Auch im Kreis Ludwigsburg soll seit 2015 nicht mehr CO2 in die Atmosphäre gelangen, als abgebaut werden kann. Heißt: Jeder Mensch sollte bis 2050 weniger als zwei Tonnen CO2 pro Jahr verbrauchen. Wie das gehen soll und was Kommunen beim Klimaschutz leisten können, erklärt Dennis Fricken, Klimaschutzmanager des Landkreises.

Der Weltklimarat fordert ein radikales Umdenken. Was bedeutet das für Kommunen?

Dennis Fricken: Das bedeutet, dass wir verstärkt Maßnahmen im Bereich der kommunalen Energieversorgung ergreifen müssen. Neben einer klimaneutralen Kommunalverwaltung ist es eine der zentralen Aufgaben, den öffentlichen Nahverkehr klimafreundlich auszubauen. Der trockene Sommer hat uns vor Augen geführt, was es für Auswirkungen haben kann, wenn solche Sommer zunehmend die Regel sein werden.

Können die Gemeinden das Klima retten?

Den Städten und Gemeinden kommt eine zentrale Rolle bei der Umsetzung sinnvoller Maßnahmen zu. Kommunen können auf ihre Weise einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, indem sie zum Beispiel ihrer Vorbildfunktion nachkommen und über Klimaschutzmaßnahmen informieren. Auch wenn der Beitrag einer einzelnen Stadt oder Gemeinde nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirkt: Gemeinsam sind die Klimaschutzziele erreichbar. Dafür müssen aber alle mitmachen.

Wird das Thema von allen ernst genug genommen?

Viele Städte und Gemeinden im Landkreis Ludwigsburg sind besonders im Bereich der Energieeinsparung bereits sehr aktiv. Gelungene Projekte werden von Bürgermeistern gern genutzt, um auf die eigenen Aktivitäten aufmerksam zu machen. Teilweise ist das Bewusstsein für den Klimaschutz noch im Aufbau und eines der wesentlichen Ziele unserer Arbeit. Neben dem aktuellen Thema Klimaschutz drängen oft auch andere aktuelle Themen in den Vordergrund und erschweren die Umsetzung von Maßnahmen.

Im Kreis haben nur sechs Kommunen und der Landkreis den Klimaschutzpakt des Landes unterschrieben. Was sagt das aus?

Mit dem Klimaschutzpakt bekennen sich die Kommunen zur Vorbildwirkung der öffentlichen Hand beim Klimaschutz und zu den Zielen des Klimaschutzgesetzes. Der Landkreis hat stellvertretend für alle 39 Kreiskommunen den Pakt unterzeichnet. Zusätzlich haben sechs Städte und Gemeinden die Relevanz des Themas bekräftigt. Ich glaube und hoffe, dass Klimaschutz verstärkt ins Bewusstsein kommt und für die Kommunen immer mehr als freiwillige Aufgabe an Stellenwert gewinnt.

Wo können die Kommunen konkret einwirken?

Der Anteil des Verkehrs an den CO2-Emissionen liegt im Landkreis bei 31 Prozent. Damit liegen wir über dem Landesschnitt von 28 Prozent. Der Verkehrssektor ist eine zentrale Stellschraube. Die Verkehrswende wird bei uns oft als Antriebswende diskutiert – also die Umstellung vom Verbrennungsmotor auf alternative Antriebe wie den Elektromotor. Vielmehr sollten wir darüber nachdenken, was wir tun können, um eine Mobilitätswende herbeizuführen: Stärkung des Fuß- und Radverkehrs, des ÖPNV, Carsharing-Modelle. Auch im Bereich der Energiewende liegt ein großes Potenzial: Im Kreishaus haben wir beispielsweise in den letzten Jahren die komplette Lichtanlage auf LED umgestellt. Wir haben eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach des Landratsamts. Aktuell schauen wir, dass wir unseren Fuhrpark auf E-Mobilität umstellen.

Gibt es Vorzeige-Projekte?

Mit dem Klimaschutz-Modellprojekt des Bundesumweltministerium Solar-Heat-Grid (zwischen Ludwigsburg und Kornwestheim, die Red.) entsteht eines der größten Solarfelder in ganz Deutschland. Nach Fertigstellung wird in den Sommermonaten ein Großteil des Wärmebedarfs von dieser Anlage bereitgestellt und in das erweiterte Verbundnetz der Stadtwerke eingespeist.

Stichwort E-Mobilität. Es braucht ein einfaches und flächendeckendes Netz von Ladestationen. Da hakt es aber auch im Kreis.

Auch da sehe ich noch viel Potenzial. Ein flächendeckendes Netz an Ladestationen ist bei uns im Landkreis im Aufbau begriffen. Die Stadtwerke im Landkreis haben das bereits als Aufgabe erkannt und bauen das Netz schrittweise aus. Das ist die Grundvoraussetzung – wie bei vielen anderen Dingen im Bereich Mobilität: Auch der ÖPNV muss attraktiver gestaltet sein, damit die Menschen auf klimafreundlichere Mobilität umsteigen. Eine Stadtbahn von Remseck über Ludwigsburg bis Möglingen, Markgröningen oder Schwieberdingen wäre dazu ein ganz wichtiger Schritt.

Der Kreis hat sich bis 2050 Klimaneutralität auf die Fahnen geschrieben. Geht es auch schneller?

