Frau Maske verliert die Hose, und das mitten auf der Straße, wo es jeder sehen kann. Mit diesem Unglück beginnt das bitterböse, satirische Schauspiel „Die Hose“ von Carl Sternheim. Ein Umstand, der 1911 bei der Uraufführung für einen handfesten Theaterskandal gesorgt hat, erschüttert heute niemanden mehr. Kalt lässt einen die Inszenierung des Stücks aber dennoch nicht. Denn Regisseur Akillas Karazissis hat sie ganz bewusst zeitlos angelegt, sie könnte ebenso in den 1930er  spielen wie in unserer Gegenwart. Es sind diese archetypischen Figuren und Typen, die die Zeit überdauern und die darum immer noch Aussagekraft besitzen.

Das Unglück und seine Folgen

Nehmen wir die Protagonistin Luise Maske, der es nicht gelingt, sich gegen ihren Ehemann zu wehren. Jenifer Kornprobst gibt sie als zerbrechliches Vögelein, mit blond hochtoupiertem Haar und engem Rock.  Noch nicht einmal ein Jahr verheiratet, ist sie bereits todunglücklich. Sie putzt sich heraus, kocht, umsorgt ihren Mann, gibt sich ihm, wen auch widerwillig, hin. Dennoch kann sie es ihm, diesem nach vorne braven Beamten mit dem heimlichen  Hang zum Sadismus, Patrick Schnicke ist dieser Saubermann mit dunkler Seite, nicht recht machen. Er stellt sie bloß, demütigt sie, verletzt sie. Nach dem Unglück mit der Hose fürchtet er um seine Anstellung, doch stattdessen beschert es ihm unerwartete Einnahmen.
Es melden sich Mieter, die nicht nur auf die Zimmer, sondern auch auf die Hausherrin aus sind, die derart pikant mitten in der Stadt zu sehen gewesen ist. Theobald Maske  stört das wenig, er preist seine Gattin an, die  Wohngesellschaft mutiert immer mehr zum Tollhaus mit den irrsinnigsten Bewohnern. Denn es ziehen ein: der selbstverliebte Geck Frank Scarron (Daniel Tille), ein Schönling, hinter dem nicht nur die Hausherrin, sondern auch die notgeile Nachbarin her ist:  Sabine Weithöner spielt diese alte Jungfer, die letzten Endes mit dem Hausherrn ein Techtelmechtel anfängt. Benjamin Mandelstam (Raphael Westermeier) ist der dritte Mann im Bunde, ein hypochondrischer Psycho, mit dem Luise Maske Mitleid empfindet, der aber von ihrem Mann ebenfalls schikaniert und beleidigt wird.
In der Wohnung wird geschrien und getobt, gekämpft, gesoffen und gewürgt. Hinter der bürgerlichen Fassade treten Abgründe hervor, die auch schon das Bühnenbild erahnen lässt. In grellen Farben sind Seile gespannt, das Ehebett besteht aus Stacheln, die Luise während des Aktes beinahe aufspießen. Am Ende verlässt der Künstler die Wohnung, um mit einer Prostituierten von dannen zu ziehen, Luise zieht sich unter den Tisch zurück, ihr Gatte betrügt sie weiter mit der Nachbarin, die vor seinen Anfeindungen aber auch nicht verschont bleibt.

Nur nicht aus Liebe weinen

Carl Sternheim hat 1911 ein bitterböses Stück geschrieben, das bis heute nichts von seinem Witz eingebüßt hat, auch wenn einem das Lachen manchmal fast im Halse stecken bleibt. Denn obwohl die Männer widerwärtig sind, sind es doch Menschen. Da kann durchaus Mitleid aufkommen, wenn der kränkliche Barbier Luise den Honig aus der Hand schleckt wie ein Baby, oder wenn sich alle gemeinsam besaufen, singen, und dann wieder streiten bis zum Eklat. Am ärmsten aber ist Luise, die nach dem Hosenmalheur die schlimme Wahrheit über sich und ihre Ehe erkennen muss, die nur aus Elend besteht. Da bleibt ihr nur eines: kompletter Rückzug und ein wenig Trost aus dem Hit von Zarah Leander: „Nur nicht aus Liebe weinen“.

Die nächsten Aufführungstermine

Weitere Termine für „Die Hose“ sind:  3., 4., 18., 19. und 24. Mai; 7. und  15. Juni; 4. Juli.   Beginn ist jeweils um 20 Uhr in der Werkstatt, Dauer etwa zwei Stunden, keine Pause.