Weihnachten ist die Zeit im Jahr, in der Familien zusammenkommen, um miteinander zu feiern, in der Freunde gemeinsam um den Tisch sitzen und auf das Leben anstoßen. Es ist die Zeit im Jahr, in der Leichtigkeit und Glück die Tage regieren sollten. In einem Land, in dem Krieg herrscht, bleibt das freilich ein frommer Wunsch. In der Ukraine blicken die Menschen stattdessen mit großer Sorge auf die kommenden Feiertage.

Endlich wieder nach Hause fahren

In zahlreichen Häusern dürfte es an Weihnachten wohl kalt und dunkel sein. Außerdem werden in diesem Jahr etliche Plätze in den Wohnstuben leer bleiben, weil der Krieg viele Familien auseinandergerissen hat. Es wundert daher nicht, dass die ukrainischen Kinder, die an der Neugreuthschule eine Sprachförderklasse besuchen, einen gemeinsamen Weihnachtswunsch haben: Sie wollen über die Feiertage in die Heimat fahren und ihre Verwandten endlich wieder in die Arme schließen. Sechs Mädchen und zwei Jungs sitzen an diesem kalten Wintermorgen im Unterricht von Tetyana Muravlova und erzählen, wie in der Ukraine die Geburt Christi gefeiert wird. Längst haben auch sie einen Brief an den Weihnachtsmann geschrieben und ihm erklärt, welche Geschenke sie zum Fest gerne hätten. Friede rangiert dabei ebenso weit oben wie der Wunsch, wieder nach Hause zu dürfen. „Ich träume von der Rückkehr“, erzählt die elfjährige Ira aus Mariupol. Sie sehnt sich nach ihrem gewohnten Alltag und vor allem nach ihren Freunden.

Eisbaden mit dem Opa

Der siebenjährige Marc möchte möglichst bald gemeinsam mit seinem Großvater zum Eisbaden gehen. Ein Brauch, den orthodoxe Christen seit Jahrhunderten an Epiphanias, dem Dreikönigstag, praktizieren. Die Gläubigen tauchen dabei in Flüsse, Seen und Teiche ein, um sich symbolisch von ihren Sünden zu reinigen. An diesem Tag schneiden die Ukrainer außerdem ein Kreuz aus dem Eis, wie Marc erzählt. Auf die Frage, ob es dem Opa nicht kalt wird, wenn er in den Fluss Dnipro steigt, lacht der Junge nur: „Nein, nein, das ist nicht kalt“, versichert er.

40 Tage lang wird gefastet

Gefeiert wird Epiphanias in der Ukraine am 19. Januar, da sich die orthodoxe Kirche bei den Feiertagen nach wie vor nach dem julianischen Kalender richtet. Deswegen fällt Heiligabend auch auf den 6. Januar. Allerdings, sagt Tetyana Muravlova, gibt es in ihrem Land auch Katholiken und Protestanten, die wie im Westen üblich am 24. und 25. Dezember an die Geschehnisse im Stall zu Bethlehem erinnern.
Während es sich die Deutschen im Advent mit Plätzchen, Glühwein, Grillwürsten und vorweihnachtlichen Feiern gut gehen lassen, fasten orthodoxe Christen 40 Tage lang bis zum Fest. In dieser Zeit sind an allen Tagen Fleisch, Eier und Milchprodukte verboten, erzählen die Schüler. Am Heiligen Abend versammelt sich die Familie dann um einen großen Tisch, auf dem zwölf Gerichte stehen, alle fleischlos. Für die Kinder am wichtigsten ist dabei Kutja, eine Süßspeise, für die es in jedem Haushalt ein etwas anderes Rezept gibt.

Eine besondere Süßspeise

Das Gericht besteht in der Regel aus gekochten Weizenkörnern, Reis, Mohn, Honig und Zucker. Manche Familien mischen getrocknete Erdbeeren unter die Masse, erzählt der zehnjährige Anton, andere geben Marmelade hinzu, wie die Familie der ebenfalls zehnjährigen Mascha. Jeder am Tisch muss an Heiligabend mindestens einen Löffel Kutja gekostet haben, wissen die Kinder. Wichtiger Bestandteil der Feier sind außerdem die traditionellen Lieder, von denen die Schüler einige auswendig kennen. An der Neugreuthschule haben sie in den vergangenen Wochen auch ein paar deutsche Weihnachtslieder gelernt. Besonders gut gefällt ihnen „Oh Tannenbaum“.

Rote Beete und Hering

Zur Tradition in der Ukraine gehört zudem ein Gottesdienstbesuch am Morgen des ersten Weihnachtstages, weiß Mascha. Danach nehmen alle an einer reich gedeckten Tafel Platz. Nicht fehlen darf dabei Schuba, der Pelzmantel, ein Schichtsalat aus Roter Beete, Kartoffeln, Hering und Mayonnaise. Beliebt ist zudem der Salat Olivier. Erbsen, Wurst, Essiggurken, Karotten, gekochte Eier, eventuell ein Apfel und Mayonnaise gehören in diese gehaltvolle Leckerei, die auch gerne zu Neujahr aufgetischt wird.

Kinder singen für Freunde und Verwandte

Der zweite Feiertag gehört in der Ukraine dann ganz den Kindern, erzählt die zehnjährige Alina. Sie verkleiden sich und besuchen Nachbarn und Verwandte, für die sie Weihnachtslieder singen. Gedichte werden ebenfalls vorgetragen, mit denen der Familie Wohlstand und Gesundheit im neuen Jahr gewünscht wird. Als Belohnung gibt es für die Mädchen und Jungen Süßigkeiten und wenn sie Glück haben auch etwas Geld.

Weihnachtsaktion: „Die gute Tat“

Liebe Leser, dank Ihrer Spenden konnten das Metzinger-Uracher-Volksblatt/Der Ermstalbote, die Reutlinger Nachrichten und der Alb Bote in den vergangenen Jahren viele soziale Projekte unterstützen. Dieses Mal gehen die Spenden an die Vereine „Ermstal hilft“ (inklusive Café Kyjiw) und „Münsingen hilft“. Spenden für die Weihnachtsaktion „Die gute Tat“ richten Sie bitte an SÜDWEST PRESSE Neckar-Alb GmbH & Co. KG unter dem Stichwort „Weihnachtsaktion“ an die Volksbank Ermstal-Alb, IBAN: DE 03 6409 1200 0233 4340 03, oder an die Kreissparkasse Reutlingen, IBAN: DE 33 6405 0000 0000 900 5 40. Eine Spendenbescheinigung wird nach Ende der Aktion ausgestellt. Dazu muss bei der Spende oder Überweisung unbedingt die vollständige Adresse des Spenders angegeben werden. Bei einer Spende bis 300 Euro reicht fürs Finanzamt der Kontoauszug.