Am 8. Dezember findet der zweite bundesweite Warntag statt. Im ganzen Land soll dabei die Warnung der Bevölkerung im Notfall, etwa bei Naturkatastrophen oder einem Terroranschlag, getestet werden. Hierfür stehen verschiedene sogenannte Warnmittel zur Verfügung. Erstmals wird das sogenannte Cell-Broadcast getestet: Dabei erhalten alle Handynutzer, die in einem bestimmten Sendegebiet eingewählt sind, automatisch eine SMS mit der aktuellen Warnmeldung. Was in anderen europäischen Ländern, beispielsweise in Polen, längst gang und gäbe ist, kam in Deutschland erst nach der Flutkatastrophe im Ahrtal mit 134 Todesopfern ins Rollen.

Enttäuschung am ersten Warntag

Warnmeldungen auf das Smartphone sollen dann zeitgleich auch Warn-Apps wie die vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) entwickelte Notfall-Informations- und Nachrichten-App (NINA) oder Kat-Warn liefern, in Radioprogrammen und Fernsehsendungen werden Hinweise eingeblendet. In Reutlingen war die Enttäuschung am 10. September 2020 bei vielen Interessierten groß, als pünktlich zur Warnzeit am ersten bundesweiten Warntag das Leben einfach weiterging und keine Sirenen zu hören waren. Auch die Warnung über die Apps scheiterte, weil Absprachen nicht funktionierten und zu viele Berechtigte die geplante Warnmeldung gleichzeitig in die Systeme einspielen wollten. Christoph Unger, der damalige Präsident des BBK, musste anschließend vorzeitig gehen.
Zu hören war in Reutlingen aber vor allem auch deshalb nichts, weil das öffentliche Sirenennetz im Zuge der „Friedensdividende“ nach dem Ende des Kalten Krieges abgebaut worden ist. Der bis dato zuständige Bund bot damals den Städten und Gemeinden an, die Sirenen in kommunalen Besitz zu überführen. In Reutlingen wurde dieses Angebot ausgeschlagen, auch die Luftschutzräume im Rommelsbacher Tunnel wurden seit den 1990ern nicht mehr gewartet. 2750 Personen hätten in dem Straßentunnel und angrenzenden Räumlichkeiten Schutz vor konventionellen Angriffen gefunden – was durch den russischen Angriff auf die Ukraine neue Aktualität gewonnen hat.
Inzwischen hat die Landesregierung ein Förderprogramm für den Wiederaufbau des Sirenennetzes ins Leben gerufen, welches allerdings schnell überzeichnet war: das Geld reichte nicht für alle interessierten Städte und Gemeinden. In Aichtal startete ein Pilotprojekt: Dort wurden Straßenlaternen als Sirenen ausgestattet, die nicht nur Warntöne, sondern auch Textdurchsagen ermöglichen sollen. In Reutlingen möchte die Stadtverwaltung zunächst fünf Sirenen aufbauen: Die fünf geplanten Standorte befinden sich allesamt in der Nähe der Echaz: beim Feuerwehrhaus in Betzingen, an der Reutlinger Hauptfeuerwache, an der Hermann-Kurz-Schule, an der Stadthalle und beim Klinikum an Steinenberg.
Die Installation der Sirenen ist bis Ende September 2023 geplant. Dank eines Sonderförderprogramms übernimmt der Bund rund 54 000 Euro der anfallenden Kosten. Die restlichen Investitionen in Höhe von zirka 150 000 Euro trägt die Stadt. Die Investition ist im Entwurf für den städtischen Haushalt 2023 eingeplant, der allerdings zunächst vom Gemeinderat verabschiedet werden muss.

Feuerwehr macht nicht mit

Ruhig wird es in der Achalmstadt aber auch, weil sich die Feuerwehr Reutlingen nicht am Warntag beteiligen wird. Das ganze Stadtgebiet ist bei der Feuerwehr in mehrere Warnbezirke aufgeteilt. Werden Warnungen nötig, montieren die alarmierten Einheiten der Freiwilligen Feuerwehr mobile Lautsprecher- und Sirenenanlagen vom Typ MOBELA 150-D auf die Mannschaftstransportwagen und fahren mit diesen ihre jeweiligen Warnbezirke ab. Zuletzt wurde dieses System 2009 in der Innenstadt eingesetzt, als es in der Eishalle zu einem Ammoniakaustritt kam. „Die Abteilungen führen jährlich, im Rahmen ihrer Regel-Dienstausbildung Übungen an den mobilen Sirenen durch“, erklärt Feuerwehrkommandant Michael Reitter auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE.