Das Klimaschutzkonzept des Landkreises stellt die Leitplanken für eine Entwicklung hin zur Klimaneutralität dar. Das Problem ist generell, dass 2050 weit in der Zukunft liegt und viele Entwicklungen nicht oder nur schwierig abgeschätzt werden können. Gerade was die Bereiche der technischen Entwicklung oder der gesetzlichen Rahmenbedingungen angeht. Leider wird eher mal was auf morgen verschoben.

Dann machen wir doch einfach 2040 daraus. Das liegt näher.

Wenn wir konsequent handeln, könnten wir es sogar bis 2030 schaffen. Natürlich wäre der Nutzen größer, wenn wir es bis 2030 schaffen. Das ist aber psychologisch nicht so einfach. Viele werden sagen: ‚Bisher haben doch auch die 2050-Ziele gereicht.‘ Grundsätzlich bringen uns jedoch die ehrgeizigsten Zielsetzungen nichts, wenn wir nicht anfangen zu handeln und unserer Verantwortung nachkommen.

Weshalb formuliert man keine Zwischenziele oder konkrete Aufgaben?

Das ist tatsächlich das allgemeine Problem beim Klimaschutz: Die internationalen oder nationalen Ziele sind oft schwammig gehalten und dienen eher als Orientierungslinien. Für die Bevölkerung wäre es sicher einfacher, wenn man ganz konkrete Ziele hat. Wir haben im Landkreis daher für die kommenden Jahre Maßnahmen und Aufgaben formuliert, mit deren Umsetzung wir versuchen, den Klimaschutz sichtbar und fühlbar zu machen.

Und zwar?

Wir haben bereits ein Unternehmensnetzwerk initiiert: Unternehmen unterschiedlicher Branchen werden unter professioneller Anleitung ein Jahr lang neben den Energiethemen auch die Bereiche Abfallwirtschaft, Mobilität, umweltfreundliche Beschaffung und Mitarbeitersensibilisierung behandeln. Ein weiteres Energieeffizienz-Netzwerk möchten wir für unsere Kreiskommunen aufbauen. Des Weiteren möchten wir mit dem Klimaschutzpreis, den wir dieses Jahr erstmalig ausgeschrieben haben, berufs- und allgemeinbildende Schulen im Landkreis für ihre bereits getätigten Klimaschutzaktionen belohnen.

Der meiste Energieverbrauch und der Großteil des CO2 kommen von Verkehr und Privathaushalten. Was kann da getan werden?

Wir müssen beispielsweise im Verkehrssektor attraktive Angebote und Alternativen schaffen. Aktuell laufen zwei Machbarkeitsstudien für zwei Radschnellwege. Über bewusstseinsbildende Maßnahmen wie das Stadtradeln wollen wir zudem sensibilisieren. Ein wichtiges Ziel ist es, dass wir Mobilität variabler gestalten. Das bedeutet, das Fahrrad und den ÖPNV stärker zu nutzen bringen. Im Schnitt ist eine Autofahrt elf Kilometer lang, sehr viele Fahrten liegen darunter. Gerade in der Stadt gibt es da viel Potenzial.

Dann braucht es ein gutes Radwegenetz. Wie sehen Sie da die Kommunen aufgestellt?

Da sehe ich noch Luft nach oben. Das zeigt auch unser Fahrrad-Radar, bei dem Bürger störende und gefährliche Stellen und Strecken melden konnten. Da ist recht viel zurückgekommen. Der Radverkehr macht im Kreis ohnehin noch keinen hohen Anteil aus. Wir liegen deutlich unter zehn Prozent, in ländlichen Gebieten sogar nur bei fünf oder sechs.

Wieso schafft man dann nicht bessere Voraussetzungen?

Generell dauert bei uns in Deutschland vieles zu lange. Zum Beispiel bei den Radschnellwegen. In Holland ist das bereits sehr populär. Ich habe kürzlich mit einem Repräsentanten von dort gesprochen. Der formulierte etwas überspitzt: ‚Wir Niederländer bauen Radschnellwege und schauen dann, wie das rechtlich geregelt wird.‘ In Deutschland arbeiten wir erst mal ein umfassendes Regelwerk aus und setzen das Vorhaben dann eventuell um. Bei uns würde ich mir auch oft wünschen, dass man konkreter und praktischer vorgeht.

Überschrift Infokasten einzeilig

Anlauf steht hier T
Werden kommendes Jahr neue Bilanz, gibt es neue Zahlen. Ziemlicher Aufwand. Wollen ja Shcritt für Schritt zu unter „T CO“ bis 2050, wäre schon gut, wenn deutlich von 7,48 Tonnen pro Kopf, deutlich Richtung 7, nicht schlecht. D um die 9, liegen schon besser. msc

Zur Person: Dennis Fricken

Gemeinsam mit Sigrid Kopitz bildet Dennis Fricken seit 2017 das erste Klimamanager-Duo des Landkreises Ludwigsburg. Der 32-jährige Ostfriese ist studierter Geograf, Schwerpunkt globaler Wandel und regionale Nachhaltigkeit. Nach dem Studium arbeitete Fricken als Klimaschutzkoordination für das Land Tirol in Österreich sowie für das Klimabündnis Tirol und das dortige Institut für Naturgefahrenmanagement. msc