Sinn- und Textilkrisen gehen bekanntlich Hand in Hand und so landen auch die lebensgeplagten Kreuzfahrerinnen Martha, Gabriele und Lena in Connys schwimmender Bord-Boutique, um sich über ihr verkorkstes Leben auszuheulen, mögliche Alternativen durchzudenken und ganz nebenbei auch noch den ein oder anderen Fummel anzuprobieren.
Ein neuer Dress ist wie ein neues Leben – und Conny hat wirklich für jede Lebenslage (Scheidung, Sinnkrise, berufliche Neuorientierung, Captains Dinner) das passende Outfit. Das offene Ohr für seine Kundinnen ist natürlich im Preis inbegriffen. Klar, dass „auf dem Meer der Möglichkeiten“ nicht nur jede Menge Sturm-, Schiffs- und Reise-Metaphern abgelassen, Wortspielorgien gefeiert und Lebensweisheiten abgefeuert werden, sondern auch das „Adventure Paket“ ausgepackt wird.

Parodistische Interpretationen

Und wenn das Quartett rein sprachkünstlerisch nicht mehr weiter kommt, dann hilft man sich musikalisch weiter, frei nach Wittgenstein: Worüber man nicht reden kann, darüber soll man singen. Und zwar mit Schlagern, Chansons und Pophits aus allen Genres und Epochen. Und so gehen die drei goldig verzweifelten Girls plus Textiltherapeut mit so wohlklingenden wie parodistischen Interpretationen von Songs wie „Wenn Du mal in Hawaii bist“, „Schlösser, die im Monde liegen“, „Happy“ oder „Wir sind groß“ durch alle erdenklichen Stimmungslagen. Und formieren sich unter der Regie von Karin Eppler zu lustigen Minimal-Choreos, wenn sich die besungene Euphorie mal wieder in keinster Weise in ihrer aktuellen Realität oder im Spiegel wiederfinden lässt. „Ab in den Süden“ wird so genauso zum Anti-Ballermann-Hit wie Pharrell Williams „Happy“, zu dem die Görlz biestige Mienen ziehen. Juan Camilo Yepes (im Wechsel mit Karl Mittelbach) begleitet die singenden Probleme mit entsprechend knackigem Klavierspiel. Die Tonne-Techniker haben außerdem für Conny einen wunderhübschen Verkaufs-Traum mit Schiffchen, Plüschsesseln und Umkleidekabinen eingerichtet, in denen sich schon auch mal ein Identitätsexperiment oder eine textile Wiedergeburt antesten lässt.
Das Ensemble kann nicht nur wunderschön miteinander singen, sondern spielt sich auch brillant und zart ironisch in den Katastrophenrausch hinein. Benjamin Hille als leicht tuntiger Mode- und Krisenberater zwinkert als schwuler Pirat vielsagend ins Publikum und haut einen abgehalfterten Spruch nach dem andern raus, ist so aufmerksam wie geschäftstüchtig, vermag jedes Gesprächsthema in Richtung Mode zu lenken und muntert die drei Depro-Grazien dazu auf, doch endlich die zu werden, die sie schon immer sein wollten. Selbstverständlich hat auch Conny seine unglückliche Liebe, und so wird gemeinsam geheult und gekreischt, geseufzt und gesoffen, gesungen, geschwankt und der Schmerz mit Yoga weggeatmet. Jördis Johannson als Martha mit echt schrägen Modevorstellungen kommt erst bei Windstärke 10 so richtig in Schwung: Da kann sie sich spüren, im Gegensatz zu ihrem kreuzlangweiligen Leben als Verwaltungsfachangestellte im qualitätsoptimierten Bürgeramt. Die finanziell wesentlich besser ausgestattete Architektin Gabriele (Maria Magdalena Rabl) will sich eventuell von ihrem Mann trennen und endlich größere Visionen angehen. Studentin Lena (Svenja Marija Topler) kann sich hervorragend in ihre Dramen hineinsteigern, wenn sie nicht gerade auf ihr Smartphone starrt. „True Love Is Suicide“, singt sie, während Conny weiß, worin das wahre Glück besteht: „Sturm-Sale!! 30 Prozent auf alles!!“.

„Sehnsucht Süd“: Weitere Termine

„Sehnsucht Süd“ von Karin Eppler und Thomas B. Hoffmann im Spitalhofkeller. Dauer: etwa zwei Stunden.
Weitere Termine:
20., 21., 27., 28., 29. Oktober; 23., 24., 25., 29. November; 1., 2., 3., 26., 28., 29., 31. Dezember, jeweils 20 Uhr, außer: 29. 10.: 16 Uhr; 31.12.: 17 Uhr und sonntags sowie 21.10., 28.10., 25.11., 26. 12.: 18 Uhr.