Eine spontane Entscheidung als Ausdruck guter Laune, getroffen in einem kurzen Augenblick der Freiheit nach einer sehr anstrengenden Zeit, nahmen für Georg Blank und seine Familie vor nunmehr 20 Jahren eine dramatische Wendung. Der 33-jährige Familienvater aus dem bayerischen Roggenburg stürzte am 17. Januar 1999 im Lautertal bei einer spontanen Klettertour an einem Felsen rund acht Meter in die Tiefe. Dabei erlitt er schwerste Verletzungen. Dem Zufall und der versierten ärztlichen und pflegerischen Betreuung an der Albklinik ist es zu verdanken, dass der Jungunternehmer nicht an den Folgen gestorben ist, sondern seinen drei Kindern ein Vater sein und als Chef eine Firma aufbauen konnte, die in ihrem Nischenbereich heute Weltmarktführer ist.
„Das was damals passiert ist, war in unserer Familie 20 Jahre lang ein absolutes Tabuthema“, erzählt er bei einem Treffen mit unserer Zeitung im Münsinger Café Moritz. Seine Frau Edith Wiedenmann und seine heute 20-jährige Tochter Diana, die damals gerade sechs Monate alt war, begleiten ihn bei seinem Besuch in Münsingen, der die Familie auch in die Albklinik zu einem Treffen mit dem damaligen Arzt und der Schwester von der Intensivstation führen wird.
„Das war völlig unnötig“, betonte seine Frau. In den Erinnerungen der Familie hat sich der Unfall erst jetzt in Verbindung mit dem 20. Jahrestag einen Platz geschaffen. „Wir waren in einem Gasthof in Dächingen, um den 65. Geburtstag meines Vater Franz Blank zu feiern“, erzählt er. Von dort aus sei die Familie direkt ins Lautertal gefahren, um einen Spaziergang zu unternehmen. Neben Tochter Diana und dem zweijährigen Victor waren seine Eltern Franz und Lydia sowie eine Tante dabei. Und die ungeborene Salome, von der noch niemand etwas wusste. „Ich hatte zweieinhalb Jahre zuvor meine Firma gegründet und seither keinen einzigen freien Tag gehabt“, erinnert sich Georg Blank. Dem Sportler und begeisterten Kletterer ist das nicht leicht gefallen. „Die Sonne schien, ich habe den Felsen gesehen und wollte einfach nur hinauf“.
Als „schlicht leichtsinnig“ stuft seine Frau seine Aktion ein und schüttelt auch 20 Jahre danach bei unserem Treffen den Kopf. Seine Familie hatte denn auch keine Lust, ihm zuzusehen und auf ihn zu warten. Der kleine Tross zog weiter. „Ich bin gut hochgekommen“, berichtet Blank, „doch beim Abstieg ist ein Stück Fels, an dem ich mich festgehalten habe, wohl als Folge des Frosts abgebrochen“. Gut acht Meter stürzte er in die Tiefe, ein scharfkantiger Gesteinsvorsprung zertrümmerte seinen Oberschenkel, er verlor viel Blut und erlitt Brüche an der Hand. Außerdem wurde eine Arterie am Gesäß abgedrückt. Die ist nie wieder richtig verheilt. Letztlich blieb er am Hang liegen. Blanks Familie hatte zwischenzeitlich umgedreht, weil er zu lange nicht aufgetaucht war. „Mein Mann war ansprechbar, aber er hatte große Schmerzen“, erinnert sich seine Frau. Regisseur Zufall führte einen Arzt an den Unglücksort: Der leistete erste Hilfe und verfügte über ein Handy, mit dem er den Notarzt verständigte.
Die Rettungsärzte setzten Blank nach der Erstversorgung unter Narkose. „Ich bin erst wieder auf der Intensivstation in der Albklinik aufgewacht“. Er erhielt mehrere Bluttransfusionen und musste von dem damals diensthabenden Arzt Dr. Manfred Kuntz operiert werden. Dieser ist vor kurzem erst nach Münsingen zurückgekehrt und hat die Leitung des MVZ II an der Albklinik übernommen.
Trotz seiner schweren Verletzungen und großen Schmerzen lehnte Blank die Einnahme von Schmerzmitteln ab. „So mobilisiert der Körper die größten Selbstheilungskräfte“, ist er überzeugt. Keine Erklärung fanden die Ärzte für die, wie er sagt, „wahnsinnigen Kopfschmerzen“. So wurde er nach fünf Tagen nach Reutlingen geschickt, weil nur dort ein CT zur Verfügung stand. Dort zeigte sich, dass der zweite Halswirbel gebrochen war. Als „chaotisch“ schildert er den weiteren Verlauf, denn er wurde von zwei Rotkreuzlern in der Nähe eines Sanitätshauses abgesetzt, ging auf Krücken trotz gefühllosem Bein dorthin, um eine Halskrause und einen Brustgurt zu erhalten. „Ich bin Sportler und hatte eine gute Halsmuskulatur, das hat mich gerettet“, so Blank. Die just zu diesem Zeitpunkt erfolgte Umstellung im EDV-Programm für die Einsatzplanung der Krankentransporte bescherte ihm später noch eine zweieinhalbstündige Wartezeit in der Reutlinger Klinik, bevor er sich entschloss, auf eigene Faust mit dem Taxi nach Münsingen zurückzufahren.
„Als ich in der Albklinik meinen Befund vorgelegt habe wurde ich wie ein König behandelt“, erinnert er sich und schwärmt von der Herzlichkeit und Zuwendung, die er erfahren habe. „Das geht mir heute noch nahe und lässt sich so nur in kleinen Krankenhäusern erleben“, ist er überzeugt. Zum Besuchtermin in der Albklinik kommen neben dem damaligen Operateur Kuntz auch die Intensivschwester Evelyn Thalau, der stellvertretende Pflegedirektor Thomas Heinzelmann und Petra Kirchmann von der Verwaltung. Es gibt durchaus noch Erinnerungen an den damaligen Patienten – und nicht nur jene, die Pressesprecher Eckhard Zieker in der Originalkrankenakte mit auf die Alb gebracht hat. „Nach dem letzten Eintrag werden die Akten 30 Jahre lang aufbewahrt“, erläutert er. „An den gebrochenen Halswirbel kann ich mich gut erinnern“, erzählt Thalau, die damals mit Regina Müller und Manfred Steinhart, die beide auch heute noch in der Albklinik arbeiten, Dienst hatte und Blank für die OP vorbereitete.