Personal, Finanzen, Einrichtungen, Infrastruktur. Alles das wäre vom Nuxit betroffen, der den Austritt der Stadt Neu-Ulm aus dem gleichnamigen Landkreis beschreibt. Davon ist Landrat Thorsten Freudenberg überzeugt. Nun hat das von ihm geführte Landratsamt detailliert Stellung bezogen. Gut 60 Seiten umfasst der Untersuchungsbericht der Behörde, der sich mit den Nuxit-Auswirkungen befasst. „Die Kreisfreiheit der Stadt Neu-Ulm bedeutet für den Landkreis in seinen derzeit bestehenden Strukturen einen sehr großen Einschnitt“, sagt Freudenberger. Der Prozess bis zum Austritt sei überaus komplex. „Wir stehen am Anfang des Diskutierens.“
„Es obliegt der Stadt Neu-Ulm, ihre Zukunft selbst zu bestimmen, sei es als Große Kreisstadt im Landkreis Neu-Ulm oder als kreisfreie Stadt“, lautet Landrat Freudenbergers nüchterner Kommentar. Er sagt auch: „Viele Leute fragen derzeit nach dem Warum. Wir haben uns die Debatte nicht gewünscht.“ Das Argument Noerenbergs, die Stadt leide finanziell unter dem Landkreis, lässt er unter Berufung der nun veröffentlichten Untersuchung nicht gelten. Demnach hat die Stadt mehr vom Landkreis profitiert als behauptet.
Finanzen Laut Freudenberger hat die Stadt Neu-Ulm in den vergangenen zehn Jahren Kreisumlagen in Höhe von rund 245,7 Millionen Euro gezahlt. Nach Abzug der anteiligen Bezirks- und Krankenhausumlage verblieben davon noch insgesamt 122,3 Millionen beim Landkreis. Im Gegenzug seien in dem Zeitraum 184,7 Millionen Euro vom Kreis in der Stadt investiert worden. Geld, das dort Bürgern, Einrichtungen, Vereinen und Schulen zugute gekommen sei. Kurzum: Es seien im vergangenen Jahrzehnt also rund 62,4 Millionen Euro mehr in die Stadt Neu-Ulm geflossen als der Landkreis von dieser als Kreisumlage erhalten habe.
Personal 93 Vollzeitstellen fallen derzeitigen Berechnungen zufolge beim Landkreis weg, würde die Stadt sich tatsächlich von diesem lossagen. Der Kreis spare dann voraussichtlich 4,7 Millionen Euro pro Jahr ein. Derzeit hat der Landkreis Neu-Ulm 522 Mitarbeiter, wovon 89 Beschäftigte in Diensten des Freistaats Bayern stehen und von diesem entlohnt werden. Wer und wie viele derzeitige Landkreis-Beschäftigte nach dem Nuxit bei der Stadt tätig sind, ist unklar. Freudenberger verspricht, die Belange jedes betroffenen Mitarbeiters berücksichtigen zu wollen. 
Schulden Mit dem Nuxit erhöht sich nach Einschätzung des Landratsamts die Pro-Kopf-Verschuldung des Landkreises erheblich – von derzeit 332 Euro auf bis zu 501 Euro. Durchschnitt in Bayern: 244 Euro. Wie viel der gemeinsam angehäuften Schulden die Stadt Neu-Ulm mit in ihre Freiheit nehmen muss, sei offen. „Das muss in den Verhandlungen geklärt werden.“
Schulen Laut Landkreis dürfte bei „nahezu allen Schulen“ in Neu-Ulm auch die Zuständigkeit an die Stadt Neu-Ulm übergehen.
Zeithorizont Am Freitag, 15. September, 9 Uhr, befasst sich der Kreistag in einer Sondersitzung mit den Konsequenzen aus dem Nuxit. Ende des Monats tagen Stadt- und Landkreisverwaltung erstmals gemeinsam. Dann soll ein Zeitplan für das weitere Vorgehen entwickelt werden. Es bestehe enormer Klärungsbedarf, sagt der Landrat. „Juristisch, verwaltungstechnisch, politisch“. Die Stadt Neu-Ulm könnte nach Einschätzung des Landkreises im Frühjahr 2018 die Kreisfreiheit offiziell beantragen. Das letzte Wort haben aber die bayerische Staatsregierung und der Landtag in München. Freudenberger ist überzeugt: Auch ohne Neu-Ulm ist der Kreis lebensfähig. „Es läge an uns, einen neuen Landkreis zu gestalten. Das können wir selbstbewusst tun.“ 
Reaktion der Stadt Neu-Ulm Eine Stellungnahme zu den Berechnungen und Schätzungen des Landkreises wollte die Stadt Neu-Ulm am Donnerstag noch nicht abgeben. Auf Anfrage ließ OB Gerold Noerenberg mitteilen, dass er noch keine Zeit gehabt habe, die seit Mittwoch im Rathaus vorliegende Vorlage zu lesen.

Stadträte haben Weichen gestellt

Entscheidung Ende Juli haben die Neu-Ulmer Stadträte beschlossen, die Unabhängigkeit voranzutreiben. Für OB Noerenberg eine richtige Entscheidung. Er geht davon aus, dass seiner Stadt bei einer Selbstständigkeit 4,8 Millionen Euro pro Jahr mehr zur Verfügung stehen.
Vorteile Finanzielle Vorteile seien nicht das einzige Argument. Es gehe darum, die Zuständigkeiten und Kompetenzen zur Stadt zu holen, die die Stadt betreffen: Nahverkehr, Schulen, Kinderbetreuung, Schulen, Sozial- und Jugendhilfe, Seniorenarbeit.