Männer über 56 entscheiden die Zukunft unter sich – zumindest, wenn man einer Studie des WDR glaubt. Für diese Studie wurde nämlich das Alter und das Geschlecht fast aller Ratsmitglieder in Nordrhein-Westfalen ermittelt. Ergebnis: Nur jeder vierte Kommunalpolitiker dort ist eine Frau, zudem sind 88,6 Prozent der Gemeinderäte 41 Jahre und älter.
Ein Blick in die nahen Umgebung zeigt: Auch hier ist die Lage ähnlich. Und daran muss sich definitiv was ändern, finden Lukas Schult, Lena Hönes und Eric Sindek. Schon 2014 sind die drei jungen Eninger bei der Kommunalwahl für die Freie Wählervereinigung (FWV) angetreten. Schult holte 1941 Stimmen, Hönes 1489 Stimmen: Beide wurden direkt ins Gremium gewählt. Sindek (665 Stimmen) rückte drei Jahre später in den Gemeinderat nach, als Schult aus beruflichen Gründen aus Eningen wegzog.
Im Mai steht die nächste Kommunalwahl an – und die drei wollen wieder für die FWV antreten. Schult (jetzt 29) ist zurück in die Heimat gezogen. „Mein Herz schlägt für Eningen“, bilanziert er und muss gleich lachen: „Ich wollte doch keine platten Wahlkampfsprüche bringen...“ Auch Hönes (jetzt 25) hat ihr Masterstudium in Düsseldorf beendet, für das sie vor zwei Jahren weggezogen war. „Jetzt hab ich genug Großstadt-Luft geschnuppert“, ist ihr Fazit.
Was motiviert junge Menschen dazu, für den Gemeinderat zu kandidieren? Es scheint, als seien es zunächst einmal die anderen, die den Stein ins Rollen bringen: Die älteren Gemeinderäte, die Netzwerker, die in Vereinen aktiv sind und die einen ansprechen: „Hättest du nicht auch Lust?“ In Eningen durchforstet beispielsweise die FWV-Fraktionsvorsitzende Barbara Dürr ihr großes soziales Netz immer wieder nach Gemeinderats-Nachwuchs. Seit 20 Jahren sitzt Dürr im Kreistag, seit 15 Jahren im Gemeinderat. Im Kreistag ist der Altersdurchschnitt noch höher als in ihrem Gemeinderat, sagt sie.
Lust auf das neue Amt hatten Schult, Hönes und Sindek trotz ihres jungen Alters von Anfang an. Alle drei bezeichnen sich selbst als „schon immer politisch interessiert“. Schult ist Mitglied im Musik- und im Sportverein, gut vernetzt im Ort. Seiner FWV-Zeit ging ein kurzes CDU-Intermezzo voraus, 2009 hatte er (mit 19 Jahren) bereits auf deren Liste kandidiert.
Sindek (24) sagt nun nach fast zwei Jahren im Gemeinderat: „Es macht einfach Spaß, das ist Demokratie pur.“ Und wie sieht es mit der Zeit aus? „Geht auch, man muss es eben wollen“, sagt Hönes. Der Eninger Gemeinderat tagt durchschnittlich einmal im Monat, dazu kommen eine Ausschusssitzung, eine Fraktionssitzung und eine ganze Menge Vorbereitungszeit für die teilweise kiloschweren Aktenberge: Macht gut 15 Stunden Arbeitsaufwand pro Monat. Besonders am Anfang war viel Zeit nötig, um sich durch den Papierberg und das Behörden-Deutsch zu kämpfen, sagt Hönes.
Dass gerade das auf viele Menschen eher abschreckend wirkt, weiß auch Schult: „Wenn ich die Unterlagen sehe und lese, ist mir schon klar, warum nur so wenig Zuhörer in die Sitzungen kommen.“ Sindek studiert an der Verwaltungshochschule in Ludwigsburg. Für ihn ist die Erfahrung in den Sitzungen „eine super Ergänzung zum Studium“.
