Das Leben ist ein Weg, denn Leben heißt bewegen“, sagte Steffen Kaup, der die Gäste im brechend vollen Neuhäuser Bindhof im Namen des Organisationsteams begrüßte. Am Freitagabend stand die vierte „Night of Life“ an. Auf Einladung des Evangelischen Jugendwerks Baden-Württemberg sprachen 13 Redner zum Thema „Wendepunkte: Abschied und Neuanfang“: Spannendes, Heiteres, Mutmachendes und Berührendes aus ihrem Leben berichteten.

Für Musik mit Texten, in denen es ebenfalls um menschliche Erfahrungen und Begegnungen ging, sorgte die Hülbener Band „Wir und die anderen Zwei“.

Das Moderatorenteam Miriam Mourid vom Landesjugendwerk Stuttgart und Tobias Schreiber, Jugendpfarrer in Bad Urach, dankten dem Evangelischen Jugendwerk Bad Urach-Münsingen und den Rednern für ihre Bereitschaft, ihre Lebensgeschichte mit den Zuhörern zu teilen. Genau 500 Sekunden hatten die Referenten Zeit, um, unterstützt durch Powerpoint-Präsentationen, über persönliche Wendepunkte zu berichten.

Die Lehrerin Edeltraud Briegel erzählte unter dem Titel „Pensioniert – und der Vorhang fällt“ über ihr Leben an der Schule. Schon ihre eigene Schulzeit sei für sie prägend gewesen. „Auch mein Vater war Lehrer, ich bin in die Thematik hineingewachsen.“ Als Grundschul-Lehrerin habe sie gewünscht, dass Schüler sich wohlfühlten und entdecken, dass Lernen Spaß macht.

„Als Lehrer bekommt man alle zwei Jahre eine neue Klasse. Kaum läuft alles perfekt, muss man sich wieder trennen“, erzählte Edeltraud Briegel über ihre Abschiede. Zwanzig Mal haben sie diese Klassenwechsel erlebt, bis sie sich bei ihrer Pensionierung 2017 endgültig von Kindern und Kollegen habe verabschieden müssen. „Wenn man immer gerne Lehrerin war und dann auf einmal nicht mehr, fragt man sich: Bist Du als Mensch noch etwas wert?“

Einen Abschied gebe es auch von ihrer Mutter, die sich durch ihre Demenz immer weiter von ihrer Familie entferne. „Doch bei einem Kapellenbesuch habe ich gefühlt, wie mir auf einmal die Last abgenommen wurde.“

Mit ihrer Mutter sei seitdem vieles leichter. „Beim gemeinsamen Singen und Berühren ist die Nähe trotz der Demenz wieder da wie früher.“ Es ginge nicht darum, Pläne zu machen, sondern im Jetzt zu leben und jeden Tag zu genießen.

„Fehler und falsche Abzweigungen gehören zum Leben“, sagte die 18-jährige Annika Rist, zurzeit im Freiwilligen sozialen Jahr beim Jugendwerk Münsingen.

In ihrer Geschichte „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“ berichtete sie über ihre behütete, christlich geprägte Kindheit mit Eltern und zwei Geschwistern in Ravensburg. Als 2014 die Ehe der Eltern zerbrach, war das eine Katastrophe, auf die die Kinder unterschiedlich reagierten. „Meine Schwester wurde immer dünner und hatte schließlich Selbstmordgedanken.“

Sie selbst zeigte durch das ständige Umfärben ihrer Haare, „dass nicht alles in Ordnung war.“ Aus der Krise herausgeholfen hätten ihr ihre Freunde. „Auch Gott hat mich immer begleitet und behütet.“

Marco Kammerer aus Grafenberg erzählte über seinen soliden Beruf als Versicherungsangestellter. „2008 habe ich dann alles aufgegeben und meine eigene Musikschule gegründet.“ Kammerer berichtete nach dem mutigen Schritt über eine Fülle schöner Erlebnisse mit seiner eigenen Band und als Mitglied einer Guggamusikgruppe.

„Bei mir gab es weniger Wendepunkte als vielmehr Abbiegungen“, sagte der aus Berlin angereiste Bundestagsabgeordnete Michael Donth. 1999 bis 2013 war der gelernte Verwaltungswirt Bürgermeister, bevor er in den Bundestag wechselte. „Alles ist sehr durchgetaktet“, sagte er. Sein Arbeitsalltag in seinem Büro, von den Kollegen „Spätzlesbotschaft“ getauft, sei geprägt von Sitzungen, Arbeitsgruppen, Ausschüssen und „Parlamentarischen Abenden“, auf denen Kontakte geknüpft würden.

So unterschiedlich wie die Referenten waren auch ihre Berichte, die von den aufmerksam zuhörenden Gästen im Neuhäuser Bindhof mit viel Beifall bedacht wurden.

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Redner sprachen bei der „Night of Life“ im Neuhäuser Bindhof über Brüche und Wendepunkte im Leben. Mit dabei war die pensionierte Lehrerin ebenso wie der Politiker.