Die Entsorgung von schwach radioaktiven Abfällen in Weißenhorn sorgt weiter für Wirbel: Nun hat der Neu-Ulmer Landrat Thorsten Freudenberger reagiert – und angeordnet, dass derzeit kein Material aus dem Atomkraftwerk Gundremmingen im Landkreis Günzburg in Weißenhorn angeliefert wird. Dort steht die Müllverbrennungsanlage des Landkreises Neu-Ulm.
Freudenberger hatte eigenen Angaben zufolge – wie offenbar die meisten Kreisräte auch – erst Anfang vergangener Woche erfahren, dass so genannte freigemessene  Abfälle mit einer Strahlung von höchstens zehn Mikrosievert aus dem Atomkraftwerk in besagter Verbrennungsanlage entsorgt werden.

Kreis Neu-Ulm/Gundremmingen

Gefährdungen ausschließen

Das habe viele Fragen aufgeworfen, die nun so schnell wie möglich beantwortet werden müssten. So lange dies noch nicht geschehen ist, gehe der Landkreis Neu-Ulm auf Nummer sicher. „Die oberste Maxime lautet: Sämtliche Gefährdung der Bevölkerung ausschließen“, betont Landrat Freudenberger und fügt hinzu: „Es geht jetzt um Wissen, Zahlen und Fakten.“ Auch ihm sei etwa völlig unklar, wie stark belastet und gefährlich freigemessenes Material tatsächlich ist – und was es bedeute, wenn dieses in Weißenhorn zusammen mit normalem Gewerbemüll verbrannt wird.
In den kommenden Tagen wollen sich Vertreter des Landkreises Neu-Ulm, des kreiseigenen Abfallwirtschaftsbetriebs und des Kernkraftwerks zusammensetzen, um die Hintergründe offenzulegen, Fragen zu klären. Wie es dann weitergeht? Ist völlig offen. „Das hängt von den Ergebnissen der Gespräche ab“, sagt Freudenberger. Er kündigte einen baldigen Pressetermin an. Dann werde die Öffentlichkeit von allen Beteiligten umgehend über Vorgänge und Ergebnisse informiert.
Der Landrat hat zudem Messungen an und in der Müllverbrennungsanlage angeordnet, die das Landesamt für Umwelt demnächst vornimmt. „Um Gefährdungen auszuschließen.“
Auch der Weißenhorner Bürgermeister Wolfgang Fendt lässt in der Angelegenheit nicht locker. Der parteilose Verwaltungschef hat sich erneut zur Atommüll-Entsorgung geäußert – und eindringlich davor gewarnt, diese auf die leichte Schulter zu nehmen. „Das ist ein ernstes Thema“, sagt Fendt. Vor allem in Hinblick darauf, dass angeblich in den kommenden Jahren bis zu 4000 Tonnen aus Gundremmingen zur Entsorgung nach Weißenhorn gebracht werden sollen – wenn das Atomkraftwerk, wie beschlossen, abgerissen wird.

Gegen Vertrag verstoßen?

Seit 2016 liefert der Kreis Günzburg seinen brennbaren Restmüll in die Verbrennungsanlage nach Weißenhorn. Dies ist zwischen den Landkreisen Günzburg und Neu-Ulm vertraglich geregelt. Der Weißenhorner Bürgermeister mutmaßt, dass der Neu-Ulmer Kreistag nicht darüber informiert wurde, dass auch radioaktives Material darunter ist. Sollte dies tatsächlich der Fall gewesen sein, liege ein klarer Vertragsbruch vor. Dann müssten die Anlieferungen auf jeden Fall gestoppt werden.
Fendt hatte eigenem Bekunden nach aus der Zeitung von den Entsorgungspraktiken und Plänen erfahren. „Ein Unding“, wie er findet. Fendt vertraut auf Landrat Freudenberger, sagt: „Bei ihm ist die Sache in guten Händen. Er kümmert sich drum.“

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Baden-Württemberg

Initiative: Strahlung aus dem Kamin des Müllofens

Konzept „Wie uns Atomindustrie und Politik ihren radioaktiven Müll unterjubeln“, ist der Titel einer Broschüre zum AKW-Abriss von Anti-Atom- und Umweltinitiativen. Darin wird kritisch beleuchtet, dass der Großteil des Abbruchmaterials in den normalen Wertstoffkreislauf, in der Müllverbrennung und auf Bauschutt-Deponien landen sollen.
Strahlung „Freigemessen bedeutet nicht, dass das Material frei von Strahlung ist“, heißt es dort zum üblichen Verfahren, kontaminiertes Material so lange zu schrubben, sandzustrahlen oder mit Säure zu behandeln, bis es nach dem 10-Mikrosievert-Konzept das Kraftwerksgelände verlassen darf. Tatsächlich nehme die Strahlenbelastung dadurch zu.
Verbrennung Wenn das Abrissmaterial verbrannt wird, bleibe die Radioaktivität erhalten, ein Teil im Filter hängen oder sammele sich in der Schlacke. Über den Kamin werde „Radioaktivität in die Umwelt geblasen“. Sie regne ab, kontaminiere Böden, Getreide, Gemüse, Obst.
Link Die Broschüre gibt es zum Download unter www.baesh.de