Immer wieder ist es dem Reutlinger Spendhaus gelungen, junge Holzschnitt-Künstler zu entdecken und zu fördern. Martina Geist oder Matthias Mansen kamen so ins Haus, in jüngster Zeit zeigten Jan Brokof oder Benjamin Badock ihren innovativen Umgang mit dem traditionsreichen Medium.
Der 2004 gegründete Freundeskreis will nun mit dem Holzschnitt-Förderpreis weiterhin den Fokus auf den Nachwuchs legen, auf „Künstler, die noch ganz am Anfang sind“, wie der Vorsitzende Wilfried Thron erklärt. Und auch der Freundeskreis selbst will sich mit diesem Preis in der Region ein wenig bekannter machen. Die Auszeichnung ist mit einem Preisgeld, einer Ausstellung und einem Katalog verbunden, wird dieses Jahr erstmalig verliehen und soll zukünftig alle zwei Jahre vergeben werden – finanziert vom Freundeskreis und einem jeweils neuen Sponsor. Über den Preisträger entscheidet keine Jury, sondern ein renommierter Künstler – in diesem Fall der Hamburger Maler und „Protagonist des modernen Holzschnitts“, Gustav Kluge, der sich in Karlsruhe, Hamburg und Leipzig umgesehen hat, und nun mit Jennifer König in Leipzig fündig geworden ist.
Jennifer König ist Jahrgang 1984 und  in der Uckermark aufgewachsen. Sie hat Kunsttherapie und -Pädagogik an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg bei Bremen studiert, bevor sie 2011 an die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ging, wo sie bei Heribert C. Otterbach, Tilo Baumgärtel und Christoph Ruckhäberle studierte – Vertreter der „Neuen Leipziger Schule“. Jennifer König war außerdem für ein Semester an der École nationale supérieure des Arts visuels de La Chambre in Brüssel.
„Ihre Domäne“, so Dr. Hans-Werner Schmidt, der bis vor kurzem Direktor des Museums der bildenden Künste in Leipzig war und bei der Preisvergabe die Laudatio halten wird, sind der Hoch- und Tiefdruck, „ihr farbiges Panorama bewegt sich zwischen Schwarz und Weiß“, inklusive natürlich zahlreicher Grautöne. Und sie ist – nicht zuletzt durch die kindheitliche Prägung durch „die Hügel und Berge der Uckermark“ – eine Spezialistin für landschaftliche Formen, die sie mit verschiedenen Druck-, Mal- und Zeichentechniken auf die Leinwand bringt.
Es sei nicht so, dass sie keine Farben möge, erklärt Jennifer König beim Rundgang durch ihre Spendhaus-Ausstellung, „aber ich brauche sie momentan nicht als Mittel“. Sie konzentriere sich mit ihren Arbeiten ganz auf die Form. Diese Formen sehen unter anderem bei ihren „basic terms“ – gemalt mit Acryl, Öl und Grafit –, auf den ersten Blick noch recht abstrakt aus, aber nach und nach lassen sich gewisse Landschaftsformen entdecken. In ihren Bildern erfasst sie Landschaft und Natur nie als Ganzes, sondern immer nur in Ausschnitten. Die Einzelteile fungieren „als Indikatoren, die auf Naturhaftes verweisen“.
Inspiriert wurde sie von einer fernöstlichen Sichtweise auf Natur: „Japanische Gärten zeichnen sich oft durch radikale Einschnitte in die Natur“ aus, erklärt sie, die in unseren Augen fast schon „brutal“ erscheinen, „die aber eine Kraft haben, die mir gefällt“. So ein kultureller Eingriff ins Vorhandene sei ja auch das Schneiden in die Linolplatte, was ja auch bei der Herstellung einer Druckgrafik vonstatten geht – Jennifer Königs Hauptmetier. Dabei experimentiert sie mit verschiedenen Techniken, vermischt unter anderem in mehreren Druckvorgängen Hoch- und Tiefdruck. Oder arbeitet sich durch die Grenzbereiche von Druckgrafik, Malerei und Zeichnung, zum Beispiel durch zusätzliches Einrühren von Pigment in die Ölfarbe, wodurch räumliche Effekte erzielt werden, wie in „the arc of intimation“: Hier zerfließen die Linien, Weißstellen und Flächen teilweise ineinander, während in „horizon“ die Landschaftsteile scharf voneinander getrennt und vertikal aufeinandergestapelt sind.
Außer Linoleum schneidet Jennifer König auch Karton, in „scenery lines“ hat sie dafür Karton mit farbigem Kern verwendet, die Landschaftsteile erscheinen hier als leerstehende Umrisse, die ebenfalls wieder übereinander gestapelt sind. Bei ihren „flower pieces“ wiederum verwendet sie gemalte Druckstöcke, auf denen sie die Ölfarbe mit dem Pinsel so einsetzt, dass auf der mit besonderem Papier eingeschlagenen Leinwand eine Reliefstruktur entsteht, die mit Grafit nachgezeichnet werden – eine Technik, die sehr viel Luftigkeit und Transparenz erzeugt.

Jennifer König erhält den Holzschnitt-Förderpreis

Jennifer König wird heute, Freitag, 5. Mai, 19 Uhr, mit dem erstmalig vergebenen Holzschnitt-Förderpreis des Spendhaus-Freundeskreises im Städtischen Kunstmuseum ausgezeichnet. Die Laudatio hält Dr. Hans-Werner Schmidt.
Die Ausstellung „Konstruktionen nach dem Sinn“ mit Arbeiten von Jennifer König ist ab Samstag, 6. Mai, bis 3. Oktober im Spendhaus zu sehen. kk