Vergessen sind Schiller und Konsorten. Der neue König des Deutschen Literaturarchivs heißt Rio Reiser. Neben Schiller, Mörike und Hesse leuchtet nun auch der Ton-Steine-Scherben-Sänger als Stern am Deutschen Dichterhimmel über dem Literaturarchiv. Und dies mit Recht, wenn es nach der Direktorin, Sandra Richter, und der für den Nachlass von Rio Reiser zuständigen wissenschaftlichen Mitarbeiterin Gunilla Eschenbach geht. Reisers Nachlass macht darauf aufmerksam, dass Lyrik von Schiller, Mörike, Heine oder Hesse oft als vertonte Lyrik ins kollektive Gedächtnis einging und als solche immer schon vom Literaturarchiv gesammelt wurde.
Als Gert und Peter Möbius, die Brüder des 1996 gestorbenen Ralph Möbius, Künstlername Rio Reiser, 2017 Kontakt mit dem Deutschen Literaturarchiv aufnahmen, waren die Mitarbeiter „elektrisiert“, so Sandra Richter. Schon seit Langem sammle das Archiv Tonträger deutscher Liedermacher wie Wolf Biermann oder Konstantin Wecker, aber „ein ganzer Nachlass und dann noch so ein gut sortierter von einem der wichtigsten deutschen Texter, das ist eine Premiere“, sagt sie. Gunilla Eschenbach, die für den Nachlass Reisers zuständig ist, ist vor allem überrascht, wie gut geordnet er war. „Rio Reisers Brüder haben ihn von einem Archivar ordnen lassen“, sagt sie.
Als einer der ersten Rockmusiker sang Rio Reiser beinahe ausschließlich deutsche Texte. Sein Pseudonym wählte er 1978 nach dem Roman „Anton Reiser“ des Goethe-Zeitgenossen Karl Philipp Moritz. Zusammen mit seinen Brüdern spielte Reiser jahrelang Theater, auch später schrieb er immer wieder Songs für die Bühne, zum Beispiel für das schwule Jugendtheater „Brühwarm“ und für Stücke von Peter Hacks. Rio Reiser führte Tagebuch und hinterließ eine große Menge von Liedtexten und Entwürfen. Erhalten sind im Handschriftenbestand Unterlagen zur Filmproduktion „Der Doppelgänger“ (1985) aus der Sendereihe „Denkste?!“, in der Rio Reiser sich selbst spielte, das Libretto mit handschriftlichen Einträgen zum Musical „Die Braut der Brüder“, Songtexte und zahlreiche Notenausdrucke mit handschriftlichen Bemerkungen zu Soundeinstellungen, Klavierauszüge von Songs mit Verweisen auf Kassettenaufnahmen, handschriftliche Noten, Songlists und anderes Aufführungsmaterial. Außerdem werden zwei seiner Musikinstrumente übernommen: ein Keyboard und eine Fender-Gitarre.

Texter sind Poeten

Als Mitbegründer, Texter und Sänger der Band Ton Steine Scherben prägte Rio Reiser die musikalische Sozialisation der deutschen Alternativbewegung, der Anarcho- und Hausbesetzerszene der 1970er- und 1980er-Jahre. Die Punk- und Rockmusik dieser und der nachfolgenden Generation wurde nachhaltig von Reiser beeinflusst, Liedtitel wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und „Keine Macht für Niemand“ sind legendär geworden und nach Sandra Richters Definition Liedlyrik.  „Als Bob Dylan 2016 den Literaturnobelpreis für seine Songtexte bekam, wurde klar, dass dies eine Wandlung in der Literaturgeschichte ist. Über die Preisverleihung kann man streiten, aber auch Liedtexter sind Poeten und Lyriker sind“, sagt Sandra Richter.
Unbestritten ist Rio Reisers Einfluss auf die deutsche Poplyrik, „Wir sind Helden“, „Echt“, „Fettes Brot“, Jan Delay und Freundeskreis nennen ihn als Vorbild, und für Herbert Grönemeyer ist Reiser einer der größten deutschen Texter. Blixa Bargeld, Sänger der Band Einstürzende Neubauten, sagte bei Reisers Beerdigung: „Ich habe noch nie jemanden in Deutschland singen gehört und gesehen, der wie Rio in der Lage war, innerhalb von Sekunden eine intime Beziehung, geradezu eine Liebesbeziehung, mit jedem einzelnen seiner Zuhörer aufzubauen.“
Dass Rio Reiser nicht spontan textete, zeigen die Dokumente. Nur das Lied „Der Traum ist aus“, sagte er, textete er in einer Nacht. Anhand der Notizen ist nachvollziehbar, wie sehr er an den Liedern arbeitete, wie viele Schritte es gab, bis das Lied stand. Auch mit der Liedform beschäftigte er sich: Das älteste Dokument der Sammlung ist aus dem Jahr 1917, ein Original-Notenblatt des Maria-Wiegenliedes von Armin Knab, der auch Stefan Georges Texte vertonte, wie er dazu kam, ist nicht bekannt. „Man sieht immer wieder, wie Rio Reiser sich mit der Form des Liedes, mit der Lyrik beschäftigte, um seine Songs so zu gestalten, dass sie singbar waren“, sagt Gunilla Eschenbach. Bei Reiser, so erklärt sie, sind Text und Musik aus einem Guss.