Für die Sitzungen bekommen die Gemeinderäte eine kleine Aufwandsentschädigung. „Wegen dem Geld macht das niemand“, sagt Schult. Was ist also dann die Motivation? „Man kann Dinge vom Anfang bis zum Ende gestalten“, sagt Sindek. Das Freibad, das Sportvereinszentrum peb2, Spielplätze oder das Feuerwehrgerätehaus: Das sind alles Bau- oder Sanierungsprojekte, an deren Entstehung und Gestaltung die drei im Gemeinderat mitgewirkt haben. Zu sehen, was man mit auf die Beine gestellt hat, das mache einen stolz, sagen sie. „Wir müssen die Perspektive der jungen Eninger in den Gemeinderat bringen“, betont Hönes. „Dort sollen ja die Interessen aller Bürger vertreten werden.“ Nicht nur die der Über-50-Jährigen.
Nehmen die älteren Gemeinderäte ihre jungen Kollegen ernst? Meistens schon, sagt Sindek: „Also ich habe mich bisher immer geschätzt gefühlt.“ Kommunalpolitik sollte in erster Linie Sachpolitik sein, findet Schult. Das Parteibuch dürfe bei den Entscheidungen nicht die erste Rolle spielen. Die beiden anderen nicken. Deshalb haben sie sich auch für die Freien Wähler entschieden.
Aktuell sind alle drei auf der Suche nach weiteren Kandidaten für die FWV-Liste. „Wir wollen die 18 Plätze voll kriegen“, sagt Sindek. Am liebsten möglich viele Plätze mit jungen Bewerbern. „Viele sagen, sie hätten generell Interesse, sie sind aber zu stark in andere Sachen eingebunden“, erzählt der 24-Jährige. „Viele schreckt auch die Langfristigkeit von fünf Jahren ab, die wollen sich lieber kurzfristig für etwas engagieren“, sagt Hönes.
Die drei wissen es selbst: Zwischen 18 und 35 Jahren stehen den jungen Erwachsenen fast alle Türen offen. Die einen gehen reisen, die anderen wechseln mehrmals den Wohnort für Studium und Arbeit. „Es gibt in Eningen diesen engagierten Kern von 2000 Leuten“, schätzt Schult. „Aus diesen rekrutiert sich alles: Vereinsvorstände, Kommunalpolitiker, Ehrenamtliche.“ Doch wie erreicht man die restlichen 9400, die Zugezogenen und die, die nicht so eingebunden sind? „Seit März 2018 setzen wir auf Social Media“, sagt Sindek. Auf Facebook und Instagram hat die FWV nun eine Seite. Barbara Dürr findet das gut, sie sagt Kommunalpolitik muss zugänglicher werden.
Ob sich die Bemühungen auszahlen und viele junge Eninger in den Gemeinderat einziehen, wird sich in fünf Monaten zeigen. Wünschen würden es sich alle drei. Sindek nennt auch gleich eine Baustelle, die es dann dringend anzupacken gilt: „Touristisch könnte sich Eningen noch so viel besser vermarkten. Hier steckt so viel Potential drin, das bisher einfach nicht genutzt wird.“

Ein Blick in die Gemeinderäte: Wie alt sind die Kommunalpolitiker?

In Eningen besteht der Gemeinderat aus 18 Mitgliedern. 14 davon sind Männer, vier sind Frauen. Das Durchschnittsalter der Räte beträgt 54 Jahre. Der jüngste Gemeinderat ist momentan Eric Sindek.
In Pfullingen besteht der Gemeinderat aus 22 Mitgliedern. Neun davon sind Frauen, 13 sind Männer: Hier sind die Unterschiede also nicht so dramatisch wie in der WDR-Studie. Das Durchschnittsalter der Räte beträgt 50,5 Jahre. Die älteste Gemeinderätin ist 67 Jahre alt, das jüngste Mitglied des Gremiums ist 23 Jahre alt. 18 Mitglieder sind älter als 41 Jahre (macht einen Anteil von 81,8 Prozent), nur vier sind jünger.
In Lichtenstein sitzen 19 Gemeinderäte im Gremium. 14 von ihnen sind Männer, fünf sind Frauen. Das Durchschnittsalter beträgt 59 Jahre, das jüngste Mitglied ist Geburtsjahrgang 1969. kam