzieht, diese jedenfalls dann mehr von den Belangen der Seniorenarbeit erfahren kann, wenn man mit Sitz und Stimme präsent ist, bewarb sich Friedlinde Bertsch 1984 bei den Bürgern für den Gemeinderat, in den sie dann auch gewählt wurde. Zehn Jahre Pause hin oder her: Nachdem sie 1999 erneut angetreten  war, holte sie aus dem Stand heraus wieder das Mandant, bis heute ist sie Gemeinderätin. Fast alle Ortsparlamentarier waren am Sonntag freilich mit dabei, die Töchter der Bertschs, Dagmar und Daniela aus München waren aus München gekommen auch ehemalige Pfarrer, die in Lichtenstein wirkten waren da, so auch Johannes Hölz. Da ließ es sich der katholische Dekan Hermann Friedl, der bekanntlich großen Wert auf ökumenische Begegnungen legt, nicht nehmen, ebenfalls zur Feierstunde im Rathaus zu erscheinen.

Nach der Ehrung und der Musik von Helma Hinger (Gesang) und Annette Klaiss  am E-Piano, fasste der Bürgermeister noch einmal zusammen, worauf eine Frau wie Friedlinde Bertsch zurecht stolz sein darf, die es aber von ihrem Naturell her mit großen Ehrungen  nicht so sehr hat.

Genauer: Sie arbeitet im Einsatz für ihre Klientel, die Senioren und die Bürgerschaft zwar zielstrebig und kann durchaus auch fordernd sein. Aber ihr Lebensmotto im Ehrenamt scheint immer gewesen zu sein: „Tue Gutes...“, aber ... rede nur das Notwendigste darüber.“

Nußbaum bemühte zum Thema Würdigungen Alt-Bundeskanzler Konrad Adenauer: „Ehrungen, das ist, wenn die Gerechtigkeit ihren liebenswürdigen Tag  hat.“ Und das war dieser Sonntag. Den Menschen, die von manche einem Ehrenamt durchaus Nutzen ziehen, gelte es jedoch auch klar zu machen, „dass gemeinwohlorientiertes Handeln in einer Gemeinschaft eben nichts Selbstverständliches, kein Selbstläufer ist“. Er lobte Sieglinde Bertsch als einen der Menschen, die „ein gutes Gespür für Wichtiges entwickelt haben – und aus tiefer Überzeugung und Lebensauffassung heraus“ dann ihre wichtigen Beiträge leisteten.