Es ist nicht 5 vor 12, sondern 12 oder sogar 5 nach 12. Wir wollen keine Panik machen, aber die Situation ist kritisch“, sagte Professor Dr. Jörg Martin, Geschäftsführer der RKH-Kliniken, am Mittwoch zur aktuellen Corona-Lage. „Wir dachten, wir hätten das Schlimmste überstanden, dem ist aber nicht so“, ergänzte Dr. Johannes Naser, Facharzt für Intensivmedizin sowie Covid-19-Koordinator der RKH-Kliniken.

Anstieg der belegten Betten

Die Intensivstationen seien belastet, aber auch im Normalstation-Bereich steige die Anzahl an Covid-19-Patienten. Aktuell gebe es 350 Intensivbetten in Baden-Württemberg, die von Covid-19-Patienten belegt seien. „Spätestens am Wochenende wird die Alarmstufe überschritten“, prophezeite Naser. Dann seien es über 390 Intensivbetten, belegt von Corona-Patienten.
Die Pandemie spiele sich vor allem bei Jüngeren ab, „aber auch die gut durchgeimpften Über-80-Jährigen belasten das Krankenhaussystem“, so Naser weiter. Es sei prinzipiell eine „Pandemie der Ungeimpften“, durch die große Gesamtzahl an Infizierten komme es aber zu vielen Impfdurchbrüchen. Und doch stelle die Impfung einen effektiven Schutz vor Hospitalisierung dar.

Pandemie-Entwicklung

Prognosen zeigen ein sehr pessimistisches Bild der Pandemie-Entwicklung in den nächsten zwei Wochen. Sie gehen von 500 Covid-Intensiv-Patienten aus, was 40 Prozent aller vorhandenen Beatmungsbetten entspreche. Auch die Kapazitäten der Normalstation würden sich verdoppeln. Insgesamt stehe die akute Krise in der Krankenhausversorgung unmittelbar bevor, sagte Naser und mahnte, dass Versorgungsengpässe drohten. Das betreffe vor allem Notfallpatienten, aber auch Menschen mit dringlichen Diagnosen. Die Suche nach freien Betten zur Nachbehandlung elektiver Patienten (Behandlung nicht akut, aber dringend) dauere; vielleicht auch zu lange. „Man wird zum Kollateralschaden der Pandemie“, sagte Professor Dr. Martin Schuster, Ärztlicher Direktor der RKH-Kliniken Karlsruhe.

Krankenhauspersonal fehlt

Problem seien dabei nicht nur die fehlenden Betten, sondern auch fehlendes Personal, erklärte Martin. Bundesweit gebe es seit der Pandemie fast 30 Prozent weniger Pflegekräfte, gab Professor Dr. Götz Geldner, Ärztlicher Direktor im Klinikum Ludwigsburg, zu bedenken. Im Ludwigsburger Krankenhaus lag die Anzahl an Intensivbetten (High-Care-Betten, also mit Beatmung) bis Juli 2020 bei 27, wurde Anfang 2021 auf 33 erhöht und liegt seit Juli 2021 bei 18. „Wir haben auch einen relativ hohen Krankenstand“, erklärte Martin. Im Oktober waren es 7,18 Prozent im Klinikum Ludwigsburg.
Der Impfstand der Pflege-Mitarbeiter liege in den RKH-Kliniken aber auch nur bei 74 Prozent, 347 von 473 Pflegekräften sind immunisiert. Der RKH-Chef sprach sich für eine Impfpflicht für Krankenhaus-Personal aus, wie es Frankreich vorlebe (Impfquote liege bei 95 Prozent beim Krankenhauspersonal). „Warum hat bei uns keiner den Mut dazu?“ Seit dieser Woche müssen sich nun auch geimpfte Mitarbeiter zwei Mal pro Woche testen lassen, Ungeimpfte täglich. Kostenlose Tests für Geimpfte und Genesene wären insgesamt hilfreich, so Martin. Ebenso eine 2G-Regelung – in den RKH-Kliniken gilt diese bereits für Besucher.
„Während der dritten Welle habe ich gesagt, dass das Gesundheitswesen zu keiner Zeit überlastet war, das trifft noch immer zu, aber die vierte Welle ist stärker als erwartet“, so Martin, der vor allem auch die Planlosigkeit der Politik kritisiert und den Stopp der Diskussion um die Aufhebung der Pandemie-Lage fordert. Diese Verharmlosung der Situation sei fatal. Eine Booster-Impfung für alle sei der richtige Weg.

Finanzen sehen schlecht aus

Martin fordert außerdem einen Krankenhaus-Rettungsschirm. Die RKH-Kliniken könnten die nötigen Leistungszahlen auf keinen Fall erreichen. „Leistungsfähige Krankenhäuser werden bis ins Mark getroffen.“ Das Defizit liege bei den RKH-Kliniken im hohen einstelligen Millionenbereich. Martin wünscht sich eine unbürokratische Auszahlung wie in der zweiten Welle.
„Wir werden auch die vierte Welle meistern. Aber es kann zu schwierigen Situationen kommen“, resümiert Jörg Martin.