Am Anfang der Stadtratssitzung in der Weißenhorner Fuggerhalle muss Julia Probst ihren Platz bei ihren grünen Fraktionskollegen noch suchen. Ihr gegenüber sitzen an einem eigenen Tisch die beiden freiberuflichen Gebärdensprachen-Dolmetscherinnen Sarah Sterzik und Barbara Askandar. Sie werden von der Stadt Weißenhorn bezahlt und wechseln sich bei ihrer Arbeit ab. Bürgermeister, Stadträte, Verwaltungsmitarbeiter: Die Dolmetscherinnen übertragen alle gesprochenen Worte für die Grünen-Rätin in die Gebärdensprache. Probst ergreift im Lauf der Sitzung auch das Wort. Es geht um eine Stellenausschreibung für eine städtische Gesellschaft.

Erste Wortmeldung: Einsatz für behinderte Menschen

Darin solle doch explizit aufgenommen werden, dass sich auch behinderte Menschen bewerben können. Probst spricht mit einem so genannten Deaf-Akzent und nutzt die Gebärdensprache, eine Dolmetscherin wiederholt die Worte im Plenum, damit sie in der Halle besser zu verstehen sind. Probsts Wunsch wird entsprochen.
Die 40-jährige Mutter übernimmt als Nachrückerin für Christiane Döring, die ins Oberallgäu umzieht. Probst ist die erste gehörlose Rätin in einem bayerischen Stadt- oder Gemeinderat. „Die Gehörlosen-Welt ist klein. Wenn es bereits eine Gehörlose in Bayern in ein politisches Amt geschafft hätte, dann würden wir das wissen“, hatte Probst im April erklärt. Sie engagiert sich schon länger politisch, insbesondere setzt sie sich für die Rechte gehörloser Menschen ein. Auf Twitter folgen der Weißenhorner Aktivistin und Bloggerin knapp 50 000 Personen.

„In ersten 15 Minuten schon 15 Millionen Euro ausgegeben“

In ihrer ersten Sitzung durfte Probst gleich bei einer für Weißenhorn wegweisenden Entscheidung abstimmen: Die Stadt will eine Gesellschaft für den Glasfaser-Ausbau gründen. Ein Großprojekt. „Jetzt haben sie in ihren ersten 15 Minuten als Stadträtin schon 15 Millionen Euro ausgegeben“, scherzte Bürgermeister Wolfgang Fendt.

Keine amtliche Bestätigung

Kandidaten Weder die Kommunalabteilung des Bayerischen Innenministeriums noch der Bayerische Gemeindetag erheben Daten darüber, ob die Bewerber für Stadt- und Gemeinderäte gehörlos sind.