Richter Joachim Stahl gab sich erstaunt, als sich drei Männer, alle um die 30, und eine Frau auf die Anklagebank setzten. „Wie typische Türsteher sehen Sie gar nicht aus“, sagte der Vorsitzende des Münsinger Amtsgerichts. Dennoch wollten er und der Tübinger Staatsanwalt Jan Vytlacil ganz genau wissen, was sich im Februar 2017 auf einer Alb-Fasnetsveranstaltung abgespielt hatte.

Die vier Angeklagten waren damals als Mitarbeiter einer Security-Firma im Einsatz. Sie wurden über die Lautsprecher im Party-Zelt alarmiert: „Sicherheitsdienst bitte in die Mitte des Zeltes“. Was sich dort im Detail genau abspielte, konnte im Verlauf der fast dreistündigen Verhandlung nicht komplett rekonstruiert werden. Während die Angeklagten von einer Schlägerei mit einer Bierflasche, grobem Gerangel und einem Tumult sprachen, schilderten die beiden jungen Männer, die sich dort mitten im Geschehen befanden und vor Gericht als Zeugen und Geschädigte auftraten, ihre Sicht der Dinge: „Wir haben uns nur umarmt und ein bisschen getanzt“, sagte der eine. Der andere stellte wegen großer Erinnerungslücken, die er auf ausgiebigen Alkohol-Konsum zurückführte, keine Aufklärungshilfe dar. 1,62 und 1,48 Promille hatte die Polizei bei den beiden jungen Männern als Atem-Alkohol-Gehalt festgestellt.

Vorwurf Freiheitsberaubung

Für den Sicherheitsdienst sah offenbar alles nach einer Gefährdungslage aus, und deshalb entschieden sie, einzugreifen. Über das Ziel hinaus schossen die vier jedoch, als sie einen der beiden jungen Männer mit Kabelbindern und den anderen mit Handschellen fesselten und dann auch noch mehr als 15 Minuten in diesem Zustand festhielten, bis die alarmierten Polizisten eintrafen.

Die Angeklagten wiesen auf die auffällige Gewaltbereitschaft der beiden „Störenfriede“ und ihre persönliche Gefährdung hin. Zudem seien sie mehrfach fremdenfeindlich beleidigt worden.

Die Staatsanwaltschaft warf den vier Angeklagten Freiheitsberaubung in Tateinheit mit Nötigung vor und hatte entsprechende Strafbefehle zugestellt. Die Beschuldigten legten jedoch Einspruch gegen die Geldstrafe von jeweils 3000 Euro ein. Richter  Stahl gab zu bedenken, dass man sich im Laufe eines Gerichtsverfahrens auch verschlechtern könne. So zogen zwei der drei Männer und die Frau ihren Einspruch zurück. Auch der letzte verbliebene Angeklagte lenkte drei Zeugenaussagen später ein und akzeptierte den Strafbefehl.

Da das Einkommen der Frau jedoch deutlicher geringer als angenommen ausfiel, reduzierte Richter Stahl die Strafe auf 900 Euro. Zum Schluss wollte einer der Angeklagten wissen, wie nun die richtige Vorgehensweise gewesen wäre. Die Antwort von Richter und Staatsanwalt war kurz und kam prompt: Die Security-Mitarbeiter hätten die Störenfriede vors Zelt begleiten und ohne Handfesseln einfach gehen lassen müssen.