Freudenstadt · Medizin: Fachübergreifend therapieren

Dr. René Hennig (links) operiert im Freudenstädter Krankenhaus mit neuester Technik.
KLFBei einer medizinischen Fortbildung im Freudenstädter Hotel „Teuchelwald“ stellten die federführenden Ärzte vor, welche diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten ein Darmkrebszentrum bietet.
Dr.René Hennig, seit Januar 2019 Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie, sagte, er sei mit dem Ziel nach Freudenstadt gekommen, ein Darmkrebszentrum zusammen mit Prof. Klaus Fellermann, Chefarzt der Medizinischen Klinik I, aufzubauen. „Nicht allein der Chirurg oder der Internist soll entscheiden, was gemacht wird.“ In Kooperation wird beratschlagt, welche Therapie bei einem Patienten mit Darmkrebs angewendet wird. Bei den wöchentlichen Konferenzen, Tumorboards genannt, ist auch der Tübinger Pathologe Dr. Hans Bösmüller zugeschaltet. Das Ergebnis der Beratung, das Konferenzprotokoll, geht dann auch an die Hausärzte der Patienten.
Bei nuklearmedizinischen Untersuchungen, bei denen Tumorzellen mit schwach radioaktiven Substanzen markiert werden, um sie aufzuspüren, arbeitet das Freudenstädter Klinikum mit der Tübinger Uniklinik oder dem Stuttgarter Katharinenhospital zusammen.
Voraussetzungen erfüllen
Um als Darmkrebszentrum zertifiziert zu werden, muss ein Krankenhaus einige Voraussetzungen erfüllen. So müssen zwei erfahrene Darmoperateure zur Verfügung stehen, onkologisches, also in der Behandlung von Krebspatienten erfahrenes, Fachpflegepersonal, muss vorhanden sein und eine regelmäßige Teilnahme an medizinischen Studien ist gefordert. Diese an Universitätskliniken übliche Praxis ist für ein Krankenhaus der Regelversorgung schwierig, sagte Hennig.
Prof. Dr. Klaus Fellermann ließ durchblicken, dass Chirurg und Internist nicht immer einer Meinung sind. In der Diagnostik sei es ein Streitpunkt, „was der Internist braucht und der Chirurg gern hätte“. Einig sind sie sich, dass Männer über 50 Jahren und Frauen über 55 Jahren die angebotenen Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen sollten. Seit diesem Jahr werden diese Altersgruppen per Brief eingeladen. Derzeit sei es allerdings coronabedingt schwierig, einen Termin zu bekommen, merkte ein niedergelassener Arzt an.
Der Darmkrebs ist die dritthäufigste Todesursache bei Krebspatienten. Vom bösartigen Dickdarmkarzinom sind Männer häufiger als Frauen betroffen und gehen seltener zur Vorsorgeuntersuchung. Als „Goldstandard“ bezeichnete Fellermann die Koloskopie (große Darmspiegelung). Bei der Untersuchung auf Blut im Stuhl werden häufig nur fortgeschrittene Darmkrebserkrankungen erkannt. Ziel der Vorsorge sei es, die noch gutartige Vorstufe eines Karzinoms aufzuspüren und zu entfernen.
Kombinierte Therapie
Im Freudenstädter Krankenhaus werden Darmtumoren, wenn möglich, laparoskopisch entfernt. Dabei werden Kamera und Instrumente vom Ende her in den Darm eingeführt. Als eine der ersten Kliniken in Baden-Württemberg setzte das Freudenstädter Klinikum die neuen 3D/4K-Kameratechnik ein, die gegenüber dem herkömmlichen, zweidimensionalen Bild zusätzliche Informationen liefert.
Bei den Tumoren des Enddarms (Rektum) führt nicht mehr nur die Operation zur Heilung. Auch die Radiochemotherapie (kombinierte Strahlen- und Chemotherapie) kann den Tumor verschwinden lassen, berichtete Dr.Axel Becker, Leiter der Strahlentherapie Horb. Die Frage, ob eine Operation verzichtbar sei, hätten zuerst brasilianische Ärzte gestellt. Sie konnten nachweisen, dass sich die Überlebenszeit der Patienten nicht unterschied, wenn sie nach der Behandlung mit Radiochemotherapie oder Operation als tumorfrei galten. Allerdings war die Fallzahl für eine wissenschaftliche Studie sehr klein.
Als „wahrscheinlich neuen Standard“ beim Rektumkarzinom bezeichnete Becker die „totale neoadjuvante Therapie“ bei der Strahlen- und Chemotherapie sowie Operation nacheinander angewandt werden.
Mit der Kooperation zwischen Klinikum Freudenstadt und Strahlentherapie Horb sind die Voraussetzungen dafür geschaffen.
Besondere Vorsichtsmaßnahmen bei Ärztetreffen
Über einhundert Anmeldungen gingen für die Veranstaltung ein.
Angesichts steigender Coronazahlen zu viele, um alle Interessierten an einem Abend zusammenzubringen. Für Klinikmitarbeiter wurde ein Alternativtermin angeboten. Die Teilnehmer an den Vorträgen im „Teuchelwald“ mussten den ganzen Abend über und auch an ihren Plätzen Alltagsmasken tragen. Zudem wurde genau notiert, wer auf welchem Stuhl saß.
Diese Vorsichtsmaßnahmen waren mit dem Gesundheitsamt abgestimmt. So müssten, falls ein Teilnehmer im Nachhinein positiv auf das Coronavirus getestet würde, nur seine Sitznachbarn in vorsorgliche Quarantäne. Das Gesundheitsamt wollte wohl sichergehen, dass nicht rund 50 Mediziner gleichzeitig ausfielen.