Es ist ein starkes Zeichen gegen Abwertung und Hass, dass die Bewohner des Samariterstifts Grafeneck heute da sind“, betonte Muhterem Aras am gestrigen Montag in einem Zelt auf dem Gelände der Behinderteneinrichtung. Insgesamt sind etwa 260 Personen auf den Hügel zwischen Marbach und Münsingen gekommen, um all jener Menschen zu gedenken, die Opfer des Nationalsozialismus’ wurden. „Mehr als 10 000 Menschen wurden allein hier in Grafeneck vor 80 Jahren ermordet“, so die Präsidentin des baden-württembergischen Landtags. Das Parlament hatte eingeladen, um an diesem Gedenktag in Grafeneck teilzunehmen. Seltsam nur, dass auch in Zwiefalten zur gleichen Zeit eine Gedenkstunde mit Regierungsbeteiligung stattfand.

In grauen Bussen gekommen

Nach Grafeneck waren zahlreiche Opfergruppen zu der Veranstaltung gekommen, israelitische Religionsgemeinschaften ebenso wie Sinti und Roma, Gruppen der homosexuell oder auch der politisch Verfolgten. Sie alle begrüßte Aras ebenso wie Vertreter „der Erinnerungskultur“, denen sie zudem herzlich dankte. „Viele von ihnen sind heute mit Bussen angereist“, betonte die Landtagspräsidentin in einer eindrucksvollen Rede. „Im Jahr 1940 waren die Busse, die hier hinauffuhren, grau und mit abgedunkelten Scheiben.“ Damals wurden die Menschen aus psychiatrischen Einrichtungen in den grauen Bussen in den Tod gebracht. „Vor dem ‚Baden‘, wurde jeder einzelnen Person eine Nummer auf den Körper gestempelt“, berichtete Aras. Nachdem die Todgeweihten sich ausgezogen hatten, wurden sie in die als Duschraum getarnte Todesscheune geführt. „Durch Löcher in den Rohrleitungen kam das Gas.“

Todeskampf dauerte eine Viertelstunde

Die Tötung dauerte rund 15 Minuten, zitierte Muhterem Aras einen Zeitzeugen. „Die Körper wurden aufgestapelt“, die große Zahl der Toten hätte die einzelne Vernichtung nicht möglich gemacht. „Diese Zeilen machen fassungslos“, so Aras. Obendrein angesichts der Tatsache, dass die damalige Tötungsscheune nicht mehr als 20 Meter von dem heutigen Zelt entfernt stand.

Die Frage nach dem Warum

Die Frage stelle sich heute sozusagen automatisch: Warum haben die Täter mitgemacht, fragte Muhterem Aras. Darauf habe es vor allem zwei Antworten gegeben – die eine Tätergruppe habe gesagt, dass es richtig war, die behinderten Menschen zu ermorden. Und die anderen? „Die hatten Angst vor Bestrafung.“ Und das, obwohl einige Beispiele gezeigt hätten, dass Widerstand sehr wohl möglich war, betonte Aras. Was Grafeneck zudem lehre: Der Widerstand war zu gering, als dass er ausgereicht hätte. Aber: „Der Mordeifer hatte eine Vorgeschichte“, betonte die Landtagspräsidentin. Die Meinung sei damals weit verbreitet gewesen, dass Behinderte nicht arbeiten und vor allem Geld kosten.
Pfarrer Frank Wößner ging ebenfalls auf diesen Aspekt ein: „Das Morden in Grafeneck ist gewachsen in den Jahren der Desensibilisierung“, betonte der Vorstandsvorsitzende der Samariterstiftung. Das massenhafte Töten wurde in vielen Jahren der Abwertung von psychisch Kranken vorbereitet. „Die Mitmenschen wurden damals wert- und gesichtslos.“ Damals wie heute sähen wir uns konfrontiert mit einer gewichtigen Tatsache: „Menschenverachtung wird immer eine Möglichkeit der Menschen sein“, so Wößner.  Auch deshalb sei Grafeneck als Gedenkort dringend notwendig, auch „als Ort gegen das kollektive Vergessen“. Leicht abgeändert zitierte Frank Wößner abschließend in seinem Vortrag: „Wo war Gott in Auschwitz – und in Grafeneck?“ Allerdings stelle sich auch die Frage: „Wo war der Mensch in Auschwitz – und in Grafeneck?“

Euthanasie als Testlauf für Holocaust

Für die musikalische Umrahmung der Gedenkstunde sorgte die Brenz-Band mit behinderten Musikern. Professor Hans-Walter Schmuhl von der Universität Bielefeld hielt einen Fachvortrag unter dem Titel „Von der NS-Euthanasie zum Holocaust“. Dabei betonte der Professor, dass „die Euthanasie der Startpunkt für den Holocaust war“. Somit war Grafeneck „die Generalprobe zur Ermordung der Juden“, so Schmuhl. „Mit der Euthanasie wurde die Möglichkeit geschaffen, dass Auschwitz überhaupt geschehen konnte.“ Ansonsten hätte die industriemäßige Ermordung von Millionen Menschen gar nicht funktionieren können. Auch heute könne man sich nicht darauf verlassen, dass die soziale, humane und empathische Entwicklung des Menschen immer weiter gehe. Auch deshalb brauche es mahnende Gedenkorte wie Grafeneck.

Jahrzehntelanges Schweigen

Thomas Stöckle verwies als Leiter der Gedenkstätte Grafeneck darauf, dass „die monströse Dimension von Grafeneck schon früh nach dem Krieg“ klar gewesen sei. „Was folgte, war jahrzehntelanges Schweigen“, so Stöckle. Warum? „Wer hätte für die Opfer sprechen sollen“, fragte Thomas Stöckle. Die Opfer selber waren tot, die Täter schwiegen, was wenig verwunderlich war, genauso wie die Angehörigen. „Und auch die staatlichen Kliniken hatten nichts gesagt.“ Grafeneck „lag jahrzehntelang im erinnerungspolitischen Niemandsland“. Lang hatte es gebraucht, bis das Schweigen gebrochen wurde, erst 1990 entstand die Gedenkstätte in Grafeneck. „Heute kommen jährlich mehr als 500 Gruppen hierher“, sagte der Historiker. Über 30 000 Besucher zähle die Gedenkstätte pro Jahr. Allerdings hatte es auch lange gebraucht, bis 2015 mit Winfried Kretschmann der erste Ministerpräsident des Landes dorthin kam.
„Gedenken ist gelebter Widerstand gegen Menschenfeindlichkeit“, betonte Muhterem Aras am gestrigen Montag. „Kein Mensch darf je wieder Nützlichkeitserwägungen unterworfen werden – niemals und nie wieder“, kommentierte Aras eine AfD-Anfrage im Bundestag. „Wir haben dafür ganz klare Antworten: Der Artikel 1 des Grundgesetzes besagt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.“ Es sei erforderlich, genau das zum Leitsatz in allen gesellschaftlichen Diskussionen zu machen. Als die Gedenkstunde zu Ende ging, schien die Sonne über Grafeneck. An einem Ort, an dem so unglaublich Schreckliches geschehen ist. Wo Menschen andere Menschen zu Tausenden gnaden- und empathielos ermordet haben. Wahrscheinlich schien auch damals, im Jahr 1940, oft die Sonne über Grafeneck.