Ironie und Satire

Reisers Stil entwickelte sich zu einem klaren, eindeutigen, wenige Worte notwendigen Text, damit fand er die Sprache seiner Zeitgenossen.  Das zeigt sich in den Texten der Ton Steine Scherben: „Züge rollen, Dollars rollen, Maschinen laufen, Menschen schuften, Fabriken bauen, Maschinen bauen, Motoren bauen, Kanonen bauen. Für wen? Macht kaputt was euch kaputt macht“, aber auch in denen aus seinen Soloalben: „Es ist wahr, dass das Jahr über dreihundert Tage in nur zweiundfünfzig Wochen schafft. Es ist wahr, es ist wahr, dass das Ausland viel mehr Ausländer als Deutsche hat. Es ist wahr, dass die Sonne nicht um die Erde und der Mond nicht um ’nen Fußball kreist. Das ist wahr, aber sonst: Alles Lüge“. Da ist nicht viel Platz für Interpretationen, wenn auch vielen der Hörer, beispielsweise im „König von Deutschland“, die Ironie und Satire nicht bewusst war.
Aus seinem Nachlass ist auch ersichtlich, dass Reiser sich viele Gedanken machte, Tagebücher schrieb. In einem mit Schreibmaschine geschriebenen Blatt erzählt er beispielsweise, dass er mit 17 die erste deutsche Liederoper der Welt schrieb. „Wir hoffen, dass durch diesen Nachlass auch unsere Bestände zum zeitgenössischen Lied, die bisher wenig wissenschaftlich aufgearbeitet wurden, neu in Augenschein genommen werden und durch Rio Reisers Songtexte die Bedeutung bekommen, die sie schon lange haben, als Literatur“, sagt Archiv-Direktorin Richter.  Reiser stehe in einer Reihe mit Vertonungen von Goethe, der Romantiker, der Liedertafeln der Exilanten – alles Sänger und Stimmen ihrer Zeit. „Wir haben einen Medienumbruch in der Lyrik, durch die Verleihung des Nobelpreises an Bob Dylan wurde das öffentlich gemacht, und Rio Reiser ist einer der wichtigsten deutschen Liedtexter“, sagt sie.

Rio Reiser – ein Sängerleben

Rio Reiser war von 1970 bis 1985 Sänger und Texter der Band Ton Steine Scherben. Nach der Auflösung der Band setzte er seine musikalische Karriere als Solokünstler fort. Zu seinen bekanntesten Liedern gehören „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, „Keine Macht für Niemand“ und die Hausbesetzer-Hymne „Rauch-Haus-Song“ sowie „König von Deutschland“ und „Junimond“ aus seiner Solozeit.
Ralph Christian Möbius (Rio Reiser) wurde am 9. Januar 1950 in Berlin geboren und starb am 20. August 1996 in Friesenhagen, Nordfriesland. Dorthin waren Ton Steine Scherben 1975 gezogen, um mit dem Album „ Wenn die Nacht am tiefsten...“ ihre Abkehr von ihren politischen Songs zu vollführen, weil sie sich als „Jukebox der Linken“, so Rio Reiser, missbraucht fühlten. Mit „Keine Macht für Niemand“ (1972) hatte die Band die politischen Zustände auf den Punkt gebracht und nannten das Agitrock. Die „Scherben“ galten als die Stimme der Hausbesetzerszene.
Die heutige Grünen-Politikerin Claudia Roth wurde 1981 die neue Managerin der Band, die sich aber 1985 wegen hoher Schulden, die sie unter anderem hatte, weil die Eintrittspreise unter zehn D-Mark lagen, auflöste.
Mit 200 000 Mark Schulden begann Rio Reiser seine Solokarriere, bei der er immer mit einzelnen Musikern der Ton Steine Scherben begleitet wurde. Innerhalb kürzester Zeit war er durch „König von Deutschland“ und „Junimond“ schuldenfrei. Vielen Fans war es allerdings ein Dorn im Auge, dass das Idol der linksalternativen Szene nun im Fahrwasser der Neuen Deutschen Welle Erfolg hatte. Sie erkannten nicht, dass Reiser alte Scherben-Lieder neu vertont hatte, also immer noch zu seinen Texten stand, wie „Junimond“, „Menschenfresser“, „Irrenanstalt“ und sogar „König von Deutschland“.
Im Jahr 1986 beendete Rio Reiser mit einer Allstar-Band (mit Herbert Grönemeyer, den Rodgau Monotones, den Toten Hosen und Herwig Mitteregger) vor über 100 000 Zuschauern das Anti-WAAhnsinns-Festival. Als letztes Lied spielte er allein am Klavier eine Version von „Somewhere over the Rainbow“. 1988 gab er zwei Konzerte vor der FDJ in Ost-Berlin, das mit „Alles Lüge“ begann.
Rio Reiser starb völlig überraschend im Alter von 46 Jahren an Kreislaufversagen aufgrund innerer Blutungen. Er wurde auf seinem Privatgrundstück in Friesenhagen begraben. Als es verkauft wurde, wurde Reiser auf den Alten-Sankt-Matthäus-Friedhof in Berlin umgebettet. Die Brüder Peter und Gert Möbius kümmern sich um das Gedenken des Künstlers. Im Juni 2019 gaben sie bekannt, dass das Rio-Reiser-Archiv und der Nachlass ihres Bruders ins Deutsche Literaturarchiv nach Marbach gehen soll. Der Bestand umfasst nicht nur Manuskripte, Briefe, private Fotos seiner Familie, Theaterstücke und Drehbücher, sondern auch ein digitales Archiv: VHS-, Hi8-, DV-Kassetten, DVDs und Youtube-Clips mit Konzertmitschnitten, Musikvideos und Filmen, an denen Reiser mitwirkte. Das Literaturarchiv wird im Herbst eine „Zeitkapsel“ zu Rio Reisers Nachlass öffnen. Die Datenbank, die seine Brüder erstellen ließen, soll auf der Homepage des Archiv veröffentlicht werden. sz