Dabei sein, dazu gehören. Gehört und gesehen werden. Das möchte jeder Mensch, auch Menschen mit Behinderungen. Drei Jahre lang haben Hilke Bugaj und Kerstin Schreyer von den offenen Hilfen im Landkreis Hall dafür geworben. Mit Sonnenhof-Bewohnern führten sie Gespräche mit Passanten in den Fußgängerzonen, besuchten Gesprächsrunden in allen Gemeinden. Vorgestern wurde der Abschluss des Projekts gefeiert.

Das Anderssein ist okay

Mehr als 100 Besucher kommen am Mittwochabend in die Haller Hospitalkirche. Vertreter von Verbänden sind dabei, Menschen, die in sozialen Einrichtungen oder Verbänden beschäftigt sind. Aber auch zahlreiche Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen sind gekommen. Mit ihrer 30-jährigen Tochter Svea am Arm betritt Kerstin Niehuis den Festsaal. Beide freuen sich auf einen schönen Abend, sagt die Mutter. Denn wenn Kerstin Niehuis mit ihrer mehrfach behinderten Tochter sonst Konzerte besucht, sei das manchmal belastend. „Man ist Einzelobjekt, das ist für beide Teile schwierig, für uns wie auch für die anderen Besucher.“ An diesem Abend ist das anders. Wenn Svea Niehuis begeistert ruft oder gestikuliert, weil ihre Freunde auf der Bühne stehen oder ihr die Musik der integrativen Band „Poolrockers“ gefällt, kümmert das keinen.
Besondere Attraktion an diesem Abend ist Verena Bentele, die frühere Biathletin, die zwölf Goldmedaillen bei den paralympischen Winterspielen gewonnen hat. Sie hält den Festvortrag und berichtet davon, welcher Umgang ihr hilft, was sie nervt, an was sie sich selbst abarbeitet. Gegen die Bezeichnung „Behinderte“ setzt sie die Aussage: „Ich bin vor allem in vielem ein Profi. Auch Menschen, die keine Behinderungen haben, können nicht alles.“ Durch ihre Blindheit habe sie andere Fähigkeiten entwickelt. Bereits als Kleinkind habe sie sich am reflektierenden Schall in einem Raum orientiert. „Kannst du besser hören?“, werde sie oft gefragt. „Ich höre besser zu, sage ich meist. Es ist eine Frage der Aufmerksamkeit und eine Frage, worauf wir unsere Konzentration richten.“
Die größten Einschränkungen, so Bentele, seien häufig nicht die Behinderungen sondern das Denken, die Vorurteile. „Grenzen im Kopf entscheiden, ob wir Dinge machen und zulassen.“ Etwa durch festgelegte Spielregeln, die ausgrenzen, begrenzen, einschränken und so dafür sorgen, dass Potenzial ungenutzt bleibt. „In der Blindenschule gab es die Spielregel: Im Haus sollten wir nicht rennen. Es gab dort aber einen langen Flur, einen Holzboden, der knarzte. Für meinen blinden Bruder und mich war es toll, dort zu rennen. Das hatten wir auch zu Hause immer gemacht, fangen gespielt, das Geländer herunter gerutscht.“ Sie habe damals die gute Erfahrung gemacht, dass es hilft, Spielregeln zu hinterfragen, zu verhandeln.

Unkonventionelle Wege finden

Bentele konnte ihre besonderen Fähigkeiten auch deshalb entwickeln, weil sie von ihren Eltern liebevoll gefördert wurde und diese nach Möglichkeiten suchten, ihr ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Kaum einer wäre sonst auf die Idee gekommen, blinde Kinder Skifahren zu lehren, sagt Bentele. „Meine Eltern fuhren rückwärts Ski, fassten die Skispitzen und zogen uns. Das stand auch in keinem Lehrbuch.“ Daraus hat sie gelernt: „Man muss gemeinsam nach Möglichkeiten suchen. Man muss vieles ausprobieren – ich habe das gern gemacht. Inklusion ist aber vor allem auch Teamarbeit.“
Herausgefordert seien nicht nur die Begleiter sondern auch die Menschen mit Einschränkungen. „Beim Trainieren muss ich mich ganz auf den anderen verlassen. Dann kann ich mich nicht mehr selbst schützen.“ An diesem Punkt habe sie auch heute noch an sich zu arbeiten.

Viele Wünsche an den Kreisverkehr. Ein Folgeprojekt ist im Gespräch.

Das Projekt erreichte konkrete Ergebnisse. Wie sich zeigte, war ein Hauptwunsch der Menschen mit Behinderungen, mehr Zeit mit „Normalbürgern“ zu verbringen, etwa gemeinsam kochen oder backen, so Kerstin Schreyer, die mit Hilke Bugaj das Projekt umgesetzt hat. In Vellberg gelang es, mit der Kirchengemeinde zusammen ein Fest zu gestalten.
Abgehängt auf dem Land fühlen sich Menschen mit Behinderungen beispielsweise in Amlishagen. In den Ferien verkehre dort kein einziger Bus, sagt ein Mann in der Diskussions- und Fragerunde. Ingrid Kühnel, Geschäftsführerin des Kreisverkehrs berichtet von guter Zusammenarbeit im Projekt. Gemeinsam wurde ein Kreisverkehr-Flyer in „leichter Sprache“ erstellt. Davon profitieren alle Menschen, die einen schweren Zugang zum Lesen und zu Deutsch haben, hebt Kühnel heraus.
„Wir sitzen alle in einem Bus“, verweist Ingrid Kühnel auf die Plakate, die demnächst in den Bussen des Kreisverkehr aufgehängt werden. „Wir haben mit blinden Menschen eine Schulung gemacht“, erzählt sie. Busfahrer seien daraufhin sensibilisiert worden, direkt an dem mit Noppen versehenen Gehwegbelag an der Bucht zu halten, damit Blinde direkt einsteigen können. Im Gespräch sei auch, künftig im Bus die Haltestellen ansagen zu lassen.
Die Offene Hilfe des Sonnenhofs in Hall hatte den Förderantrag bei Aktion Mensch (Lotterie des Zweiten Deutschen Fernsehens) gestellt. Das Projekt kostete 250 000 Euro, 70 Prozent (175 000 Euro) kam von Aktion Mensch, 30 Prozent trug die diakonische Einrichtung in Schwäbisch Hall. Der Sonnenhof war seit 2014 an dem Thema dran und fand folgende Kooperationspartner: die Evangelische Familienbildung, die Volkshochschule Schwäbisch Hall, die TSG, der Verein Barrierefrei und die Lebenshilfe.
Ein Folgeprojekt ist geplant, unter Leitung von Silke Glassl sollen die aufgebauten Verbindungen vertieft werden. Noch ist unsicher, ob der Sonnenhof dafür von Aktion Mensch den benötigten Zuschuss bekommt. sel