Julian Kemmler aus Vaihingen-Kleinglattbach war elf Jahre alt, als er die Diagnose Diabetes bekam. „Das war schon ein großer Schock“, sagt der heute 19-Jährige. Er war im Leitungsteam des Schwimmvereins Bietigheim, machte viel und gerne Sport. „Zuerst denkt man, das ist nun alles zu Ende.“ Doch, so erinnert er sich, er sei zuerst einmal froh gewesen, dass der Grund für die Symptome, an denen er litt, klar war.

Sechs Kilo weniger

Denn Julian Kemmler hatte innerhalb einer Woche sechs Kilo abgenommen, wog nur noch 32 Kilo. Im Friedrich-Abel-Gymnasium Vaihingen schlief er im Unterricht ein, erzählt er, ohne Vorwarnung. Er trank mehr als sechs Liter Wasser pro Tag, hatte ein dauerndes Durstgefühl. Für den Arzt waren diese Symptome sofort das Zeichen, einen Bluttest zu machen. Er wurde nach der Diagnose sofort ins Ludwigsburger Krankenhaus zur Insulin-Einstellung eingewiesen.
Dort bekam der Junge nicht nur gezeigt, wie er sich selbst spritzt und den Blutzucker misst, er wurde auch genau aufgeklärt. „Am Anfang war das alles sehr verwirrend, wieviel muss ich mehr spritzen, wenn ich mehr Kohlehydrate zu mir nehme?“, so der 19-Jährige. Und es wurde ihm gesagt, dass er weiter schwimmen darf, wenn er eine Insulinpumpe trägt.
Seither hat er eine Art Gürtel mit Tasche, aus der je nach Bedarf Insulin durch eine Nadel injiziert wird. Ob Bedarf besteht, erfährt Kemmler durch die Blutzuckermessung, die er machen kann, wenn er denkt, es sei notwendig. Denn ihm wurde eine Art Chip namens Freestyle Libre 2 auf den Oberarm „genäht“, wie er sagt. Mithilfe seines Handys kann er jederzeit die Daten abfragen und manuell bei Bedarf die Insulinpumpe aktivieren. „Man lernt seinen Körper viel besser kennen, man lernt, was man sich zutrauen kann und was nicht“, sagt er.
Zwar war er schon immer sehr sportlich, auch mit dem Schwimmen hatte er schon lange vor der Krankheit angefangen, doch „jetzt mache ich erst Recht Sport, denn mein Blutzuckerspiegel ist viel besser und ich benötige beim und nach dem Sport viel weniger Insulin“, sagt er. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Sport bei Diabetes von Vorteil ist. „Ich musste zwar planen, wenn ich ein Rennen schwamm, dass ich rechtzeitig Insulin pumpte, aber das lernt man“, sagt er.
Nach dem Abitur musste er mit dem Leistungsschwimmen aufhören, weil es in seinem Studienort Tuttlingen keinen Schwimmverein gibt. Aber er geht auch dort zweimal die Woche schwimmen und drei Tage ins Fitness-Studio. Zudem war er Mitglied in einem Mountainbike-Team des Diabetiker-Bundes Baden-Württemberg, das bei Straßenrennen an den Start ging. „Unser Trainer sagte immer, jedes Team, das hinter euch ins Ziel fährt, ist gesund, also seht ihr, was ihr leisten könnt“, sagt Kemmler. Das Projekt soll signalisieren, dass Diabetiker auch Sport, sogar Leistungssport, machen können.

