Bereits mit dem wild-stürmischen Orchestervorspiel zu Wagners „Walküre“ wurden die am  Freitagabend im Ludwigsburger Forum schnurstracks in den germanischen Urwald hineingeworfen, dorthin, wo Wotan seine Menschenkinder in einer archaisch brodelnden Finsternis ausgesetzt hat, wo brutale Gesetze, Blutsfehde und Gesetzlosigkeit herrschen.
Doch nicht nur die Menschen sind Teile des Dramas, die Götter selbst sind verstrickt in tragische Zwänge zwischen Gier, Streit, Liebe und Hass. Wagners Figuren sind dabei weder gut noch böse; ihr Schicksal entfaltet sich in mythischer Unerbittlichkeit, ohne dass sie ihre menschlichen Dimensionen verlieren würden.

Ringen um Freiheit

Der Gottvater selbst ringt um Freiheit und eine heilige Ordnung, muss dafür aber den inzestösen Sohn opfern und ist gezwungen, gegen die Liebe zu seinen eigenen Kindern zu agieren. So werden im „Ring“, dem rund sechszehnstündigen Opus Summum Wagners, die Protagonisten der germanischen Götterwelt zu Medien einer kritischen Auseinandersetzung mit der menschlichen Gesellschaft. Wotan erkennt, dass das Heilige allein der freie Mensch ist und nichts höher steht als er.

Revolutionäres Drama

Wagners revolutionäres Drama mündet in die gefährliche Erkenntnis, dass die Welt erst der Zerstörung anheimfallen muss, bevor eine bessere Gesellschaft entstehen kann – schließlich war der Komponist doch selbst in die demokratischen Bestrebungen von 1848 involviert.
„Die Walküre“ steht an zweiter Stelle der Ring-Tetralogie, jenem Konzept eines vollkommen neuartigen Musiktheaters, das der große deutsche Komponist nicht mehr als künstliche, „verdinglichte“ Oper, sondern als Gesamtkunstwerk oder Bühnen(weih)festspiel verstanden haben wollte. Einprägsame Reimstrukturen und eine reiche Leitmotivik (die jeweils für Personen, Gefühle und Gedanken stehen können) schaffen eine vorher nie dagewesene Komplexität in der Musik und den Handlungssträngen.
Kann und soll man „Die Walküre“ konzertant aufführen? Eindeutig ja! Braucht es nicht die Bühne? Eindeutig nein! Die konzertante Ludwigsburger Aufführung legte den Fokus auf die geniale Musik des großen Dramatikers Wagner. Es gab kein Schimpfen über eine zu moderne Inszenierung, da war nur die zeitlose, inspirierte Musik, allenfalls etwas „Kopfkino“.
Die Opernfans im gut besetzten Saal  wurden „Ohren-Zeugen“ einer exzellenten Aufführung. Herausragende Solisten, allesamt Wagnersänger aus der ersten Reihe, sowie die beherzt zupackende Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz unter der  leidenschaftlichen Leitung von Guillermo Garcia Calvo machten den mehr als fünfstündigen Abend im Forum zu einem denkwürdigen Erlebnis.
Musikalisch bilden die Leitmotive den viele Stunden überdauernden Spannungsbogen. Eigentlich ist es vor allem das Orchester, das den Mythos erzählt und dabei tiefgründiger Zusammenhänge aufzuzeigen imstande ist als die vierzehn Solistinnen und Solisten. So gesehen spielte das Orchester die Hauptrolle und schuf den symphonischen Zusammenhang.

Bravo-Rufe

An Wagner scheiden sich freilich bis heute die Geister. Daran hat sich in mehr als einhundert Jahren nichts geändert. Doch die „Wagnerianer“ im Publikum waren am Freitagabend eindeutig in der Überzahl. Frenetische Beifallsstürme, stehende Ovationen und nicht enden wollende Bravo-Rufe. Wer die Aufführung verpasst hat, kann am 25. Mai einen Livemitschnitt auf Deutschlandfunk Kultur anhören.