Geübt wird nur die Montage

Allerdings: Eine nicht repräsentative Umfrage unter den Feuerwehrangehörigen macht deutlich, dass die jährliche Pflicht zur Beübung der Warnanlage bei weitem nicht überall umgesetzt wird. „Mir persönlich wären derlei Übungen unbekannt“, erklärte etwa ein Feuerwehrangehöriger, der es in einer Stadtbezirks-Abteilung der Freiwilligen Feuerwehr immerhin bis zum stellvertretenden Abteilungskommandanten geschafft hat. In einer anderen Abteilung findet die Unterweisung zur Inbetriebnahme der Sirenen tatsächlich jährlich im Rahmen eines Dienstes für Maschinisten statt. Die Übungen beziehen sich dabei aber jeweils nur auf die Montage der mobilen Sirenen auf die jeweiligen Einsatzfahrzeuge.
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Pfullingen

Ob im Ernstfall alles klappt? Die Durchsagen auch gehört und verstanden werden? Das alles könnte am Warntag getestet werden. Das baden-württembergische Innenministerium hat die Städte und Kommunen in seinem „Infodienst“ für den Katastrophenschutz explizit „eingeladen, ihre örtlichen Warnkonzepte zu testen und ihre kommunalen Warnmittel, wie zum Beispiel Lautsprecherwagen oder Sirenen zu erproben“. Schließlich sei der Warntag genau hierfür gedacht: „Beim Test der technischen Warninfrastruktur sollen die Abläufe einer Warnung mit den beteiligten Akteurinnen und Akteuren erprobt werden. Auf diese Weise können mögliche auftretende Herausforderungen oder Probleme von den Betreibern der Warnsysteme und von den für die Warnmittel Verantwortlichen identifiziert und im Nachgang behoben werden.“

Feuerwehr sieht keinen Bedarf

Bei der Feuerwehr Reutlingen sieht man keinen Bedarf, das eigene Warnkonzept einem Praxistest zu unterziehen. Auch benötige man keine Rückmeldungen aus der Bevölkerung, ob die Durchsagen überall ankommen und auch verstanden werden. Feuerwehrkommandant Reitter: „Rückmeldungen diesbezüglich liegen uns bereits vor. So ist zum Beispiel bekannt, dass die Lautsprecherdurchsagen, besonders in der kalten Jahreszeit, da die Fenster geschlossen sind, nur teilweise verständlich sind. Aus diesem Grund werden die einzelnen Warnbezirke mehrmals hintereinander, in Schrittgeschwindigkeit abgefahren und die Warnung wiederholt durchgeführt.“
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Reutlingen

Nur nicht am Warntag. Am 8. Dezember um 11 Uhr wird es in Reutlingens Straßen ruhig bleiben. In Pfullingen hofft die Stadtverwaltung dagegen, sich am Warntag beteiligen zu können (siehe Infokasten).

Eigener Warntag in Pfullingen

In Pfullingen soll die Bevölkerung durch drei mobile Sirenen, die auf Einsatzfahrzeugen von Feuerwehr, Bergwacht oder DRK montiert werden können, in Zukunft bei Gefahr alarmiert werden. „Diese Geräte wurden im Frühjahr bestellt und jüngst geliefert“, erklärt Markus Hehn, Pressesprecher der Stadt Pfullingen.
„Wir hätten uns gerne am bundesweiten Warntag beteiligt, aber der zeitliche Vorlauf ist hierfür nun zu kurz.“ Die mobilen Warnsirenen haben die Stadt 16 000 Euro gekostet. „Dies ist als Ad-hoc-Maßnahme zu verstehen, bevor künftig die Installation von Sirenenanlagen im Stadtgebiet geprüft werden kann“, ergänzt Pressesprecher Hehn. Die Freiwillige Feuerwehr Pfullingen plant indes, die Sirenen noch im Dezember an einem Samstag zu testen. „Dieser Test wird vorab angekündigt, um am Ende auch ein möglichst genaues Feedback der Bevölkerung zu erhalten.“

Kommentar: Erneut nicht dabei – wieso?

Redakteur Alexander Thomys kommentiert die Ankündigung der Feuerwehr Reutlingen, sich nicht am bundesweiten Warntag zu beteiligen.
Wer in der Silvesternacht einmal Neujahrsgrüße verschicken wollte, wird mit Skepsis auf den bundesweiten Warntag schauen, an dem alle eingeschalteten Handys in Deutschland mit einer SMS erreicht werden sollen. Schließlich kollabieren die Mobilfunknetze in der Neujahrsnacht mit gewohnter Regelmäßigkeit. Aber genau deshalb ist der Warntag wichtig, um die technischen Möglichkeiten einem Praxistest zu unterziehen. 2020 wurden gewaltige Defizite deutlich. Deshalb ist es verwunderlich, dass sich die Feuerwehr Reutlingen erneut nicht am bundesweiten Warntag beteiligen will. Die Warnung der Bevölkerung liegt innerhalb des Warnkonzeptes der Stadt bei der Feuerwehr, die in einer Antwort auf eine Anfrage unserer Zeitung auf jährliche Übungen verweist. Praktisch durchgeführt wurde eine Warnung zuletzt 2009. Und flächendeckend, im ganzen Stadtgebiet, wohl noch nie. Wie lange würde es im Ernstfall dauern, bis die Lautsprecherdurchsagen in allen Stadtbezirken angelaufen wären? Wie lange, bis die allermeisten Menschen die Warnungen gehört haben? Das sind Fragen, die die Feuerwehr nicht beantworten kann. Der Warntag wäre eine gute Gelegenheit, genau dies zu erproben.
Denn: Warn-Apps hat nicht jeder auf seinem Smartphone installiert, Mobilfunknetze können zusammenbrechen und (lineares) Fernseh- oder Radioprogramm ist nicht mehr überall gängig. Sirenen, ob mobil oder stationär, dürften dagegen viele Menschen erreichen.