Das Steiner-Prinzip

Für ihn sei Diabetes „keine Krankheit, nur ein kleines Handicap“. „Was kann ich machen, ich muss damit leben, mein Leben lang, also versuche ich, mich zu arrangieren.“ Geholfen hat ihm, so sagt er, das Beispiel des Gewichthebers Matthias Steiner, ebenfalls Diabetiker. Steiner hat ein Buch, „Das Steiner-Prinzip“ geschrieben. „Das hat mir sehr geholfen“. Es brauche schon Disziplin und Selbstkontrolle, um nicht gesundheitlich in Gefahr zu kommen. „Man darf sich nicht immer über Diabetes ärgern, sondern einfach den Blutzucker messen und gut ist“, sagt er.
Julian Kemmler hat auch in Bietigheim eine Freundin, die wie er im Schwimmverein Bietigheim ist. „Sie kennt mich schon lange, hat meinen Insulingurt schon oft gesehen, es macht ihr nichts aus und mir auch nicht“, sagt der 19-Jährige.
Er hat aber ein Studium ergriffen, das mit seiner Krankheit zu tun hat: Als er ein Praktikum bei der Firma Roche in Mannheim machte, der Firma, die auch seine Insulinpumpe herstellt, entschied er sich dazu, Medizintechnik zu studieren, in Tuttlingen, dem Zentrum für diesen Studiengang. „Diabetiker wie ich profitieren von der Weiterentwicklung der Technik, das war schon ein Anreiz für mich, das zu lernen und zu helfen, dass Kranke es einfacher haben“, so Julian Kemmler.

Diabetes Typ 1 entsteht oft innerhalb von Tagen

Im Jahr 2018 befanden sich im Landkreis Ludwigsburg 975 Versicherte der AOK Ludwigsburg-Rems-Murr wegen Diabetes 1 in ambulanter oder stationärer Behandlung. Dies teilt Nina Lägel von der AOK Ludwigsburg­-Rems-Murr mit. Damit sind 0,5 Prozent der Versicherten der Gesundheitskasse im Landkreis von Diabetes 1 betroffen, an Diabetes Typ 2 leiden 7,8 Prozent.
Typ-1-Diabetiker können sich bei medizinischer Notwendigkeit vom Facharzt Hilfsmittel verordnen lassen. Die Entscheidung, ob dieses genehmigt werden kann, ist durch verbindlich festgelegte Paramater des Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen geregelt. So können abhängig von den individuellen Gegebenheiten beispielsweise die Kosten für eine Insulinpumpe übernommen werden. Wird das Hilfsmittel genehmigt, trägt die Kasse die vollen Kosten abzüglich der gesetzlichen Zuzahlung von maximal 10 Euro.
Um die medizinische Versorgung von Diabetikern zu verbessern, bietet die AOK Baden-Württemberg strukturierte Behandlungsprogramme für Patienten mit Diabetes Typ 1 und Typ 2 an.
Bei der Typ-1-Diabetes handelt es sich um eine Autoimmunkrankheit. Das bedeutet, dass das körpereigene Immunsystem, das in erster Linie der Abwehr krankmachender Keime dient, sich aus bislang unklaren Gründen plötzlich gegen die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse richtet und diese zerstört. In der Folge kommt es innerhalb weniger Tage bis Wochen zum Ausbleiben der Insulinproduktion.
Bei Julian Kemmler sind die Langerhansschen Inseln in der Bauchspeicheldrüse abgestorben, wahrscheinlich aufgrund einer Entzündung oder verschleppten Erkältung. Diese Gewebeinseln produzieren Insulin. Bei Diabetes Typ 1 muss das Insulin subkutan per Spritze, Pen oder Insulinpumpe verabreicht werden. Der Typ 1 kommt oft bei Jugendlichen vor und ist nicht heilbar.
Der Diabetiker Bund Baden-Württemberg (DBW) hat das MTB-Diariders-Programm angeboten, dem Julian Kemmler angehörte. Es ist für Jugendliche mit Diabetes: Mountainbike-Rennen fahren und den Diabetes unter extremen Bedingungen im Griff haben. Es wurde ein Team mit sechs Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren aufgestellt. Ziel ist es, durch einen vernünftigen Trainingsplan, die Technik im Mountainbike-Sport zu erlangen und in Rennen umzusetzen und damit den Umgang mit Diabetes im Leistungssport zu erlernen. Der Projektzeitraum endete im Mai, es wird versucht, es zu verlängern.
Unbestritten ist, dass eine stark zuckerhaltige Ernährung zu ernsthaften Krankheiten wie Adipositas und Diabetes Typ II führen kann. Die Zahl der Betroffenen steigt stetig, wie eine aktuelle Versichertenanalyse der KKH Kaufmännische Krankenkasse zum Weltdiabetestag zeigt. Demnach sind bundesweit 41,2 Prozent mehr Menschen im Jahr 2018 an Diabetes II erkrankt als noch zwölf Jahre zuvor. sz